"Mit öffentlichen Geldern bezahlte Schädigung des Berufsstandes"?

Zur Sendung des ZDF "kaputt und ... zugenäht!", die sonntags um 13.20 Uhr ausgestrahlt wird, haben den VDR zahlreiche kritische Reaktionen seiner Mitglieder erreicht. Die Darstellung des Restauratorenberufes in der Sendung ist nicht nur oberflächlich, wir halten sie sogar für berufsschädigend.

Das Team von "kaputt und ... zugenäht!": Antoine Richard, Julia Pfeiffer, Marcel Offermann, Eva Brenner, Ulrich Vogt, Ulrich Kriescher.

Aktualisierung: Gespräch von Vertreterinnen der VDR-Geschäftsstelle mit der Filmproduktionsfirma Gruppe 5 GmbH am 14.06.2016:

Die Filmproduktionsfirma Gruppe 5 GmbH zeigte sich kooperativ und lud zu einem Gespräch nach Köln ein. Geschäftsführer Alexander Hesse und sein Redaktionsteam schienen ernsthaft interessiert an einer Verbesserung der Darstellung der restauratorischen Praxis. Bei der Produktion der für Herbst geplanten zweiten Staffel wolle man sensibler mit dem Begriff „Restaurierung“ umgehen und auch mehr Hintergründe, z.B. zu Voruntersuchungen und wissenschaftlichen Methoden vermitteln. Die Darstellung von Preisfindung und Zahlungsweise sei Gegenstand firmeninterner Diskussionen. Details zur künftigen Handhabung wollte man uns nicht wissen lassen. Sicher ist, dass das Format nicht grundsätzlich verändert wird. Inwieweit die Kritik des VDR Einfluss hat, wird sich mit der Ausstrahlung der nächsten Staffel zeigen.

Positives Ergebnis der Gespräche mit Gruppe 5: Gemeinsam mit dem Verband wird darüber nachgedacht, wie man anhand anderer Formate spannende Restaurierungsprojekte in dokumentarischer Form ins öffentlich-rechtliche Fernsehen bringen kann. Der VDR ist aufgefordert, Material zu liefern. Anregungen aus der Mitgliedschaft über geeignete Projekte, die über einen längeren Zeitraum von Anfang bis Ende mit der Kamera begleitet werden können, nimmt gerne die VDR-Geschäftsstelle entgegen.


Aktualisierung:
In seinem Antwortschreiben vom 10. Mai 2016 äußert sich der Intendant des ZDF Dr. Thomas Bellut zum offenen Brief des VDR-Präsidenten Dr. Jan Raue.

Die VDR-Geschäftsführung und das Präsidium haben bereits klärende Gespräche geführt, mit der Produktionsfirma sowie mit den Beteiligten. In einem offenen Brief an den Intendanten des ZDF Dr. Thomas Bellut nimmt VDR-Präsident Dr. Jan Raue ausführlich Stellung:

„Mit öffentlichen Geldern bezahlte Schädigung des Berufsstandes“?
Offener Brief des VDR-Präsidenten Dr. Jan Raue an den Intendanten des ZDF Dr. Thomas Bellut.
April 2016


Sehr geehrte Damen und Herren,
„Mit öffentlichen Geldern bezahlte Schädigung des Berufsstandes“, so ist eine von vielen Zuschriften überschrieben, die das Präsidium des zentralen Berufs- und Fachverbandes der Restauratoren in Deutschland erreicht hat, seit Ihre Sendung „kaputt und … zugenäht!“ sonntags nach 13 Uhr ausgestrahlt wird. Die Gremien des Verbandes teilen diese Kritik und geben sie weiter in Form dieses offenen Briefes. Unseren Mitgliedern stellen wir anheim, sich individuell an die Zuschauer-Redaktion des ZDF zu wenden.

