Verband der Restauratoren plädiert für Schutz und Sicherung im Irak

Mit Bestürzung nehmen die Restauratoren in Deutschland die Zerstörung einzigartiger Kulturgüter im Norden Iraks wahr. Der Präsident des Bundesverbandes der Restauratoren, Christian Leonhardt, fordert, die Sicherheitsvorkehrungen im Irak und in Kriegsgebieten weltweit zu verstärken. Für jetzt sei es wichtig, von den Trümmern zu retten, was noch zu retten ist.

  

Nach der Zerstörung von antiken Statuen, wertvollen Büchern und Manuskripten in den Sammlungen von Mossul geht die systematische Zerstörung einzigartiger Kulturgüter durch den „Islamischen Staat“ im Irak ungehindert weiter. Jüngsten Meldungen zufolge haben IS-Kämpfer nun damit begonnen, die antiken Stätten von Nimrud mit Kriegsgerät zu vernichten. In kürzester Zeit zerstören wenige Menschen in ihrem Fanatismus Zeugnisse einer jahrtausendealten Geschichte. Dies sind unermessliche Verluste an Weltkulturerbe, die uns alle betreffen. Denn Kulturgüter wie diese gewähren uns bis heute tiefe Einblicke in das Leben früherer Gesellschaften und damit auch unserer kulturellen Wurzeln.

Der Verlust ist unermesslich – Kunst- und Zeugniswert werden ausradiert

Die zerstörten Werke sind mehr als beeindruckende künstlerische Leistungen ihrer Zeit. „Aus der historischen Substanz können wir unendlich viele Details ablesen“, erläutert Verbandspräsident und Restaurator Christian Leonhardt. „Die Materialzusammensetzung und die Bearbeitungstechniken von Kunstwerken geben Auskunft, wie die Menschen damals gelebt haben, mit wem sie Handel trieben, welche Fertigkeiten sie hatten und welche Technologien ihnen zur  Verfügung standen. Der Zustand von Objekten – das heißt Gebrauchsspuren, Schäden, Ergänzungen oder Zufügungen – erzählt überdies, welche Schicksale sie ereilt haben und welchen Stellenwert man den Stücken über die Jahrhunderte beimaß. Insofern sind Kulturgüter wie die in der Provinz Ninive oder Mossul ganz zentrale Forschungsobjekte, die wir als Restauratoren authentisch und einschließlich ihres Zeugnischarakters erhalten.“

Kulturvernichtung mit System – internationale Zusammenarbeit zur Eindämmung gefragt

Die barbarischen Aktionen im Irak reihen sich ein in eine lange Kette von Zerstörungen von Kulturgütern in Konflikten unserer Zeit. Was in den letzten Jahren durch Verwüstung und Plünderung verloren gegangen ist, ist enorm. In Kriegsgebieten weltweit, darunter Irak, Afghanistan und Syrien, sind einzigartige Geschichtszeugnisse bedroht. Die UNESCO hat in den jüngsten Geschehnissen eine Sicherheitslücke erkannt, die dringend geschlossen werden muss. Dieses Anliegen unterstützt auch der Verband der Restauratoren. Die Zerstörung darf nicht weitergehen. Kulturgüter müssen besser geschützt werden durch Rechts-Verordnungen, aber auch durch Vorkehrungen vor Ort.  Neue, ergänzende Lösungsansätze müssen schnellstmöglich gefunden werden.

Restauratoren appellieren an alle Antiquitätenhändler und –sammler

Kulturgüter sind in den letzten Jahren zum Spielball von Extremisten geworden. Sie dienen Gewaltherrschaften zur Demonstration ihrer scheinbaren Überlegenheit und zur Finanzierung ihrer Gräueltaten. Es ist jederzeit möglich, dass auch in Deutschland Güter auf den Markt kommen, an denen buchstäblich Blut klebt. „Wenn wir schon nicht an die Vernunft der Extremisten appellieren können, so appellieren wir umso deutlicher an alle Antiquitätenhändler und -sammler: Kaufen Sie keine Kulturgüter aus Kriegsgebieten!“ verlangt Leonhardt. „Jeder, der solche Güter kauft, unterstützt im schlimmsten Fall die Vernichtung unseres gemeinsamen Kulturerbes.“

Ein schwacher Hoffnungsschimmer: Können wir die Erfahrungen aus Bamiyan nutzen?

Selbst wenn sich Bruchstücke retten lassen, werden diese Geschichtszeugnisse nie mehr im ursprünglichen Kontext erlebbar sein. Dennoch sollte jede Anstrengung unternommen werden, wenigstens so viele Überreste wie möglich zu retten. „Sobald es die Lage zulässt, sollten die Trümmer bis hin zu den kleinsten Bruchstücken systematisch geborgen und sicher verwahrt werden. Damit hält man sich Möglichkeiten der Forschung und Restaurierung offen“, weiß Leonhardt. Im Fall von Bamiyan in Afghanistan sicherte ein Expertenteam im Auftrag der UNESCO die Überreste. Restauratoren der Technischen Universität München konnten jüngst hunderte Fragmente der von Taliban-Extremisten im Jahr 2001 gesprengten Buddha-Statuen analysieren. Sie entwickelten ein Restaurierungskonzept für das poröse Gestein. Auch gelang es, die ursprüngliche Farbigkeit der Statuen zu erforschen. Das hätte kurz nach der Sprengung kaum jemand für möglich gehalten.

Die Zerstörung darf nicht weitergehen!

Dennoch: Weder Restauratoren im Irak, in Deutschland oder anderswo auf der Welt sind „Wunderheiler“. Es ist nicht zuerst ihre Aufgabe, die Überreste blinder Zerstörungswut zusammen zu klauben und zu kitten! Restauratoren in aller Welt wünschen sich, das ihnen anvertraute Kunst- und Kulturgut unter sicheren Bedingungen erhalten und pflegen zu können. Wir bitten daher die Bundesregierung und das Auswärtige Amt im Besonderen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um der gegenwärtigen Zerstörungswelle an Kunst und Kulturgut im Irak Einhalt zu gebieten.                                                                                                        
                                                                                                       

Hintergrund
Am 5. März zerstören Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die antike Ruinenstätte Nimrud im Norden des Irak, wie die irakische Altertumsbehörde berichtet. Am 26. Februar veröffentlichte der IS ein Internetvideo, das zeigt wie IS-Anhänger mit Hämmern und Bohrern Jahrtausende alte Kulturgüter im Museum von Mossul und vor den Toren der assyrischen Hauptstadt Ninive zertrümmern. Es war binnen kürzester Zeit der zweite Übergriff von Extremisten auf einzigartige Kulturgüter im Irak. Am Montag zuvor hatte die Terrormiliz tausende historische Bücher und Schriften verbrannt und die Bibliothek und Kirche mit Sprengsätzen in Mossul zerstört.