Messe "denkmal" in Leipzig mit Besucherrekord

Am Stand mit Partnern, klare Aussagen auf dem Podium und ein weiterer „Tag der Weiterbildung“. Zum sechsten Mal präsentierte der VDR die Restauratoren in Leipzig auf der Europäischen Leitmesse denkmal, die in diesem Jahr mit einem Besucherrekord zu Ende ging. Knapp 14.000 Besucher wurden auf der Messe gezählt. Ein Rückblick auf interessante Messetage ...


Die „denkmal“, die wichtigste europäische Messe für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbausanierung ging in diesem Jahr mit einem Besucherrekord zu Ende. Fast 14.000 interessierte Besucher, rund 800 mehr als vor zwei Jahren in Leipzig, besuchten diese 12. Ausgabe der „denkmal“. Der VDR war ebenfalls mit einem Stand vertreten, an dem nicht nur Informationen zum Mitnehmen bereitlagen, sondern auch zahllose Gespräche geführt wurden. Dafür standen Vertreter der Geschäftsstelle, des Präsidiums und VDR-Mitglieder zur Verfügung.

„Die Publikumsfrequenz an unserem Stand war nicht nur höher als auf den Messen vergangener Jahre, die Besucher waren auch äußerst interessiert, und wir haben eine erfreuliche Anzahl neuer Mitglieder für unseren Verband gewinnen können“, sagt VDR-Geschäftsführerin Katharina Trifterer. „Darunter waren sowohl junge Restauratoren, die noch im Studium sind, als auch Handwerker, die eine akademische Ausbildung anstreben sowie im Beruf stehende Restauratoren, die insbesondere auch die berufspolitische Arbeit des VDR unterstützen wollen.“

Neben guten Gesprächen am Stand, neuen Mitgliedern und zahlreichen Gremientreffen, bei denen sich das Restauratoren-Netzwerk weiter festigen konnte, zählten vor allem zwei Veranstaltungen für den VDR zu den Messe-Highlights. Am Freitag (11.11.2016) hatten die Restauratoren im Handwerk e. V. zu einer Podiumsdiskussion geladen. Beim Thema „Restaurierungsethische Grundsätze und ihre baupraktische Umsetzung“ sollte der Spagat beleuchtet werden zwischen notwendigen Eingriffen in bestehende Ausstattungen und dem restaurierungsethischen Anspruch, so wenig wie möglich in den Bestand einzugreifen.

In der mit rund 150 Teilnehmern sehr gut besuchten Veranstaltung ging es neben dem eigentlichen Thema recht schnell auch um die Frage, wo theoretisch und praktisch eine berufliche Grenzziehung verläuft zwischen dem Restaurator im Handwerk (RiH) und dem Restaurator mit Hochschulausbildung, wie er vom VDR vertreten wird. Auf der denkmalpflegerischen Baustelle, darüber waren sich die Diskutanten im Verlauf der Debatte einig, gebe es kaum Probleme, da in der Praxis beide Berufsgruppen die spezielle Expertise der jeweils anderen zu schätzen wissen. Dennoch gab es nicht nur Konsens, was der berufspolitisch geprägte Diskurs zeigte.

Dr. Markus Harzenetter, Vorsitzender der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VdL) begrüßte das Publikum, indem er betonte, dass „wir nur qualifizierten Fachleuten unsere Denkmäler anvertrauen sollten“. Das bedeute auch, dass „nicht jeder innovative Handwerker auf einer Denkmalbaustelle richtig sei“.

Bernd Jäger, Präsident des Vereins Restaurator im Handwerk e. V. (RiH)
, stellte in seinem Eingangsstatement die ganzheitliche Herangehensweise als Erfolgsfaktor in der Restaurierung dar. Die Handwerker müssten den Dialog mit anderen suchen. „Die baurestauratorische Untersuchung muss Pflichtlektüre für den Restaurator im Handwerk sein“, sagte Jäger. Nur dann könne dieser das Bauwerk lesen und verstehen. Gleichzeitig sah Jäger aber auch eine gewisse Gefahr, die in einer zu starken Spezialisierung liege.

Dr. Dörthe Jakobs vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg begann ihr Statement mit einem Beuys-Zitat: „Bevor wir wissen, was wir tun, müssen wir wissen, was wir denken.“ Jakobs betonte, dass Restauratoren im Handwerk und Restauratoren, trotz Kooperation, verschiedene Lebensläufe und verschiedene Herangehensweisen an Denkmäler hätten und „keine identischen Fragestellungen“. „Der Restaurator im Handwerk bleibt Handwerker und Angehöriger seines Berufsstandes, sein Tätigkeitsfeld ist, wie das der Handwerker, immer gewerblich-handwerklich auf Reparatur, Instandsetzung, Neuschaffung ausgerichtet. Währenddessen ist das Berufsbild des Restaurators in Theorie und Praxis von wissenschaftlicher Methodik geprägt. Sein Tätigkeitsfeld ist freiberuflich-wissenschaftlicher Natur.“ Sie unterstütze die Fortbildung der Restauratoren im Handwerk, sagte Jakob, aber „keine Neuausrichtung und kein neues Etikett“, denn der Begriff der „handwerklichen Restaurierung“, der derzeit kursiere, sei schlichtweg falsch. Solcherart Sprachverwirrung begünstige auch „unqualifizierte Trittbrettfahrer“.

