Nachbericht: Der „10. Nationale Aktionstag für die Erhaltung schriftlichen Kulturgutes“

Zehn Jahre nach dem Brand von Weimar fand am 30.08.2014 im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek die Hauptveranstaltung des Nationalen Aktionstages der „Allianz zur Erhaltung schriftlichen Kulturgutes“ statt. Dieser seit 2004 veranstaltete Tag soll bundesweit auf die Notwendigkeit des Kulturguterhaltes unseres schriftlichen historischen Erbes hinweisen. Die Vorträge und Reden verdeutlichten, dass der Kulturguterhalt in der fruchtbaren Zusammenarbeit von Restauratoren, Bibliothekaren und Archivaren zu neuen Ufern aufgebrochen ist. Jana Moczarski vom VDR war vor Ort und berichtet.

Abb. 1: Blick in den gut besuchten Vortragssaal des Studienzentrums der HAAB Weimar

Abb. 2: Anne Levin und Jana Moczarski informierten am VDR-Stand

Abb. 3: Trennung und Einlage der Blätter in Wässerungskassetten (Werkstatt Legefeld HAAB Weimar), Fotos: Jana Moczarski

   
Der Bericht zum Download (PDF)

Begleitende Ausstellung und Publikation

Der diesjährige Aktionstag wurde durch eine sehr interessante undefinedAusstellung begleitet. Im historischen Renaissancesaal der nach dem Brand restaurierten Herzogin Anna Amalia Bibliothek, sah man sehr anschaulich das Thema „Restaurieren nach dem Brand - Die Rettung der Bücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek“ ausgestellt. Neben vielen Beispielen von Restaurierungen und Techniken, erfuhr man auch viel Wissenswertes zum Thema der Außenvergabe von Restaurierungsaufträgen oder der Möglichkeit verlorene Bücher durch Recherche wiederzubeschaffen. Sehr deutlich wurde die immer noch anhaltende Hilfsbereitschaft aus aller Welt, die sich in Spenden, geschenkten Büchern und fachlicher Hilfe wiederspiegelt.

Der Katalog zur Ausstellung, welcher in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim entstand, ist für 19,90 € im Buchhandel erhältlich und eine sehr lohnende Anschaffung, weil er in wunderbarer Gestaltung und mit vielen interessanten Beiträgen die Restaurierungsanstrengungen der HAAB Weimar illustriert.

Die Veranstaltung selbst, fand im modern ausgestatteten Lesesaal des Studienzentrums der HAAB Weimar statt. Nach der Eröffnung und den teilweise sehr emotionalen Grußworten von: Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar; Christoph Matschie, Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur; Dr. Bettina Schmidt- Czaia, der Leiterin des Historischen Archivs Köln; Dr. Rolf Griebel, Sprecher der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten; Dr. Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist und Moderator sowie Dr. Michael Knoche, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, der in einer berührenden Rede an die vielen helfenden Hände in der Brandnacht erinnerte, startete das facettenreiche Vortragsprogramm.

Informationsstände und Führungen

In einem Nebenraum des Vortragssaals waren einige Informationsstände aufgebaut. So konnte man sich am Stand des Historischen Archivs der Stadt Köln über deren Notfallbewältigung und die laufenden Arbeiten informieren. Ein Stand der HAAB Weimar zeigte die oft sehr aufwändige Recherche, um im Brand verlorene Bücher wieder zu beschaffen. Der Infostand der Koordinierungsstelle zur Erhaltung schriftlichen Kulturgutes zeigte einige namhafte Projekte, welche mit den Mitteln des Bundes in den letzten Jahren auf die Beine gestellt werden konnten. Auch der Verband der Restauratoren (VDR) e.V. war mit einem Stand vertreten. Anne Levin, Gemälderestauratorin und Vorsitzende der Fachgruppe Gemälde sowie Jana Moczarski, Vorsitzende der Fachgruppe für Grafik, Archiv- und Bibliotheksgut, betreuten den Stand und konnten manche Frage zum Beruf des Restaurators beantworten. Viele der Besucher nahmen sich auch die ausgelegten Berufsregister mit. Cornelia Hanke, ebenfalls VDR-Mitglied, nutze die Gelegenheit, um bei Herrn Dr. Griebel, dem derzeitigen Sprecher der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten anzufragen, ob der VDR nicht auch einen bereichernden Teil der Allianzsitzungen bilden könnte.

Parallel zum Vortragsprogramm waren Führungen geboten durch die begleitende Ausstellung, die Restaurierungswerkstatt des Thüringischen Hauptstaatsarchives Weimar sowie die Restaurierungswerkstatt für brandgeschädigtes Schriftgut in Weimar/Legefeld, der Werkstatt, welche maßgeblich von Günter Müller eingerichtet wurde.

In der Werkstatt in Legefeld konnten die Teilnehmer alle Arbeitsschritte der Schriftgutbearbeitung begutachten: von der Trennung der verkohlten Blätter, über die Einlage in Wässerungskassetten, dem Wässern, Anfasern, Verstärken mit dünnem Japanpapier (das dünnste Papier war eine Neuentwicklung von 1,6 g/m Dicke) bis zum Pressen und Beschneiden.

