"Der VDR ist das Rückgrat unseres Berufes"

Vizepräsidentin Renate Poggendorf ist seit sechs Jahren im Präsidium des VDR aktiv. Im Interview spricht sie unter anderem darüber, warum die Verbandsarbeit sie verändert hat, über Erfolge und Rückschläge, warum es wichtig ist als Restaurator Mitglied im VDR zu sein und welche Aufgaben in nächster Zeit vordringlich sind.

VDR-Vizepräsidentin Renate Poggendorf


Frau Poggendorf, Sie sind seit sechs Jahren im Präsidium des VDR aktiv. Was hat Sie dazu bewogen, sich im VDR zu engagieren?


Seit meiner Ausbildungszeit war der Berufsverband für mich gewissermaßen das Rückgrat unseres Berufs. Damals in den 1980er Jahren war das sicherlich viel augenfälliger als heute. Ohne Internet, ohne soziale Medien war es noch sehr schwierig, über dieses vergleichsweise kleine Berufsfeld Informationen zu bekommen. Es gab nur eine Fachzeitschrift, die „Maltechnik“. Über die Berufsverbände erfuhr ich, wo es welche Ausbildungsmöglichkeiten gab. Auf den Jahrestagungen kam ich in Kontakt mit Kollegen, lernte berufliche Entwicklungen kennen, erfuhr das Ringen um restauratorische Standards. Ich habe miterlebt, wie aus der noch utopisch erscheinenden Forderung der damaligen Restauratorenverbände der BRD, dass Restauratoren an Hochschulen ausgebildet werden sollen – das Schreiben wurde als das „rosa Papier“ bekannt – nach und nach für uns heute selbstverständliche Realität wurde.

Dass dies so ist, ist nicht vom Himmel gefallen. Es liegt daran, dass viele engagierte Personen stetig in diese Richtung Überzeugungsarbeit geleistet haben. Zusammenhalt gab dabei entscheidend der jeweilige Berufsverband. Viele der mich prägenden Persönlichkeiten in der Restaurierung haben eine Zeit lang eine tragende Rolle im Verband gespielt. Ich habe selbst so viel davon profitiert, also erschien es mir verpflichtend auch selbst Verantwortung im VDR zu übernehmen. Es fing mit überschaubaren Aufgaben an, wie der Mitarbeit in Arbeitsausschüssen und anderen Gremien. Und irgendwann konnte ich mir dann auch eine Funktion im Präsidium vorstellen.

Wie haben Sie die Präsidiumstätigkeit erlebt? War es so, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Es war eine ungeheuer intensive Zeit! Ich erinnere mich noch, wie ich früher beim Lesen der Verbandsmitteilungen ins Schleudern kam. Was verbirgt sich hinter BFB, DSD, DNK, DMB, KMK, CEN etc. Es gibt so viele Gremien, Verbände oder Organisationen, die im Bereich der Kulturguterhaltung aktiv sind! Welche Aufgaben stehen an, wo setzt man Schwerpunkte? Am Anfang fühlte ich mich fast überfordert. Es war gut, dass durch Kollegen im Team, die schon zuvor im Präsidium waren, für Kontinuität gesorgt war. So hatte ich Zeit, mich zurecht zu finden und mich in meine Aufgaben einzuarbeiten. Auch konnte ich immer bei Amtsvorgängern nachfragen. Und nicht zuletzt hat das Präsidium ja große Unterstützung durch die Geschäftsstelle.

Man wächst in die Aufgaben hinein und merkt dann, dass man bestimmte Themen am effizientesten gleich selbständig bearbeitet oder für eine Entscheidung im Plenum vorbereitet. Wenn es gut läuft, verteilt sich die Arbeit dann auf die Schultern des ganzen Teams. Überhaupt habe ich die Teamarbeit als eine sehr positive Erfahrung erlebt, frei von hierarchischen Strukturen. Wichtig ist, dass es Konsens über eine gemeinsame inhaltliche Linie gibt. Darüber muss sich das Präsidium abstimmen. Aber damit ist die Grundlage geschaffen, innerhalb derer jeder mit eigenem Ermessensspielraum aktiv ist. Es ist eine schöne Erfahrung, das Vertrauen des Teams zu haben, dass man seine Aufgabe auf die eigene Weise so gut wie möglich umsetzt. Das gibt es nicht in jedem Amt!

Aber natürlich gibt es dabei auch kleine Rückschläge: Es kann passieren, dass man sich redlich abgemüht hat, eine wichtige Stellungnahme zu formulieren. Und dann wird sie von den anderen abgelehnt. Oder aber es wird von den anderen hineinkorrigiert, bis etwas ganz Neues und am Ende viel Besseres entsteht. Da geht es dann nicht um Eitelkeiten sondern nur noch um die Sache selbst! Man lernt viel dabei.

