Ist Fühlen vermessen?

Immer wieder gab es Anlass, während und nach der Tagung „Konservierung und Restaurierung von Holztafelgemälden – Erfahrungen aus der Praxis“ über diese knappe Frage genauer nachzudenken. Ulrike Fischer berichtet.

Impressionen von der VDR-Fachgruppentagung an der HfBK Dresden im Mai 2015.

Fotos: Anne Levin

 

Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Nein. Untersuchungen der verschiedensten Art belegten in den Tagungsbeiträgen wiederholt, dass das erworbene Materialgefühl bei Entscheidungsfindungen das grundlegende Instrument eines kenntnisreichen und sensiblen Restaurators ist. Auf dieser Grundlage basieren Diskussionen um Schadensphänomene, deren Ursachen, deren Behebung und der Wunsch nach mehr wissenschaftlichen Messungen.

Dank der etablierten wissenschaftlichen Ausrichtung sind wir heute in der glücklichen Lage, dass immer mehr Teilaspekte unserer Fragen geklärt werden können. Neben messtechnischen Analysen wie u.a. der Weißlichtstreifenprojektion zur Erfassung und Darstellung dreidimensionaler Oberflächen trägt auch die Evaluierung früher bis hin zu jüngster Restaurierungsgeschichte enorm zum Erkenntnisgewinn bei. Auch das Monitoring ist integraler Bestandteil unserer Arbeit. In jedem einzelnen Beitrag wurde deutlich nach individuellen Lösungen gesucht, die Zeit der pauschalen Maßnahmen scheint der Vergangenheit anzugehören.

Es ist offensichtlich sehr viel passiert auf dem Gebiet der Holztafelkonservierung und -restaurierung. Holzbildträger werden heute selbstverständlich als Teil des Kunstwerkes wahrgenommen, respektiert und nicht mehr wie früher zersägt, abgeschnitten, durchgeschnitten, parkettiert oder sonst irgendwie in andere Formen gebracht. Strukturelle Eingriffe sind im Vergleich zum 19. und 20. Jahrhundert in Art und Umfang deutlich reduziert. Die konsequente Weiterentwicklung einer ganzheitlichen Denkweise ist die Berücksichtigung der Rahmung, Montage, Statik und Stützkonstruktionen von Holztafeln unter konservatorischen ebenso wie ästhetischen Gesichtspunkten.

Es wurde über viele Holztafeln berichtet, deren Erhaltungszustand ein Handeln dringend erforderlich machte. Es wurde ein reiches Repertoire an Maßnahmen vorgestellt wie die Konsolidierung instabiler Holzstrukturen, Entfernung inadäquater Rückseitenstabilisierungen, Verklebungen von Fugen, Rissen und Brüchen, Malschichtkonsolidierung und Kittungen. Zu den mutigen Eingriffen zählt auch die Manipulation von Verwerfungen durch gezielte Be- und Entfeuchtung.

Viele Fragen und Diskussionen zeigten während der Tagung aber auch, dass es immer noch viel zu tun gibt. Es wurde bemerkenswert offen über Vor- und Nachteile von reversiblen und irreversiblen Eingriffen gesprochen. Fallweise bewahren irreversible Eingriffe wie die Abnahme eines Parketts oder der Eingriff in die Statik eines Flügelaltars vor absehbaren Schäden und sind nicht per se auszuschließen. Möglicherweise bietet aber auch die gedankliche Gegenüberstellung eines naheliegenden irreversiblen Eingriffs wie beispielsweise der Neuverleimung geöffneter Fugen und alternativ die reversible Montage mit Stützkonstruktion einer Tafel mit geöffneten Fugen neue Umgangsmöglichkeiten mit alten Problemen. An dieser Stelle sei nur kurz auf die vielen passiven Lösungen hingewiesen, die im alltäglichen Umgang eine sehr große Rolle spielen, aber auf einer Tagung zur Restaurierungspraxis naturgemäß wenig thematisiert wurden.

Wünsche wurden geäußert zu vertiefenden wissenschaftlichen Untersuchungen über Fragenkomplexe nach den Eigenschaften von Holzbildträgern inklusive ihrer Bildschicht, Spannungsverhältnisse in Holztafeln, Schadensursachen, Analysen etc. um unser Materialgefühl durch messbare Ergebnisse weiter zu unterstützen. Kollegen beschäftigen sich im Kleinen oder in großen, interdisziplinären, internationalen Projekten mit Fragen wie diesen. Allein die Anzahl an Ideen übersteigt oft die Möglichkeiten zur Umsetzung.

Am Rande wurde auch die Pflege und Intensivierung des internationalen Austausches erwähnt. Wie hilfreich wäre es, würden sich Werkzeuge, Methoden und Erkenntnisse in ähnlichem Ausmaß über die Welt verbreiten wie die allgegenwärtigen japanischen Sägen.

Einen herzlichen Dank an alle, die diese Tagung inklusive der Exkursionen so wunderbar anregend gemacht haben.

Ulrike Fischer, 25.05.2015


Mehr zum Thema:

undefinedRückblick auf die Exkursionen im Rahmen der Tagung „Konservierung und Restaurierung von Holztafelgemälden“ (Bericht vom 10. Juni 2015)

undefinedWeitere Informationen auf der Tagungswebsite