Dr. Jan Raue, Präsident des VDR, war der nächste Redner und hob hervor, wie wichtig der „Weg der Kooperation“ zwischen beiden Berufsgruppen sei. Andererseits aber sei „die Tendenz spürbar, die Restaurierung als Ganzes für das Handwerk zu vereinnahmen“. Die Leidtragenden seien die „Restauratoren mit Hochschulausbildung, die seit über 40 Jahren Wissenschaftlichkeit, Forschung und Innovationskraft und dazu den umfassenden historischen Blick auf den Restaurierungsgegenstand eingebracht haben. Sie haben die Denkmalpflege dadurch enorm gestärkt und sie zu einem guten Stück erst zu dem gemacht, was sie heute ist.“ … „Wenn es stimmen würde, dass „gutes Handwerk“ auch „gute Restaurierung“ bedeuten würde, dann hätten wir Ende des 19. Jahrhunderts, als das Handwerk in Deutschland in seiner höchsten Blüte stand, auch die besten Restaurierungen haben müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Restaurierungen der Zeit ließen oft ethische Grundsätze im heutigen Sinn vermissen. Sie waren zwar handwerklich ansprechend, sie vernichteten jedoch meist die originale Substanz, fast immer aber den Zeitzeugniswert der Kunstwerke. Umgekehrt ist es richtig. Da, wo Restaurierung im besten Sinne blüht, profitiert auch das qualifizierte Handwerk durch begleitende Aufträge u. a. für Reparaturen der umgebenden Substanz, Wiederherstellungen, Kopien verlorener Teile.“

Dr. Bernd Euler-Rolle, Fachdirektor des Bundesdenkmalamtes in Wien, brachte in seiner Rede noch einmal die Restaurierungsethik ins Spiel und erklärte, dass aus seiner Sicht „Methode und Systematik“ wesentlich seien. „Entscheidende Veränderungen sind ohne Erlaubnis in der Denkmalpflege sowieso nicht möglich.“ Er verwies auf das undefined„ABC – Standards der Baudenkmalpflege“, das vom Bundesdenkmalamt Wien vor zwei Jahren herausgegeben worden sei. „Das ist keine Bibel, aber eine Systematik, die zu einer Entscheidungsmatrix führt“, sagte Euler-Rolle. Im Übrigen versuche man, dem Schwinden von traditionellen Handwerkstechniken entgegenzuwirken, und das auch bewusst im Austausch mit Architekten, Restauratoren und anderen Berufen. Der „Kampf um Begriffe“ wie ‚handwerkliche Restaurierung‘ führe nicht weiter, sagte Euler-Rolle. „Die Denkmalpflege ist keine Wissenschaft sondern eine Wertedisziplin“.

Für Mechthild Noll-Minor vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in Zossen ist die „Qualitätssicherung in der Erhaltung von Denkmalen weniger durch Normierung als vielmehr durch die Entwicklung und dann auch Anerkennung fachlicher Kompetenzen der verschiedenen Akteure für die jeweiligen Aufgaben in der Denkmalpflege zu erreichen“. Hier sei der gemeinsame Einsatz geschulter Praktiker gefragt und die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Noll-Minor nannte einige Beispiele, in denen Denkmalsubstanz durch mangelnde Kommunikation und fehlende Zuordnung der fachlichen Kompetenz zerstört worden war. „Restaurierungsethik“, betonte die Diplom-Restauratorin, „ist das methodische Rüstzeug für jeden Restaurator.“

Als letzter Redner vertrat Hermann Klos, Vizepräsident des RiH, eine sehr praxisorientierte Einstellung zu restaurierungsethischen Grundsätzen. Wenn man ein Baudenkmal im Sinne der „reinen Lehre“ so authentisch wie möglich zu erhalten versuche, sei das „oft kontraproduktiv“. Es gebe Situationen, in denen sich die Ethik des Handwerkers und die des Restaurators „diametral gegenüberstehen“, so Klos. „Oft ist Pragmatismus gefragt und die eigentliche Herausforderung liegt in der Eingriffstiefe. Gute Denkmalpflege ist nichts anderes, als die Dinge unsterblich zu machen.“

Bei der sich anschließenden Diskussion unter Einbeziehung des Publikums, die Reinhard Hübsch vom Südwestrundfunk moderierte, wurde sowohl von Restauratoren als auch von den Restauratoren im Handwerk vielfach bestätigt, dass die Zusammenarbeit auf der Baustelle gut funktioniert. Um das zu gewährleisten, müssten aber gewisse Voraussetzungen erfüllt sein und vor allem müsste eine solche Kooperation auch gewollt sein.

