Performance-Tagung in Wolfsburg

Wie dokumentiert und konserviert man ein flüchtiges Ereignis wie eine künstlerische Performance? Für Restauratoren ist der konservatorische Umgang mit Live-Performances immer wieder eine große Herausforderung und erfordert viel fachübergreifende Zusammenarbeit. Vom 9. bis 11. Juni 2016 hat die Fachgruppe Moderne Kunst deshalb ein internationales Symposium mit dem Titel "Collecting and Conserving Performance Art“ ausgerichtet. Im Gespräch mit dem VDR erzählen die Organisatorinnen, warum Restauratoren im Umgang mit Performance-Kunst extrem gefordert sind, warum der fachübergreifende  Ansatz dieser Tagung besonders wichtig ist und warum auch eine Live-Performance zum Symposium gehört.

Die Performance "Timelining" (2014) der Künstler Gerard & Kelly war im Solomon R. Guggenheim Museum in New York zu sehen. (Photo: Courtesy of the artists)


Frau Sartorius, Sie und ihre Kolleginnen bilden zu viert das Planungskomitee für das Symposium “Collecting and Conserving Performance Art”. Bitte stellen Sie sich kurz vor.

Andrea Sartorius: Seit eineinhalb Jahren arbeiten wir zu viert an der Konzeption und Umsetzung des Symposiums. Zum Komitee gehören die drei Stellvertreterinnen der Fachgruppe MKKM, Eva Rieß, Esther Rapoport und ich, sowie Joanna Phillips, die von extern das Symposium maßgeblich mit plant.

Der berufliche Hintergrund von uns Vieren ist – obwohl wir alle mit zeitgenössischer Kunst zu tun haben – recht verschieden. Eva Rieß ist als freiberufliche Restauratorin für zeitgenössische Kunst in Berlin sowohl für Museen als auch für Galerien und Sammler tätig. Esther Rapoport ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden mit der Ausbildung von Studierenden im Bereich Gemälderestaurierung betraut. Joanna Phillips ist als Restauratorin für Time-based Media Art am Solomon R. Guggenheim Museum in New York tätig, wo sie in ihrer beruflichen Praxis u.a. den Ankauf und die Aufführung  von Performancekunst betreut. Ich selbst bin als Restauratorin am Kunstmuseum Wolfsburg für die  zeitgenössische Sammlung des Museums sowie den  Ausstellungsbetrieb zuständig.


Das Thema der Tagung ist das Sammeln und Erhalten von Performancekunst. Was erwartet die Teilnehmer inhaltlich?

Andrea Sartorius:  Das Symposium wird am Abend des 9. Juni mit einem Empfang und der Live-Performance “Swap” des international renommierten Künstlers Roman Ondak eröffnet. An den beiden Folgetagen gibt es Redebeiträge und moderierte Podiumsdiskussionen zu den Themen Ankauf und Dokumentation von Live-Performancekunst, Archivieren von Performancekunst, Performance-Relikte, Wiederaufführung von Performancekunst und kuratorische Praxis bei Wiederaufführungen.
 
Für das umfangreiche Tagungsprogramm konnten wir insgesamt 30 Redner und Moderatoren aus internationalen Museen und Universitäten gewinnen, alles Sachkundige aus den Bereichen der Konservierung, Kunst- und Kulturwissenschaften sowie der darstellenden Kunst. Der Rücklauf, den wir im vergangenen Sommer auf unseren Call for Papers bekommen haben, war enorm und wir sind glücklich, dass wir dieses Thema aufgegriffen haben. Wie brisant die Frage nach der Sammelbarkeit von Performancekunst ist und welche Beachtung sie derzeit international findet, spiegeln die Redebeiträge wider. So finden sich unter den Rednern nicht nur Beiträge aus Deutschland und Europa, sondern auch aus Australien, China, USA und Kanada.
 
Die Live-Performance “Swap”, welche als Auftakt gezeigt wird, bildet in gewisser Weise die Klammer, in die das Symposium gebettet ist. “Swap” ist Teil der Sammlung des Solomon R. Guggenheim Museums und wird als Leihgabe der New Yorker Institution an diesem einen Abend im Kunstmuseum Wolfsburg gezeigt. Aspekte, die sich aus dem Ankauf und dem Leihverkehr von Live-Performancekunst ergeben, werden unter anderem am Beispiel von “Swap” im Rahmen des Symposiums besprochen, und zwar auch unter Einbezug des Künstlers und des Performers. Die facettenreiche, interdisziplinäre Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themenkomplexen war uns bei der Zusammenstellung des Programmes ganz besonders wichtig.


Wie ist die Idee entstanden, eine internationale Tagung zu diesem Thema auf die Beine zu stellen?

