Nachruf für den Restaurator Karl-Heinz Groß

Im Januar 2015 ist der Berliner Restaurator Karl-Heinz Groß im Alter von fast 85 Jahren verstorben. Er zählte zu der ersten Generation von Museumsrestauratoren, die nach dem Krieg auf dem noch jungen und durch das Handwerk geprägten Gebiet der Restaurierung von Möbeln und Holzobjekten eine neue Sicht entwickelten.

Karl-Heinz Groß (28.06. 1930 – 14.01.2015)

   

Nach einer Tischlerlehre und dem Besuch der Meisterschule für Tischler und Innenarchitekten in Berlin begann er 1951 seine Tätigkeit als Möbelrestaurator an den Staatlichen Museen zu Berlin. Seine ersten Jahre als Restaurator waren geprägt von der Zeit des Wiederaufbaus und der Rekonstruktion der kriegsgeschädigten Berliner Sammlungen, in denen nicht nur restauratorische Kenntnisse, sondern auch Organisations- und Improvisationstalent gefragt waren. Durch seine Fähigkeiten in allen diesen Bereichen erlangte er bald die Position des leitenden Restaurators, die er durch herausragende Restaurierungen rechtfertigte. Als Werkstattleiter betreute er zusammen mit zwei Kollegen die nach der Sprengung des Berliner Stadtschlosses provisorisch ausgelagerte Möbelsammlung des Kunstgewerbemuseums, die zu den umfangreichsten und hochwertigsten Deutschlands gehört. In dieser schwierigen Zeit des Museumsprovisoriums konnte er in den fünfziger Jahren die Kriegsschäden an einer Vielzahl hochwertiger Möbel beheben und eine Reihe von Restaurierungen ausführen, die auch heutigen Bewertungen standhalten. So kann man in der Sammlung des Kunstgewerbemuseums die gelungene Rekonstruktion einer marketierten Schublade von der Kommode des Pariser Ebenisten Jean Henry Riesener bewundern oder auch die einfühlsame Nachschöpfung der aufwendigen Schnitzarbeit von einer im Krieg verloren gegangenen Schublade an einem Danziger Barocktisch.

Ihm und seinen Kollegen war es zu verdanken, dass die Möbelsammlung 1962 in einem guten Zustand in das neue Domizil Schloss Köpenick im Osten Berlins einziehen konnte. Hier war er an der Einrichtung der ständigen Ausstellung maßgeblich beteiligt und richtete die neue Restaurierungswerkstatt mit mehreren Mitarbeitern ein. Neben seinen universellen praktischen Fähigkeiten erwarb er sich in dieser Zeit ein umfangreiches kunsthistorisches Wissen als Gasthörer von Vorlesungen und Seminaren an der Humboldt Universität Berlin und belegte hier auch Sprachkurse in Italienisch. In dieser Zeit fasste er seine restauratorischen Beobachtungen bei der Untersuchung und Restaurierung der italienischen Renaissancemöbel des Kunstgewerbemuseums in einem Aufsatz zur Möbelfälschung im 19. Jahrhundert in der Schriftenreihe der Berliner Museen „Forschungen und Berichte“ zusammen.

Ab 1965 arbeitete Karl-Heinz Groß als freiberuflicher Restaurator an Kircheninventar im Bereich der Denkmalpflege, für Museen, Kunstsammler und Orgelbau-Werkstätten. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten im Schnitzen und Vergolden wies er 1970 mit der Restaurierung des Orgelprospekts in der Berliner Sophienkirche nach, wo er in Anlehnung an die vorhandene Schnitzornamentik größere Schleierbretter frei entwarf und nachschnitzte. 1978 lieferte er für die Orgelbaufirma Schuke in Potsdam den Entwurf und die komplette Ausführung für einen modernen Prospekt zur neuen Orgel in der Philharmonie Irkutsk in Sibirien. Seine Erfahrungen auf diesem Gebiet publizierte er 1984 in der „Neuen Museumskunde“ in einem Aufsatz über konzeptionelle Probleme des Entwurfs ornamentierter Prospekte bei der Restaurierung und Neugestaltung von Orgeln. In den Folgejahren übernahm er anspruchsvolle Aufträge mit der Restaurierung von Skulpturen und Altären in den Kirchen des Landes Brandenburg.

Als einer der Ersten war Karl-Heinz Groß Mitglied in der Sektion Restaurierung im Verband Bildender Künstler der DDR, war hier in der Aufnahmekommission tätig und vermittelte auf den Verbandstagungen sein Erfahrungen in anschaulichen Vorträgen und Fachgesprächen.

An der 1980 im Alten Museum zu Berlin veranstalteten Ausstellung „Restaurierte Kunstwerke in der DDR“ war er als Mitautor des Katalogs beteiligt und trug mit seinen Arbeiten zum Erfolg dieser Präsentation des Restauratorenverbandes und der Denkmalpflege bei.

Als Mitglied des VDR gab Karl-Heinz Groß gerne seine langjährigen praktischen Erfahrungen und sein umfangreiches theoretisches Wissen mit intelligentem Wortwitz gespickt an jüngere Kollegen weiter und zeigte bis ins hohe Alter ein großes Interesse an den weiteren Entwicklungen des Restauratorenberufs, deren Anfänge er als Zeitzeuge miterleben und prägen konnte.

Karl-Heinz Groß hat sich sowohl in seiner Museumstätigkeit als auch in seiner freiberuflichen Arbeit hohe Verdienste erworben. Wir verlieren in ihm einen menschlich und fachlich integren Kollegen.

Prof. Hans Michaelsen, Dr. Hans Joachim Gronau
Berlin im Februar 2015