Für viele Restaurator:innen ist die Arbeit nicht nur ihr Beruf, sondern sie ist Berufung. Sich aus der Selbstständigkeit zu verabschieden, fällt oftmals schwer. Wem daran gelegen ist, dass das Erreichte weitergeführt wird, sollte früh genug an eine Nachfolge denken.
In der ersten Folge dieser Serie aus der Reihe "Mit Kalkül" haben wir das Thema aus Unternehmer:innensicht beleuchtet. Nun wollen wir eine Betriebsübernahme aus der Perspektive der Nachfolgerin oder des Nachfolgers besprechen.
Wer sich nach einem Studium der Konservierung-Restaurierung selbstständig machen möchte, hat in den nächsten fünf Jahren ungeahnte Möglichkeiten in Deutschland – wenn man der Statistik Glauben schenkt. Denn jährlich sind Zehntausende kleine und mittlere Unternehmen auf der Suche nach einer Nachfolge. Dabei müssen sich die Bewerber:innen in der Regel nicht in einer langen Schlange anstellen. Im Gegenteil: Die Herausforderung liegt auf der anderen Seite. Ruhestandswillige Unternehmer:innen werden viel Energie aufwenden müssen, um Nachfolgende zu finden. Das Interesse sich selbstständig zu machen und bestehende Werkstätten und Ateliers zu übernehmen, wächst momentan erst langsam. Wirtschaft und Politik bemühen sich redlich den fast abhanden gekommenen deutschen Gründergeist wiederzubeleben. Für junge Restaurator:innen ist das eine Chance.
Sich Zeit nehmen bei weittragenden Entscheidungen
Treten sie die Nachfolge eines erfahrenen Selbstständigen an, können Restaurator:innen auf ein bestehendes Netzwerk, laufende Projekte, Dokumentationen, Fotos und im Idealfall eine gute Reputation aufbauen. Aber was ist zu beachten? Selbstständigkeit bedeutet weit mehr als gute Kenntnisse in einem bestimmten Fachgebiet. Ohne den Willen Verantwortung zu übernehmen, klappt es nicht. Neue Aufträge müssen akquiriert, Angebote erstellt und Budgets festgelegt werden. Selbstorganisation und Zeitmanagement sind besonders bei den vielen soloselbstständigen Restaurator:innen enorm wichtig. Sich ins kalte Wasser zu stürzen und ein Unternehmen ohne Berufserfahrung direkt nach dem Diplom oder Master ohne Berufserfahrung weiterzuführen, wäre voreilig.
Passen meine Wünsche und Ziele zum Unternehmen?
Am Anfang ist es wichtig sich nach den eigenen Wünschen und Zielen zu fragen und zu wissen, was zur eigenen Person passt. Das Bauchgefühl hilft zwar, aber völlig spontane, auf Sympathie basierende Entscheidungen bei der Übernahme einer Werkstatt können zu Enttäuschungen und materiellen Verlusten führen. Denn was nützt es einem Berufsanfänger eine gut laufende Werkstatt für Textilrestaurierung zu übernehmen, wenn die eigene Spezialisierung im archäologischen Bereich liegt? Ein charismatischer Professor der Restaurierung, dessen Fachbeiträge von allen bewundert werden, kann ein chaotisches Atelier hinterlassen.
Ehe eine Betriebsübergabe in Betracht gezogen wird, sollten die Restaurator:innen idealerweise mit einer freien Mitarbeit beginnen und abwarten, ob die „Chemie“ zwischen Alt und Jung stimmt und sich die fachlichen und wirtschaftlichen Interessen zumindest teilweise decken. Diese Fragen sollte man sich unbedingt stellen: Passen meine Spezialisierungen? Möchte ich in dieser Region auf Dauer arbeiten? Kann ich die Zielgruppen des Vorgängers/der Vorgängerin halten und bedienen?
Keine Angst: Niemand muss ein Unternehmen 1:1 weiterführen, aber mit dem bestehenden Atelier, in das man einsteigen und das man übernehmen möchte, wurden Rahmenbedingungen gesteckt. Diese lassen sich nach und nach erweitern und verändern, aber nicht von einem Tag auf den anderen komplett umwandeln.
Was wird eigentlich übernommen – und was nicht?
