Was heißt restaurieren?

Der Restaurator - ein Berufsbild im Wandel

 In früheren Jahrhunderten wurde die lateinische Bedeutung des Verbs restaurieren - wiederherstellen - wörtlich genommen: Der Restaurator war ein Künstler oder ein Handwerker, der die „Erneuerung“ des vermuteten ursprünglichen Zustandes eines Kunstwerkes oder Kulturgutes anstrebte. Manchmal ließ man es auch nicht bei der einer solchen Wiederherstellung bewenden. „Veraltete“ Werke wurden den Sichtweisen oder Moden einer neuen Zeit angepasst. Weil dabei die Objekte oft bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden und von der alten Substanz oft nicht viel übrig blieb, begann sich mit wachsendem Geschichtsbewusstsein in einer breiteren Gesellschaftsschicht Widerstand gegen diese Verfahrensweise zu regen.

Die Rekonstruktion eines früheren, originalen Zustandes ist an sich gar nicht möglich. Äußere Einflüsse (der „Zahn der Zeit“), Eingriffe oder Beschädigungen hinterlassen Spuren, die ohne erneute Eingriffe nicht zu beseitigen sind. Und oftmals ist der ursprüngliche Zustand eines Werkes auch nicht genau überliefert – manchmal kann er lediglich an Hand von Materialfragmenten, durch den Vergleich mit ähnlichen Werken, Stilelementen usw. vermutet werden. Überdies erzählen alle Veränderungen die Geschichte eines Objektes und werden damit Teil des Kulturguts.

Im 19. Jahrhundert begann man, die Spuren der Vergänglichkeit zu würdigen und der „Alterswert“ eines Objektes gewann mehr und mehr an Bedeutung. Um 1900 bestand die Aufgabe der Restauratoren zunehmend im Erhalten der ihnen anvertrauten Objekte.

Inzwischen bestimmt eine immer stärker werdende Einbeziehung der Naturwissenschaften mit der Entwicklung von neuen Methoden und Materialien die restauratorische Arbeit. Der moderne Restaurator arbeitet mit Spezialisten anderer Fachbereiche zusammen, auch international vernetzt. Aus dem handwerklich-künstlerisch orientierten Berufsstand ist ein wissenschaftliches Fachgebiet geworden.

In den letzten 25 Jahren hat sich für die Ausbildung zum Restaurator eine geregelte Hochschulausbildung entwickelt. Das Studium umfasst geistes- und naturwissenschaftliche, restauratorische und künstlerische Elemente, die eine entsprechende Fächervielfalt erfordern: Von Chemie und Biologie über Kunstgeschichte und Archäologie, von Werkstoffkunde und Methodik bis zu Restaurierung und Konservierung in Theorie und Praxis.

Restaurieren heißt nicht "wieder neu machen"!

Die Erwartungen an die (optischen) Ergebnisse einer Restaurierung sind meist hoch. Und auch heute noch wird vielfach von Restaurierung gesprochen, wenn eigentlich renovierende oder rekonstruierende Tätigkeiten gemeint sind, die den bearbeiteten Objekten ein neuwertiges Aussehen verleihen. Restaurieren heißt aber nicht „wieder neu machen“ - der häufig gewünschte, deutliche „Vorher-Nachher-Effekt“ fällt nach einer fachlich richtig ausgeführten Restaurierung mitunter überraschend verhalten aus.

Restaurieren bedeutet respektieren

Die besondere Verantwortung der Restauratoren liegt in der Tatsache, dass sie es mit unersetzlichen Originalen zu tun haben, sei es ein Gemälde, ein völkerkundliches Objekt oder eine Fabrik aus vergangenen Zeiten. Eine kritische, methodisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung, welche das Werk vor jeder Maßnahme in allen wesentlichen Dimensionen zu verstehen sucht und zugleich die Konsequenzen jedes Eingriffs rechtzeitig abwägt, muss einer konservatorischen oder restauratorischen Behandlung stets vorausgehen.

Die Voruntersuchung besteht aus der Identifizierung des Objektes, einer Bestimmung seiner Bestandteile sowie der Beurteilung seiner Bedeutung als Kulturgut. Außerdem müssen Art und Umfang der bisherigen Veränderungen identifiziert und die Ursachen für Schäden am Werk ermittelt werden. Danach gilt es, die Ergebnisse der Untersuchung korrekt zu interpretieren, ein Restaurierungskonzept zu entwickeln, stets die Konsequenzen restauratorischer Tätigkeit zu überschauen und die Verantwortung für die Ausführung zu übernehmen.

Die Restaurierung an sich ist ein unmittelbares Tätigwerden am Objekt mit dem Ziel, eine bessere Lesbarkeit herzustellen. Dabei werden dessen ästhetische, historische und physische Eigenschaften soweit wie möglich respektiert. Restaurieren bedeutet aber eventuell auch zu ergänzen, während der Begriff des Konservierens rein erhaltende Maßnahmen umfasst. Bei einer Konservierung werden zum Beispiel gealterte, brüchige Materialien gefestigt, Risse geschlossen, chemische Alterungsprozesse modifiziert. Jede Hinzufügung kann jedoch wieder neue Interaktionen bei einem Objekt auslösen. Restauratoren überlegen deshalb sehr genau, welche Konservierungsmaßnahmen sie anwenden und welchen Einfluss diese auf das Material des zu restaurierenden Werks haben könnten, auch noch nach Jahrzehnten der Intervention. Häufig ist es sinnvoll, statt der tief in die Substanz eingreifenden Restaurierungskampagne, eine Überwachung, regelmäßige Kontrolle und in bestimmten Abständen durchgeführte Pflegezyklen zu planen.

Die „Präventive Konservierung“ gewinnt in diesem Zusammenhang an Bedeutung. Sie umfasst die Bedingungen, unter denen ein Kunstwerk vor Schaden und dem weiteren Verfall geschützt werden kann. Der Restaurator ist verantwortlich für adäquate Bedingungen rund um das Kunstwerk, zum Beispiel für das Klima im Depot, für konstante Temperatur- und Feuchtigkeitswerte in Ausstellungsräumen und für eine angemessene Lichtsituation. Im Zeitalter von Großausstellungen und den damit verbundenen Kunsttransporten muss der Restaurator sicher stellen, dass die Rahmenbedingungen so gestaltet sind, dass die Werke auch weite Reisen unbeschadet überstehen.