Von Klappstühlen und Schmetterlingen

Am 12. und 13. September 2013 fand im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin das Symposium „In die Wiege gelegt. Buchstützen für die Präsentation von geöffneten Büchern in Ausstellungen“ statt. Ursprünglich wegen des vermeintlich zu speziellen Themas nur für eine kleine Anzahl an Teilnehmern gedacht, rollte eine solch große Welle von Anmeldungen über die beiden Organisatorinnen Michaela Brand (DHM) und Hanka Gerhold (Kupferstichkabinett Berlin), dass sie dankenswerter Weise den Teilnehmerkreis auf 100 erweiterten und die Veranstaltung in das großartige Zeughauskino des Museums verlegten.

Während des gut besuchten Symposiums über Buchstützen. (Foto Heike Sommerfeld)

Der erste Tag des Symposiums begann mit einer freundlichen Begrüßung durch die Leiterin der Abteilung Ausstellungen, Ulrike Kretzschmar, und zwei ins Thema einleitenden Vorträgen über die Bücher in den Sammlungen des DHM (Dr. Matthias Miller, Leiter der Bibliothek und Sammlungsleiter Alte und wertvolle Drucke des DHM) sowie über das Ausstellen von Büchern aus kuratorischer Sicht (Dorlis Blume, Kuratorin des DHM). Anschließend gab die Gastreferentin Prof. Lieve Watteeuw von der Universität Leuven, Belgien, einen reich bebilderten Abriss über die Präsentation und die Aufbewahrung von Büchern im historischen Kontext. Danach gewährte uns Michaela Brand einen erhellenden und immer wieder sehr amüsanten Einblick in ihre langjährige Tätigkeit als Buchrestauratorin am DHM. Ob es um die professionelle Herangehensweise an Ausstellungsprojekte oder um die Entwicklung optimaler Präsentationslösungen für Bücher ging – wir alle konnten nur staunen, aus welch’ großem Erfahrungsschatz sie schöpft. Der Tag endete mit der Besichtigung der Bibliothek und des sogenannten Zwischendepots des DHM. Dieses großzügig bemessene, mit ausreichend Arbeitstischen und Regalen ausgestattete Depot dient allein der Ausstellungsvorbereitung. Hier werden Leihgaben oder hauseigene Objekte aus den Außendepots des DHM in Empfang genommen und bis zur Installation in der Ausstellung aufbewahrt. 

Die Vorträge des ersten Tages bildeten eine wunderbare theoretische Grundlage für den kommenden zweiten Tag, der ausschließlich dem Kernthema des Symposiums gewidmet war: den Buchstützen als unersetzliche Präsentationshilfe für Bücher in Ausstellungen. Hanka Gerhold besprach die unterschiedlichen, vielschichtigen Anforderungen an Buchstützen und stellte damit ihre Diplomarbeit zum gleichen Thema am Studiengang Konservierung und Restaurierung für Kunstwerke auf Papier, Archiv- und Bibliotheksgut der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart vor. Die von ihr in ihrer Arbeit zusammengestellte Mustersammlung an Buchstützen wurde dankenswerterweise vom Studiengang zur Verfügung gestellt. Sie umfasst unterschiedlichste Buchstützenmodelle aus fünf Materialgruppen, die von Restauratoren, Ingenieuren, Designern und Architekten entwickelt wurden; einige Modelle werden seit Jahren in Ausstellungen eingesetzt, während andere Modelle erst in jüngster Zeit entwickelt wurden.

