Nachruf auf Prof. Dr. Janos A. Szirmai

Prof. Dr. Janos A. Szirmai ist im Alter von 89 Jahren am 2.12.2014 gestorben.

   

Bekannt ist er uns vor allem durch sein Werk „The Archaeology of Medieval Bookbinding“ das 1999 im Ashgate Verlag erschien und zu einem viel gelesenen Standardwerk für alle wurde, die sich mit historischen Einbandtechniken beschäftigen. Mit unglaublicher Ausdauer und Akribie studierte er dafür koptische, byzantinische, islamische, karolingische, romanische und gotische Bucheinbände in den Bibliotheken der ganzen Welt, verschaffte sich alle verfügbaren Publikationen und tauschte sich mit internationalen Fachkollegen aus. Durch seine wissenschaftliche Herangehensweise, gepaart mit außerordentlichem zeichnerischen Talent und einem Hang zur Perfektion schuf er dieses herausragende Lehrbuch, mit dem er eine kritische Ergänzung zur bis dahin vorherrschenden Konzentration auf dekorative Elemente in der Einbandbestimmung (Stempelkunde) schaffen wollte.

J. A. Szirmai publizierte in zahlreichen Fachzeitschriften (Magnus, Quaerendo, Bindereport, New Bookbinder u.a.) und wirkte 1992 an der Erarbeitung einer Fachterminologie (Kneep & Binding, KB Den Haag) mit. Er hielt Lehrveranstaltungen und Vorträge in Fachgremien und an verschiedenen internationalen Universitäten und betreute Diplom- und Magisterarbeiten zu historischen Einbandformen. Seine Idee vom „optimalen Funktionieren“ eines Buches mündete in der Entwicklung des Typus „Konservierungseinband“, der durch die „Blaubeurener Empfehlungen“ 1991/92 eine wichtige konservierungswissenschaftliche Basis zur Erhaltung des alten Buchs geworden ist.

Seine Motivation, historische Einbandtechniken zu studieren, war Folge der technischen Unzulänglichkeiten der als Krönung der Buchkunst betrachteten sogenannten Franzbände, die hervorragend für dekorative Zwecke geeignet seien, aber eindeutige mechanische Mängel aufwiesen. Er hatte sich nach seiner ersten Karriere als ausgewiesener Medizinwissenschaftler zu Beginn der 1970er Jahre aus Liebhaberei zunächst autodidaktisch mit Buchbinden, Kalligrafie, Typografie und Goldschmieden beschäftigt und sich dann bei Martin Jaegle am Centro del bel libro in Ascona der Buchkunst zugewandt. Aufgrund seines gestalterischen und handwerklichen Könnens erhielt er im Jahre 1975 die Auszeichnung „Prix Paul Bonnet“ und seine kunstfertigen Einbände waren in zahlreichen internationalen Ausstellungen zu sehen (BDBI, MDE, IBA etc.). 1984 veröffentlichte er einen Katalog seines buchgestalterischen Werks anlässlich einer Ausstellung in der Universitätsbibliothek Amsterdam (Boek Band Kunst) und 1987 wurde ihm der Tiele Lehrstuhl an der Universität Amsterdam angeboten, wo er mehrere Vorträge für Studenten und Kollegen verschiedener Disziplinen hielt. Zusammen mit seiner Frau Mia betrieb er jahrelang eine kleine aber feine Kunstbuchbinderei in Oosterbeek in Holland.

Ich lernte ihn bereits 1988 während meiner Tätigkeit als Buchrestauratorin der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe kennen, als er dort karolingische Einbände erforschte und mich mit der Wunderwelt der Einbandtechnischen Details dieser Bücher bekannt machte. Beeindruckt von seiner analytischen Herangehensweise, detailgenauen Dokumentation, kritischen Urteilskraft und fachlichen Kompetenz verfolgte ich in den Folgejahren interessiert seine Beiträge bei Tagungen und Seminaren. Als Werkstattleiterin des Studiengangs Restaurierung und Konservierung von Graphik, Archiv- und Bibliotheksgut an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart assistierte ich ihm regelmäßig bei seinen Lehrveranstaltungen. Als er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr lehren wollte, bat er mich, sein Werk weiter zu führen. Viele Wochen verbrachten wir in den Folgejahren in seinem Atelier, immer bestens versorgt durch seine Frau Mia, mit der Erfassung seines Bildmaterials in eine Datenbank und langen Fachgesprächen. So erarbeiteten wir sechs Lehrveranstaltungen auf der Basis seiner „Archäologie“, die ich als freiberuflich arbeitende Restauratorin seither regelmäßig in verschiedenen Hochschulen, Bibliotheken und Archiven in Deutschland, Dänemark, der Schweiz und China halte. Jedes Mal berichtete ich ihm danach von meinen Erfahrungen und erfreute ihn damit, sein Wissen lebendig zu erhalten und in die Welt zu tragen.

Die Nachricht von seinem Tod bestürzt mich sehr und ich bin betrübt, einen wertvollen Freund und Mentor zu verlieren, aber ich weiß auch, dass er ein erfülltes und zufriedenes Leben hatte und in Frieden gehen konnte, auch wenn er die Zusammenfassung seiner Forschungsarbeit über die Einbände der Kettenbibliothek Zutphen, von der er mir bei meinem letzten Besuch berichtete, nicht mehr zu Ende bringen kann.

Die Feuerbestattung von Janos A. Szirmai fand am 5.12.2014 in Oosterbeek im engsten Familienkreis statt.

Barbara Hassel
Frankfurt, den 5. Dezember 2014