"Meisterwerke sind keine Trophäen"

15.02.2012: In der Debatte um die Ausleihe des Gemäldes aus der Alten Pinakothek haben zum Schluss die einvernehmlichen konservatorischen Bedenken der zuständigen Restauratoren in München und Nürnberg den Ausschlag gegeben. Auch der VDR hatte zu der Frage Stellung bezogen.

Albrecht Dürer, Selbstbildnis im Pelzrock, 1500, Öl auf Lindenholz, 67,1x48,9 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek München


Pressestimmen:

undefinedBayerisches Fernsehen am 15.2.2012: "Der Streit ist entschieden"

undefinedBayern 2 am 15.2.2012: "Risiko für Dürer-Bild ist nicht akzeptabel"

undefinedBR Studio Franken am 15.2.2012: "Dürer-Porträt kommt nicht nach Nürnberg"

undefinedSüddeutsche vom 15.2.2012: "Haarrisse zwischen Bayern und Franken"

undefinedFAZ vom 15.2.2012: Nürnberger Ausstellung: Dürers Selbstporträt wird nicht ausgeliehen

dpa Meldung vom 8.2.2012: "Auch Restauratoren warnen vor Dürer-Ausleihe"
undefinedMerkur online
undefinedT-online News aus Nürnberg
undefinedtz-online

dapd Meldung vom 8.2.2012: "Restauratorenverband: Dürer wird politisch missbraucht"
undefinedDer Westen
undefinedRadio Charivari Nachrichten
undefinedFreie Presse Sachsen
undefinedRadio Galaxy

undefinedBayerischer Rundfunk / Aktuelles aus Franken

undefinedAbendzeitung München

undefinedHandwerkermarkt / "Verband der Restauratoren protestiert gegen Dürer-Ausleihe"


Stellungnahme des VDR zur öffentlichen Diskussion um die Ausleihe von Albrecht Dürer, „Selbstbildnis im Pelzrock“ aus der Alten Pinakothek München an das Germanische Nationalmuseum Nürnberg


Die aktuelle Debatte um die Ausleihe von Dürers Selbstbildnis im Pelzrock in den Medien offenbart die Bereitschaft zu einem unverantwortlichen Missbrauch dieses Meisterwerkes für politische Interessen, gegen die der Verband der Restauratoren, dessen zentraler Auftrag die Bewahrung des Kunst- und Kulturgutes ist, hiermit deutlich Widerspruch einlegt. 

Das Germanische Nationalmuseum rühmt sich, die größte Dürer-Ausstellung seit 40 Jahren zu verwirklichen, und betont zugleich, dass eine solche Ausstellung zum Werk Albrecht Dürers wohl nie mehr zustande kommen werde. Hinter dieser Argumentation steht einerseits die berechtigte Annahme, dass die Wertschätzung der unersetzlichen Meisterwerke, die dort zu sehen sein werden, auch künftig noch wachsen und folglich die Zurückhaltung von Eigentümern, ihre Werke von Dürer aus der Hand zu geben, eher noch zunehmen wird. Zugleich ist anhand der Entwicklung der letzten Jahrzehnte zu vermuten, dass auch die konservatorischen Bedenken, solche Schätze auf die Reise zu schicken, nicht geringer werden.

Restauratoren lesen die Spuren, die Alterung und Beschädigungen an Kunstwerken hinterlassen haben, die aber für das ungeschulte Auge vielleicht dank einer guten Restaurierung nicht erkennbar sind. Sie können daraus Schlüsse ziehen, wie fragil ein Materialgefüge ist. Die Erfahrung lehrt, dass trotz aller technischen Verbesserungen bei Verpackung und Transport eine Leihgabe immer klimatischen Veränderungen und Erschütterungen ausgesetzt wird, die zumindest die Alterung beschleunigen, wenn sie nicht – mitunter erst nach Jahren – als Schädigung am Objekt sichtbar werden. Von der Unfallgefahr oder dem Risiko des menschlichen Versagens beim Handhaben, die katastrophale Folgen haben können, ganz zu schweigen. Für die bestmögliche Erhaltung der Werke wäre es ratsam, ganz auf Transporte zu verzichten. Ein Sammlungsleiter muss aber abwägen zwischen dem wissenschaftlichen oder Bildungsinteresse der Allgemeinheit und den Risiken. Seiner Verantwortung bewusst wird er sich immer am Gutachten eines fachkundigen Restaurators orientieren, bevor er über eine Ausleihe entscheidet.