Hanka Gerhold stellte uns die von ihr untersuchten Buchstützen nach Materialgruppen gruppiert vor: Buchstützen aus Schaumstoff und Textil (Filzrollen, Buchkissen), aus Karton („Wolfenbütteler Modell“, „Münchener Modell“, „Berliner Modell“, „Kasseler Modell“), aus Kunststoff (Beispiele aus Plexiglas, Vivak und Mylarfolie, Plaxisglasröhren, „Modell Lücking“, „Marbacher Modell“, „Benchmark Butterfly“) und aus Metall („Nürnberger Modell“, „Ehrler Buchwippe“, „DHM/Dützer-Modell“, „Darbre/Schalcher-Modell“). Jeder Vortrag wurde durch eine reich bebilderte Präsentation unterstützt und in den meisten Fällen von einer Vorführung des entsprechenden Buchstützenmodells begleitet. Alle vorgestellten Buchstützen standen aufgereiht auf dem Podium und wurden in den Pausen interessiert von den Teilnehmern begutachtet. Die Modelle wurden entweder von Hanka Gerhold selbst oder aber von den sehr treffend als „Buchwiegenpaten“ bezeichneten Kollegen, die das jeweilige Modell (weiter-)entwickelt oder zu ihrer Verbreitung und Akzeptanz beigetragen haben, vorgestellt.

Bei der technischen Ausrüstung für die Präsentationen übertraf sich das DHM selbst. Zwei Techniker sorgten für das gute Gelingen des Symposiums. Neben der bewährten Powerpoint-Präsentation konnte auf Zuruf auf eine „Live“-Kamera umgeschaltet werden, sodass dem staunenden Publikum die Konstruktion der Buchstützen direkt am Modell vorgeführt werden konnte. Das ersparte komplizierte Beschreibungen und war allen eine große Freude!

Es wurde sehr schnell deutlich,  dass es die ultimative Buchstütze nicht gibt. Die Auswahl einer Buchstütze ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig, so z.B. von Ausstellungsdesign und –architektur, von den finanziellen Mitteln und zu guter Letzt natürlich vom Exponat selbst. Einige Modelle sind sehr zurücknehmend und fallen – vor allem bei richtiger Beleuchtung – kaum auf, andere Modelle unterstreichen wirkungsvoll die gewünschte Präsentation. Einige Modelle sind kostengünstiger und einfach herzustellen, andere Modelle sind dagegen kostspielig, dafür jedoch durch ihre flexiblen Einstellmöglichkeiten mehrfach einsetzbar. 

Viele der vorgestellten Buchstützen waren dem Fachpublikum bereits bekannt. Gerade dadurch fühlte man sich als Teilnehmer des Symposiums in seiner Arbeit bestätigt. Andere Buchstützen waren in ihrer Materialität, Konstruktion oder Gestaltung völlig neu und erlaubten den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. So staunten wir Zuhörer über das „Kasseler-Modell“ aus Karton, welches in Anlehnung an die Steckkonstruktion eines IKEA-Liegestuhls entstand. Oder über die metallene Buchstütze aus der Schweiz von Darbre und Schalcher, auf denen die Bücher wie Schmetterlinge zu fliegen scheinen.

Rund um die Präsentationen wurden mit dem Publikum ungezwungen Vor- und Nachteile diskutiert und immer wieder hilfreiche Tipps z.B. zu Materialien oder Sonderfällen  gegeben. Auf Themen wie das Ausmessen von Büchern zur Anfertigung von Buchstützen oder das Aufbinden und Montieren von Büchern konnte in den Präsentationen aus Zeitgründen nicht näher eingegangen werden, doch gab es hierzu eine hervorragend ausgearbeitete Posterpräsentation.

Unser außerordentlich großer Dank gilt Michaela Brand und Hanka Gerhold, die ein perfekt vorbereitetes, atmosphärisch sehr gelungenes Symposium ins Leben gerufen haben.

Zum Thema wird gegen Ende des Jahres eine bebilderte Broschüre als Leitfaden für Ausstellungsgestalter, Kuratoren und Restauratoren erscheinen, die vom Förderverein Papierrestaurierung Stuttgart (www.foerderverein-papierrestaurierung.de) und dem Studiengang Konservierung und Restaurierung von Kunstwerken auf Papier, Archiv- und Bibliotheksgut der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (www.papierrestaurierung.abk-stuttgart.de) herausgegeben wird.

Birgit Harand
Historisches Museum Frankfurt
Solmsstrasse 18

60486 Frankfurt

Vendulka Cejchan
Konservierung und Restaurierung von Schriftgut Anklamer Str. 38

10115 Berlin