Eva Rieß: Die Idee zu dem Symposium ist während eines Vorstandstreffens der FG MKKM im Zuge der jährlichen Veranstaltungsplanung entstanden, als Folge unserer Diskussion über die aktuellen Bedarfe. Was interessiert unsere Fachgruppenmitglieder? Wo besteht Weiterbildungsbedarf? Auch wenn der konservatorische Umgang mit Performance Kunst noch ein relativ junges Gebiet ist, ergeben sich Parallelen zur Time Based Media Art sowie zur Prozesskunst. Man kann es ja auch deutlich an aktuellen Ausstellungstendenzen wie der großen Tino Seghal Show im Martin Gropiusbau in Berlin ablesen. Es gibt bisher noch keine umfassende Gesamttagung zu diesem Thema, welche alle Aspekte abdeckt. Der interdisziplinäre Ansatz erschien uns dabei besonders wichtig, auch im Publikum, nicht nur unter den Rednern. Gleichzeitig wollten wir eine Tagung machen, in der diese Fragen  international diskutiert werden um aktuelle Perspektiven und Entwicklungen zusammen zu tragen.


Welche Berührungspunkte mit Performancekunst gibt es in Ihrem Berufsalltag?
 
Joanna Phillips: Als Restauratorin am Guggenheim Museum arbeite ich für eine Institution, zu deren Mandat das Sammeln, Erhalten und Erschließen der Kunst unserer Zeit gehört. Das beinhaltet natürlich auch (und immer mehr) Performancekunst. Das Museum engagiert sich seit vielen Jahren mit Auftrag und Aufführung von Performancekunst, man denke zum Beispiel an Marina Abramovics „Seven Easy Pieces“, die sie 2005 für die Rotunde des Museums entwickelt hat, oder Tino Seghals Performance „This is Progress“, die sich 2010 über alle 6 Rampen des Museums erstreckte. Während aber Performancekunst in früheren Jahren vor allem in Form von Performancerelikten, Fotografie oder Videodokumentation in Sammlungen einging, zeichnet sich am jüngsten Ankaufsverhalten auch des Guggenheims eine Trendwende innerhalb der internationalen Museumswelt ab: Immer häufiger werden die eigentlichen Live-Performances angekauft, und mit ihnen die Lizenz zur Wiederaufführung. Allein in den letzten zwei Jahren haben wir am Guggenheim 10 Live-Performancekunstwerke angekauft, u.a. von Tino Seghal, Tania Bruguera, Roman Ondak, Kevin Beasley und Gerard & Kelly.

Für mich als Restauratorin bedeutet dies, dass ich eine breite und tiefe Informationsgrundlage für jedes Werk schaffen muss,  auf der basierend seine zukünftigen Interpretationen eine authentische Tradierung und damit werkgerechte Erhaltung gewährleisten. Ich erforsche die Aufführungsgeschichte der Performance vor ihrem Eingang in die Sammlung, studiere die Angaben des Künstlers, führe dann detaillierte Gespräche mit Künstler und evtl. auch Performern, ermittle die Recruitment-Kritierien für Performer, dokumentiere die Proben und halte die Entscheidungsfindungsprozesse fest, die zur letztendlichen Aufführung einer Performance führen.

Diese Arbeit hat viele Parallelen zu meiner Haupttätigkeit, der Konservierung und Restaurierung von Medienkunst, bei der es sich ja auch häufig um prozesshafte, variable, interpretierbare, interaktive, oder performative Kunstwerke handelt.  


Was sind die größten Herausforderungen, mit denen man sich als Restaurator beim Erhalten und Sammeln von Performancekunst konfrontiert sieht?

Joanna Phillips: Für mich stellt der extrem hohe Arbeitsaufwand die größte Herausforderung dar. Mit einfachen (selbst detaillierten) Installationsanweisungen ist es beim Ankauf einer Live-Performance in der Regel nicht getan. Selbst wenn der Künstler klare Vorstellungen dazu hat, was das Werk ist, und welche werkdefinierenden Eigenschaften erhalten bleiben müssen, können viele der angegebenen Parameter ganz subjektive Entscheidungen bergen: ich denke da z.B. an die Auswahl von “geeigneten” Performern, oder die Erarbeitung einer “gelungenen” Choreographie oder erzählerischen Inhalten, die “aussagekräftig” sind. Diese Bewertungen, die nichts Geringeres als die werkgerechte, also unbeschadete Aufführung einer Performance definieren, werden vor dem Sammlungseingang durch den Künstler selbst getroffen.
 
Häufig ist sich der Künstler beim Verkauf seiner Performance gar nicht darüber im Klaren, wie viele der Entscheidungen, die zur erfolgreichen Aufführung seines Werkes führen, “aus dem Bauchgefühl” heraus getroffen werden und nur schwer an Außenstehende zu übertragen sind. Erst das Gespräch zwischen Performance-Künstler und ankaufendem Museum fördert diese verborgenen “Erhaltungsrisiken” zutage und ermöglicht die gemeinsame Ermittlung, wie in der Zukunft – beispielsweise, wenn der Künstler nicht (mehr) zur Verfügung steht – mit diesen Entscheidungen umgegangen werden kann oder soll.               