Facetten der Restaurierung - "Masse und Klasse"

Der Vortragsblock zeigte viele Facetten der Restaurierung und hatte als Oberthema „Neue Wege in der Mengenrestaurierung“. Dr. Jürgen Weber, der Leiter der Abteilung Bestandserhaltung und Sondersammlungen, berichtete über das Netzwerk und die Logistik des Weimarer Brandfolgemanagements und betonte, dass der Brand neben den schrecklichen Verlusten auch positive Wirkungen hervorgebracht hat, so wurden u.a. neue Wege der Mengenbehandlung von Kulturgut etabliert. Auch hat das Thema Notfallprävention einen zentralen Platz in der Bestandserhaltung eingenommen.

Im nachfolgenden Beitrag von Nadine Thiel, der leitenden Restauratorin des Historischen Archivs der Stadt Köln, hieß es: „Masse und Klasse! Dabei berichtete Thiel über die Bearbeitung des vom Einsturz betroffenen Archivgutes im Kölner Stadtarchiv und legte die Organisation der Bearbeitung dar, wobei sie betonte, dass die Dokumentation der Maßnahmen einen hohen Stellenwert einnimmt. In der nachfolgenden Diskussion meldete sich auch die Leiterin Dr. Bettina Schmidt-Czaia zu Wort und betonte, dass, auch wenn das zuletzt geborgene Archivgut stark in Mitleidenschaft gezogen sei, man keine Kassation von Archivgut in Betracht ziehe.

Dr. Ursula Hartwieg von der Koordinierungsstelle für die Erhaltung schriftlichen Kulturgutes berichtete über die bisherigen Erfolge der KEK und die Anstrengungen, eine umfassende und richtungsweisende Strategie zur Bestandserhaltung als nationale Aufgabe in Deutschland zu etablieren. Dazu wurden in einer großangelegten Fragebogenaktion viele Bibliotheken und Archive bundesweit befragt, um so ein gutes Bild des derzeitigen Standes des schriftlichen Kulturguterhaltes zu zeichnen.

Dr. Bernhard Post, Archivleiter des Thüringischen Hauptstaatsarchives Weimar, berichtetet in seinem Vortrag über den „Guten alten Mikrofilm – analoge Sicherung von Kulturgut im digitalen Zeitalter“ und brach eine Lanze für diese Art der Originalsicherung. Denn solange noch keine zukunftsweisenden Strategien für die Langzeitsicherung von digitalen Daten gefunden sind, wird der Mikrofilm eine sichere Bank für die Datensicherung bleiben.

„Wiederentdeckte Kostbarkeiten unter den Aschebüchern der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und ihre Bedeutung für die Weimarer Sammlung“ präsentierte Katja Lorenz, Teamleiterin der Wiederbeschaffung der HAAB Weimar. Als besonders interessante Geschichte nannte Sie die  glückliche Wiederauffindung einer sehr seltenen Erstausgabe des "De Revolutionibus Orbium coelestium" von Kopernikus, welche man erst kürzlich unter den Aschebüchern fand. Auch wenn die Sichtung der Aschebücher in enger Zusammenarbeit von Restauratoren und Bibliothekaren und die Dokumentation der Schäden eine sehr aufwändige Aufgabe ist, so sind dadurch viele wertvolle, schon verlorene geglaubte Zimelien, wieder aufgefunden worden.

Im letzten Vortrag des Tages berichtete Christian Kreienbrink, Leiter der Restaurierungswerkstatt der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha über das Mammutprojekt der Reinigung und Neuverpackung der „Kartensammlung Perthes – Konservierung und Ordnung eines großen historischen Kartenbestandes“. Etwa 185.000 Karten wurden in einer beispiellosen Massenrestaurierungsaktion unter Zuhilfenahme von einer elektrostatischen Reinigungsbank gereinigt und so der Forschung wieder zugänglich gemacht.

Nach diesen Vorträgen ging ein ereignisreicher Tag im Zeichen der Bestandserhaltung zuende. Die Vorträge und Reden dieses Tages haben klar verdeutlicht, dass der Kulturguterhalt in der fruchtbaren Zusammenarbeit von Restauratoren, Bibliothekaren und Archivaren zu neuen Ufern aufgebrochen ist und das es sehr wünschenswert wäre, diese neuen Allianzen und Netzwerke weiter zu vertiefen und zu verstärken.

Petition und ARD-Bericht

Last but not least sei auf die Petition „Schriftliches Kulturgut erhalten. Ein Weimarer Appell“ hingewiesen, welcher unter dem Link https://www.openpetition.de/petition/online/schriftliches-kulturgut-erhalten-ein-weimarer-appell gezeichnet werden kann.

Ein interessanter ARD- Beitrag mit Wortbeiträgen von Hellmut Seemann, Dr. Michael Knoche, Dr. Manfred Anders sowie bisher noch nicht gezeigten Bildern der Bergung in der Brandnacht, welche die beispiellose Solidarität zahlreicher Helfer zeigen ist in der Mediathek der ARD anzusehen: http://www.ardmediathek.de/tv/artour/Zehn-Jahre-nach-dem-Brand/MDR-Fernsehen/Video?documentId=23069124&bcastId=754522  

Jana Moczarski, 15. September 2014