Haben Sie sich durch die aktive Verbandsarbeit verändert?

Unbedingt! Wie viele andere Restauratoren auch habe ich diesen Beruf damals gewählt mit der Vorstellung von konzentrierter Detailarbeit am historischen Objekt. Wachsende Verantwortung haben mich in meinem Berufsalltag längst zu anderen Tätigkeiten geführt. Die Überzeugung, dass das Bewahren des Kulturerbes im Mittelpunkt steht und nicht das Hand anlegen, ist zum Maßstab meines Berufsalltags am Museum geworden.

Entsprechend besteht auch dort die Arbeit vielfach aus Organisation, Meetings, Stellungnahmen verfassen etc. Aber direkter als dort konnte ich in meiner Präsidiumszeit beim VDR Einfluss nehmen auf Prozesse. Ich habe neue Facetten an mir kennengelernt, meine Fähigkeiten besser einzuschätzen gelernt und Selbstvertrauen gewonnen. Das wird mir hoffentlich auch in anderen Situationen wieder zugutekommen.

Vor 14 Jahren ist der VDR aus seinen Vorgängerverbänden fusioniert. Wie steht er aus Ihrer Sicht heute da?

Ich finde wir haben einen tollen Verband! Bei knapp 3000 Mitgliedern führt die Geschäftsstelle eine Liste von etwa 150 Aktiven, die für die Fach-, Landes- und Interessengruppen und die diversen anderen Gremien engagiert sind. Und sie werden noch unterstützt von weiteren Kollegen, z.B. wenn Tagungen organisiert werden. Das sind mehr als 5 Prozent unserer Mitglieder. Und dass knapp 20 Prozent sich die Mühe gemacht haben, die Umfrage zum Thema Publikationen zu beantworten, zeigt ebenfalls überdurchschnittliches Engagement. Da können wir, denke ich, schon stolz drauf sein!

Aber wir sind ein kleiner Verband. Leider gibt es noch zu wenig Verständnis dafür, wie so ein kleiner Verband funktioniert. Wenn ich immer wieder mal mit krittelndem Unterton die Frage höre: „Was macht denn da der VDR?“, merke ich, dass der Verband von manchen Mitgliedern als viel größer und stärker wahrgenommen wird, als er ist. Wir sind kein Versicherungskonzern! Wir haben zwar eine gut eingespielte, aber eine kleine Geschäftsstelle. Sie kann die vielen Aufgaben alleine nicht bewältigen. Ein Großteil der Arbeit, der Präsentation unseres Berufsstandes, wird von uns Ehrenamtlichen geleistet. Der kritische Kollege müsste folglich fragen: „Warum machst Du in Deinem Ehrenamt denn nicht noch mehr für den VDR?“ Aber die Frage stellt natürlich keiner, denn dann könnte er sie sich gleich selbst stellen. 

Wie könnte der VDR besser werden?

Wir müssten die Ehrenamtlichen entlasten und die Geschäftsstelle ausbauen! Je aktiver und besser wir als VDR agieren, desto mehr Aufgaben scheint das nach sich zu ziehen. Es gibt so viele politische Gremien, die mit dem Erhalt von Kunst- und Kulturgut befassen. Und erstaunlicherweise wissen noch immer viel zu viele Entscheidungsträger in diesen Gremien nicht, dass es für viele der anfallenden Aufgaben die spezifische Qualifikation von an Hochschulen und am Objekt selbst praktisch ausgebildeter Restauratoren bedarf.

Hier Präsenz zu zeigen ist ungemein zeitaufwändig, aber es ist eine wesentliche und lohnende Aufgabe des VDR. Wenn wir nicht auf der politischen Bühne mitspielen, wenn wir nicht in all diesen Gremien auf uns aufmerksam machen, werden wir allzu leicht übersehen! Heute verstehe ich viel besser, wie Politik gemacht wird, und dass es nicht reicht, zu hoffen, dass die eigene Anschauung sich von selbst vermittelt.

Warum soll ein Restaurator Mitglied im VDR sein?

All diese Aufgaben kosten Zeit und Geld! Ich kann nicht verstehen, wenn Kollegen die sehr egozentrischen Berechnung anstellen: „Was bringt mir mein Mitgliedsbeitrag?“ Lieber sollten sie sich die Fragen stellen. „Wo stünde mein Berufsstand ohne mich, wo stünde ich ohne diesen Berufsverband?“ Und jeder Verband wird nun einmal getragen von seinen Mitgliedern. Ich würde mir wünschen, dass die vielen, hoch qualifizierten Restauratoren, die nicht im VDR sind, zur Mitgliedschaft bewogen werden könnten. 15 Euro im pro Monat sind nur ein kleiner persönlicher Beitrag gemessen an dem, was die ehrenamtlich aktiven Kollegen an Zeit und Engagement investieren!

Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass es nicht in allen Lebenslagen leicht ist, diesen Betrag aufzubringen. Aber versuchen sollte man es. Leider erlebe ich auch, dass es Kollegen gibt, die entmutigt sind davon, dass wir Restauratoren noch immer so sehr für Anerkennung kämpfen müssen, oder darüber, dass die Bezahlung unserer Leistung – sei es als freier Auftragnehmer, sei es als Angestellter – allzu oft nicht angemessen ist. Aber meines Erachtens ist es der falsche Schluss, sich gerade aus dieser Haltung heraus auch noch dem Berufsverband zu verweigern. Wie eingangs gesagt, denke ich, dass wir kontinuierlich viel erreicht haben. Und es wird weiter gehen!

Nicht jeder kann und will sich selbst aktiv im VDR engagieren. Das hängt natürlich vom Typ oder der aktuellen Lebenslage ab. Aber jeder, der den Verband mit seinem Mitgliedsbeitrag unterstützt, hilft, die Grundlage zu schaffen, dass sich andere für den Berufsstand engagieren können, um solche Missstände nach und nach anzugehen.

Wie das?

Indem Gelder da sind, mit denen die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder die erforderlichen Reisen zu zentralen Veranstaltungen wahrnehmen können. Präsenz zu zeigen, um von unseren Anliegen zu überzeugen, kostet halt nicht nur Zeit sondern auch Geld. Auch trägt jedes Mitglied mit seinem Jahresbeitrag dazu bei, dass beispielsweise verschiedene Medien gestaltet werden können, die die restauratoratorischen Leistungen abbilden und in die Breite tragen. Das ist auch viel wert! Und je größer der Verband ist, desto mehr Gewicht kann er auf die politischen Waagschalen legen.

Und natürlich sollte jeder die angebotenen Informationen des VDR lesen, sich ein Bild von aktuellen Fragestellungen und unserer berufspolitischen Situation machen. Dieses Bewusstsein in seinem Arbeitsalltag einzubringen und in seinem Umfeld zu kommunizieren, ist schon eine ganze Menge.

Welche Aufgaben sind in nächster Zeit für den VDR vordringlich?

Grundaufgabe bleibt, die Anerkennung restauratorischer Qualifikation in der Gesellschaft zu verbessern. Wir haben uns in den letzten Jahren sehr um Berufstitelschutz bemüht. Aber diesen in mehr Bundesländern zu bekommen, ist und bleibt wohl ein sehr steiniger Weg. Zu zeigen, was Restauratoren leisten und können, kann durch vielfältige Art der Öffentlichkeitsarbeit geschehen. Jeder kann dazu in seinem beruflichen Umfeld beitragen. Der VDR ist durch seine Homepage oder durch aktive Präsenz in den sozialen Medien in den letzten Jahren sehr viel präsenter geworden. Aber dies beschränkt sich meist noch auf die Kollegenschaft oder das engere fachliche Umfeld.

Gleiches gilt für Fachtagungen oder für unsere Fachzeitschrift „Beiträge“. Wir sollten jedoch stärkere Präsenz zeigen im weiteren Umfeld – bei anderen Interessenverbänden, in der Politik, in der allgemeinen Presse. Dafür brauchen wir geeignete Kommunikationsmittel, mit deren Hilfe wir verstanden werden. Und wir brauchen Kollegen, die entsprechende Aufgaben übernehmen.

Sie wollen nicht noch einmal für das Präsidium kandidieren. Was haben Sie stattdessen für Pläne?

Nicht mehr in der ersten Reihe zu stehen, heißt nicht, dass ich den VDR an den Nagel hängen werde. Dazu stecke ich jetzt viel zu tief drin in der Verbandsarbeit. Und ich mag mir auch nicht vorstellen, ganz auf die mitreißende Arbeitsdynamik der letzten Jahre zu verzichten. Ich will mich auf jeden Fall weiter für den VDR einsetzen! Mir nahe liegende Themen wären etwa Fragen des öffentlichen Dienstes und hier insbesondere der Position und Aufgaben von Museumsrestauratoren heute.

Auch habe ich viel Erfahrung mit dem Organisieren von Veranstaltungen sammeln können. Das ist ein dankbarer Aufgabenbereich, weil man hier immer wieder ein sehr positives Echo aus der Kollegenschaft bekommt. Denn Tagungen oder Workshops ermöglichen ja gerade anregende und bereichernde persönliche Begegnungen und den fachlichen Austausch mit Kollegen. So freue ich mich darauf, viele alte Weggefährten und Freunde beim Restauratorentag und der Mitgliederversammlung in Wittenberg wiederzusehen!