Ein Großteil der restauratorischen Aufgabe besteht also darin, das sogenannte „embodied knowledge“, das verinnerlichte Werkwissen, über das der Künstler, seine eingeweihten Vertrauten, oder auch erfahrene Performer eines Werkes verfügen, zu verbalisieren und für die sammelnde Institution festzuhalten.
Unter Umständen bedeutet das auch einfach das stundenlange Beobachten und Filmen von durch den Künstler gecoachten Proben, das Mitschneiden von Recruitment-Sessions oder die Auswertung langer E-Mail-Korrespondenzen, in denen ortspezifische Adaptionen festgelegt werden.    

Besonders hervorgehoben wird der interdisziplinäre Charakter der Tagung. Warum ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit gerade in Bezug auf Performancekunst so wichtig und wo sehen Sie die Schnittstellen?

Esther Rapoport: Ganz besonders beim Umgang mit dieser besonderen Kunstform der Moderne greifen zahlreiche Berufsfelder ineinander– dazu zählen u.a. Restauratoren, Kuratoren, Kunstwissenschaftler, Registrare und natürlich die Künstler selbst. Sie alle sind an den notwendigen Schritten bei der Musealisierung einer Live-Performance beteiligt, vom Ankauf, über die Dokumentation und Archivierung bis hin zur Planung und Durchführung einer Wiederaufführung. Daher ist es auch zwingend notwendig, gemeinsam mit allen beteiligten Disziplinen einen Fahrplan zu entwickeln. Und das macht das Thema ja schließlich auch so spannend.

Wie machen Sie das mit der Kommunikation zwischen Berlin, Wolfsburg, Dresden und New York?

Esther Rapoport: Da mussten wir zunächst die beste Lösung für uns finden. Glücklicherweise gibt es über das Internet gute Möglichkeiten, unsere regelmäßigen Besprechungen fast so abzuhalten, als säßen wir um einen gemeinsamen Tisch. Aber das Symposium wird tatsächlich unsere erste Gelegenheit sein, bei der wir alle vier nicht nur virtuell zusammenkommen!

Joanna Phillips: Google Docs, Google Sheets, Google Hangouts, Google sei Dank!


Worauf freuen Sie sich bei der Tagung besonders?

Joanna Phillips: Ich freue mich vor allem auf das tolle Programm, das wir zusammengestellt haben, ich möchte keinen einzigen Beitrag missen! Ich freue mich, dass wir zu jedem Themenkomplex verschiedene Stimmen und Blickwinkel hören werden, und dass viel Gelegenheit zur Diskussion besteht, auch mit dem Publikum. Außerdem freue ich mich auf ganz persönlicher Ebene, einmal wieder was in Deutschland zu veranstalten und den Austausch mit meinen dortigen Kollegen zu pflegen.       

Eva Rieß: Ich freue mich sehr auf die zahlreichen internationalen Beiträge und vor allem über die rege Beteiligung der Hochschulen an dem Symposium, sowohl bei den Referentinnen und Moderatoren, als auch bei den Teilnehmern. Dass sich bislang so viele Studierende der deutschsprachigen Hochschulen im In- und Ausland angemeldet haben, spiegelt doch deutlich das aktuelle Forschungsinteresse und den Bedarf an dem Thema Performance wider. Gleichzeitig finde ich es ganz persönlich spannend, dass wir uns dieses Mal dem Thema Bewegung widmen. Wir hoffen hier auf einen intensiven und erfrischenden  Diskurs.

Esther Rapoport: Besonders gespannt bin ich auf die Live Performance „Swap“ von Roman Ondak und die wirklich ungewöhnliche Gelegenheit die Performance gemeinsam mit dem Künstler im Laufe der Tagung immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Außerdem freue ich mich sehr auf den fachlichen Austausch mit den Kollegen aus dem In- und Ausland und auf rege Gespräche nicht nur während der Podiumsdiskussionen, die jede Session abschließen werden.

Andrea Sartorius:  Ein besonderes Highlight ist die Podiumsdiskussion am 10. Juni, die von Ulrich Lang, Restaurator des Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, moderiert wird.  Unter anderem werden Roman Ondak und sein Performer Sämi Moor am Beispiel der Live-Performance “Swap” die Aspekte diskutieren, die beim Ankauf und Leihgabe von Live-Performancekunst eine Rolle spielen. Dabei sind sie im Gespräch mit Joanna Phillips sowie zwei Kuratorinnen vom Solomon R. Guggenheim Museum und Museum of Modern Art.

Der Frühbucherrabatt endet am 7. Mai 2016. undefinedWeitere Informationen und das Online-Anmeldeformular finden Sie hier.