Jan Raue dazu: „Wir selbst stellen oft fest: Es gibt kaum Probleme zwischen Handwerkern und Restauratoren in der Praxis! Und das zeigt, dass immer noch weitgehend gesundes und ehrliches Selbstverständnis vorherrscht, und nicht erfundene Identitäten! Aber das ist auch nicht voraussetzungslos. Es ist der Stand der letzten Jahre, da, wo gute Ausschreibung und verantwortungsvolle Vergabe erfolgen, wie z. B. in aller Regel in Brandenburg, Berlin, Baden-Württemberg u. a., wo personell arbeitsfähige Denkmalbehörden und wo spezialisierte Architekten vorhanden sind, die auf Ehrlichkeit der Ausführenden gegenüber den Auftraggebern treffen.“

Am Samstag, dem letzten Messetag in Leipzig, beteiligte sich der VDR am umfangreichen Rahmenprogramm der „denkmal“ mit dem „2. Tag der Weiterbildung“.  Verschiedene Partner, mit denen der Verband im Bereich Weiterbildung für Restauratoren zusammenarbeitet, stellten ihr Angebot vor und beantworteten nach ihren Vorträgen individuelle Fragen.
Zum Auftakt sprach Dr. Boaz Paz über „Die Büchse der Pandora: Die Weiterbildungsreihe zur Biozidproblematik“. Boaz Paz ist Chemiker und Gründer der undefined„Paz Laboratorien“ in Bad Kreuznach. In seinem spannenden Vortrag stellte er verschiedene Biozide vor und wie sie im Laufe der Zeit z. B. in Naturkundemuseen eingesetzt wurden – von Schwermetallsalzen über DDT bis hin zu hormonähnlichen Substanzen. Gesundheitsgefährdend sind sie alle, und Boaz Paz informiert in seinen Kursen, wie Schadstoffanalysen und Gefährdungsbeurteilungen erstellt und entsprechende Arbeitsschutzmaßnahmen getroffen werden können.

Im zweiten Vortrag des Tages beantwortete Professorin Ulrike Hähner von der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen die Frage „Wozu nochmal studieren? Berufsaufbauende Inhalte und berufsbegleitender Studienverlauf an der HAWK“. Die Diplom-Ingenieurin, die ebenfalls Diplom-Restauratorin ist, erläuterte, wie ein duales undefinedStudium an der HAWK verlaufen kann. Hierbei werden Kenntnisse und Vorbildung einbezogen und ein individuelles „Learning Agreement“ entwickelt. Eine Weiterbildung auf Hochschulniveau sei deshalb so wichtig, weil sehr viele Berufe in das kleine Feld der Konservierung-Restaurierung drängten, sagte Hähner. „Da müssen wir Restauratoren schauen, dass wir nicht allein in der Ausführungsebene bleiben, sondern auch in Führungspositionen kommen.“

Im nächsten Vortrag berichtete Dipl.-Restauratorin Barbara Hentschel M.A., ebenfalls eine Vertreterin der HAWK, von Erfahrungen aus undefined15 Jahren Internet-basierter Fortbildung unter dem Titel „Restaurieren geht nicht online, Weiterbildung aber schon“. 2001 startete im Hornemann Kolleg an der HAWK der erste Online-Kurs für Studenten. Seither hat sich das Format technisch und inhaltlich weiter entwickelt, manche Kurse sind auch international gefragt und werden ins Englische übersetzt. Dabei sind die Kurse immer speziell für Restauratoren aufbereitet, auch mit der Möglichkeit zur Diskussion im Forum. Bei erfolgreichem Abschluss des Online-Kurses wird ein Zertifikat ausgestellt. (Präsentationsfolien des Vortrags von Barbara Hentschel zum Nachlesen.)

Last, but not least sprach an diesem Tag der Weiterbildung Professor Dipl.-Restaurator Werner Koch. Sein Vortrag „20+1“ behandelte die Entwicklungsgeschichte des Studiengangs Konservierung und Restaurierung in der Baudenkmalpflege an der Fachhochschule Potsdam. Der Studiengang, der schon im 21. Jahr an der FH Potsdam besteht, ist in den Fachbereich Architektur und Städtebau eingegliedert und bietet vier Studienrichtungen an, die materialspezifisch gegliedert sind: undefinedHolz, Metall, Stein und Wandmalerei. Professor Koch informierte über Zugangsvoraussetzungen und Lerninhalte, über notwendige Praxiserfahrungen und wie die konsekutiven Studiengänge Bachelor und Master gegliedert sind.

Nach der Messe ist vor der Messe. In diesem Sinne haben schon während der diesjährigen denkmal, spätestens aber auf der Heimreise, die Überlegungen zur Gestaltung der Teilnahme 2018 begonnen, die sicherlich ganz unter dem Zeichen des dann stattfindenden Kulturerbe-Jahres stehen wird.