Die Ausstellung basiert sicherlich auf einer höchst fundierten wissenschaftlichen  Auseinandersetzung über Dürers Frühwerk. Gerade die Präsentation der kunsttechnologischen Untersuchungen durch die Restauratoren des hauseigenen Instituts für Kunsttechnik und Konservierung verspricht eine große Bereicherung zu werden. Sie wird zeigen, welch vielfältige Erkenntnisse sich noch anhand originaler Werke gewinnen lassen. Sie wird damit hoffentlich zugleich deren Wertschätzung steigern und den Besuchern ein tieferes Verständnis für die Fragilität der historischen Materialgefüge vermitteln.

Dennoch scheint selbst solch ein hochrangiges Projekt – und dies ist nur ein Beispiel unter vielen – anscheinend noch mit Superlativen geschmückt und zum Event stilisiert werden zu müssen, um öffentliche Aufmerksamkeit zu bekommen und Politiker, Sponsoren und Medien zu gewinnen. Leihgaben aus den namhaftesten Sammlungen der Welt oder herausragende Werke, die sonst kaum ausleihbar sind, werden zu Trophäen der Ausstellungsmacher. Die Rarität oder die besondere Gefahr, die Grenzerfahrung, scheint erst den rechten Kitzel zu geben. Dass das Getöse um die Einzigartigkeit der Leihgaben und die Einmaligkeit, diese in einer Ausstellung zeigen zu können, im größtmöglichen Widerspruch dazu steht, gerade solche Inkunabeln Risiken auszusetzen, scheint kaum mehr jemanden zu stören.

Es scheint der Öffentlichkeit und den Politikern nicht bewusst zu sein, dass die Schätze in unseren Sammlungen eben nur so gut erhalten die Zeiten überdauert haben, weil sorgfältigster Umgang aber auch glückliche Umstände das ermöglicht haben. Und nur wenn sie weiter entsprechend sorgsam bewahrt werden, werden sie auch künftigen Generationen erhalten bleiben. Sie zu bewahren ist der Auftrag von Museen! Sperrlisten nicht ausleihbarer Meisterwerke werden von den Verantwortlichen mit Bedacht erstellt – wenn gerade keine anderen Interessen im Vordergrund stehen. Sie benennen eben die Werke, die vor jeglicher vermeidbaren Gefährdung bewahrt werden sollen. Sie schützen diese Schätze sogar vor den fachlich Verantwortlichen, den Kuratoren und Sammlungsleitern, damit diese gerade nicht in Versuchung geführt werden können, diese Inkunabeln entgegen einem höheren öffentlichen Interesse aufgrund temporärer Begehrlichkeiten aufs Spiel zu setzen! Wie absurd, dass jetzt Politiker vermeintlich im Namen der Allgemeinheit dafür plädieren, diese verantwortungsbewusst gesetzte Grenze zu überschreiten und dass viele Medien ihnen zur Seite stehen. Hier wird vor lauter Begeisterung, eine Trophäe nach Nürnberg bringen zu wollen, übersehen, dass Meisterwerke wie Dürers Selbstbildnis im Pelzrock der ganzen Welt zu erhalten sind.

Von München nach Nürnberg ist es nicht weit. Wie wäre es, die Kunstinteressierten umgekehrt einzuladen, ihre Entdeckungsreise zu Dürers Frühwerk mit einem Abstecher nach München zu verbinden?

undefinedBeitrag des Bayerischen Rundfunk (Bayern1) zum "Dürer-Streit