Der Verband der Restauratoren e.V. (VDR) vertritt über 3.000 Restauratorinnen und Restauratoren mit verschiedensten Spezialisierungen. Seine Hauptanliegen sind der Schutz und die Bewahrung von Kunst und Kulturgut. Dazu fordert er seit Jahrzehnten einen fachgerechten, qualifizierten Umgang mit Kulturgut.
Ebenfalls seit Jahrzehnten bemüht sich der Verband um eine gesetzliche Regelung zum Schutz der Berufsbezeichnung „Restauratorin/Restaurator“. Einen solchen gibt es bisher in nur zwei Bundesländern. Kultur unterliegt in Deutschland der Länderhoheit. Die flächendeckende Durchsetzung gesetzlicher Regelungen, die standardmäßig einen fachgerechten Umgang mit Kulturgut gewährleisten würden, ist ein unvorstellbar mühseliges Geschäft! Dass es Studiengänge der Fachrichtung  Konservierung-Restaurierung überhaupt gibt, ist der Allgemeinheit noch viel zu wenig bekannt. Dass Restauratoren dann nach abgeschlossenem Studium in ihrer Berufsausübung mit selbsternannten „Fachleuten“ konkurrieren müssen, ist umso betrüblicher. Denn dass qualifizierte Arbeit einen angemessenen Preis hat, erfahren viele Besitzer wertvoller oder seltener Objekte erst schmerzlich, wenn sie es zunächst mit dem „günstigen“, aber leider nicht qualifizierten Anbieter versucht haben. Oft ist das Kunstwerk dann unrettbar beschädigt.

Das Zweite Deutsche Fernsehen erreicht zu sorgsam gewählten Sendezeiten eine interessierte bundesweite Öffentlichkeit. Dieser wird in Ihrer Sendung suggeriert, dass Restaurierung, erstens, flott und sorglos von statten geht (wieviel Bearbeitungszeit am Ende auf 45 Minuten zusammengeschnittenen wurde, wird nicht erwähnt) und, zweitens, scheinbar beliebig verhandelbar ist. Die Preisgestaltung erinnert stark an einen türkischen Bazar. Und: Bekommt der Kunde eigentlich eine Rechnung und enthält diese dann auch noch Mehrwertsteuer?

Es ist nur im Sinne einer ganz oberflächlichen Herangehensweise verständlich, dass Sie Ihrer Zielgruppe am Sonntagnachmittag spannend und unterhaltsam vermitteln wollen, wie Erbstücke und „Schätzchen“ nach freundlichem Geplauder mit Allroundexperten „im neuen Glanz erstrahlen“ und an Wert gewinnen.

Wir gehen davon aus, dass diese Botschaft in ihrem Ergebnis redaktionellen Zwängen des Formates geschuldet ist und nicht von den unter Vertrag genommenen Kolleginnen und Kollegen verantwortet wird.

Aber: Das verzerrte Bild, das Sie damit von einer ganzen Berufsgruppe zeichnen, wird ebenso von öffentlichen Geldern finanziert, wie die langjährige Ausbildung qualifizierter Restauratoren und Restauratorinnen, die „dank“ des in „kaputt … und zugenäht!“ vermittelten und verstärkten Klischees Probleme haben, ihren Beruf wirtschaftlich und ethisch auszuüben. Bei Beiträgen, in denen es um die Tätigkeit von Zahnärzten, Bauingenieuren oder Rechtsanwälten geht – alles akademische Freie Berufe, deren Ausbildung mit dem von Restauratoren ohne Einschränkung vergleichbar ist –, wäre die von Ihnen vorgespielte Vorgehensweise ohne Frage undenkbar.

Da dieser Schaden nicht in der Absicht eines öffentlich-rechtlichen Senders liegen kann,  regen wir an, die Restauratorenschaft darin zu unterstützen, ihren Beruf im rechten Licht darzustellen, indem Sie
-    bei weiteren ähnlichen Formaten den Fachverband beratend hinzuziehen,
-    uns dabei unterstützen, dem breiten Fernsehpublikum ein realistisches Bild vom spannenden Beruf der Restauratorin/des Restaurators zu vermitteln.
Sicherlich gelingt es dem ZDF zukünftig so, in ebenso unterhaltsamer wie seriöser Weise darzustellen, dass Restauratorinnen und Restauratoren die ihnen anvertrauten Werke mit wissenschaftlichen Mitteln sorgfältig untersuchen, bevor sie Maßnahmen empfehlen, wie sie im Interesse der Allgemeinheit verantwortungsvoll mit schützenswertem Kulturgut umgehen und warum ihre Arbeit nicht zu Flohmarkttarifen zu haben sein kann.

Für Rückfragen, Beratung und Unterstützung bei der Erfüllung Ihres öffentlich-rechtlichen Auftrages stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Jan Raue
Präsident des VDR