Nicht jede Nachfolge ist eine formale Betriebsübernahme. In der Restaurierung liegt der Schwerpunkt oft in einem Atelier mit Kundenkontakten, Dokumentationen, Fachbibliothek und Expertise. In manchen Fachrichtungen, die ohne kostspielige Arbeitsmittel und mit wenig Raum auskommen, sind geringe materielle Vermögenswerte vorhanden. Es ist häufig der Eintritt in ein vorhandenes Beziehungs- und Vertrauensnetzwerk. Dennoch sollten sich die Restaurator:innen die Fragen stellen: Welche materiellen Dinge gehören zur Nachfolge? Sind dies die Räumlichkeiten, die Werkzeuge, Maschinen und technischen Geräte, die Bücher und das Archiv? Und welche immateriellen Werte? Der Kundenstamm, begonnene Projekte und weitere Kontakte mit Kulturinstitutionen in der Region?
Netzwerke weiterführen – aber auch selbst aufbauen
Ein wichtiger Bestandteil des freiberuflichen Erfolgs in der Restaurierung sind persönliche Netzwerke zu Denkmalpfleger:innen, Museums:leiter:innen und Restaurator:innen im öffentlichen Dienst, zu Architekt:innen, Fördergeber:innen und zu Kolleg:innen in angrenzenden Fachrichtungen oder Gewerken. Diese Kontakte lassen sich nicht einfach vererben, aber sie lassen sich mitnehmen, wenn Vertrauen da ist. Das gelingt über gemeinsame Projektarbeit mit dem/der Vorgänger:in, das persönliche Vorgestelltwerden bei Auftraggeber:innen und die Begleitung bei Baustellenbesichtigungen oder Gutachten. Man sollte darauf hinwirken, dass es eine Phase des Übergangs gibt, in der man persönlich eingeführt wird. Das stärkt die Glaubwürdigkeit enorm.
Das Angebot "Unternehmensnachfolge" prüfen
Ein gut gemeintes Angebot ist nicht automatisch ein gutes Angebot. Unverzichtbar ist deshalb ein offenes Gespräch mit dem Vorgänger oder der Vorgängerin. Wichtig zu klären ist, welche Aufträge anstehen und wie der Status der laufenden Projekte ist, wie die Finanzen der letzten Jahre aussehen, wie Abläufe organisiert werden (digital, analog, gar nicht) und wie frühere Auftraggeber:innen über die Arbeitsweise des Unternehmens urteilen. Außerdem sollten die Restaurator:innen nach Verpflichtungen, Fristen und Risiken fragen, um keine unangenehmen Überraschungen nach einer Übernahme zu erleben. Wichtige, auch kritische Fragen dürfen gestellt werden.
Formalitäten nicht unterschätzen – professionell klären
Auch wenn der Übergang kollegial ist, geht es bei der Unternehmensnachfolge um Verantwortung und um Geld, außerdem oft um urheberrechtlich relevante Inhalte wie Dokumentationen, Pläne und Fotos. Was passiert mit dem Namen des Ateliers, mit der Domain, der Website und der E-Mail-Adresse sowie mit den Social-Media-Kanälen, die auf den Vorgänger oder die Vorgängerin zugeschnitten sind? Die Übernahmebereiten sollten erfragen, ob es einen schriftlichen Vertrag mit diesen Details geben wird. Einen solchen einzufordern, ist sehr zu empfehlen. Es gilt zudem festzuhalten, welche technischen Geräte, Maschinen, Werkzeuge, Materialbestände und Softwarelizenzen übergeben werden. Auch über Versicherungspflichten und die Möglichkeit der Übernahme sollte man sich austauschen. Last but not least: Anzusprechen ist unbedingt früh genug, wie hoch der Übergabe- oder Kaufpreis des Unternehmens ist. Den muss es nicht geben, aber das sollte von Beginn an offen kommuniziert werden.
Vom Übergang zum eigenen Profil
Manche junge Restaurator:innen fühlen sich anfangs im Schatten der Vorgänger:innen. Doch eine erfolgreiche Nachfolge bedeutet nicht, alles gleich zu machen. Wenn die Qualität stimmt, sollte sie gehalten werden. Beim Auftreten, Marketing und in der Spezialisierung kann es durchaus eine eigene Handschrift geben. Auch über digitale Tools und die eigene Sichtbarkeit als Unternehmen kann nachgedacht werden. Mögliche Förderungen können strategisch neu gedacht werden. Der größte Fehler wäre es, sich klein zu machen und hinter den Vorgänger:innen zu verstecken. Es gilt das Fundament zu nutzen und weiter zu bauen.
Eine Nachfolge ist kein Start bei null – aber auch kein Selbstläufer
Wer als junger akademischer Restaurator oder Restauratorin eine Nachfolge antritt, bekommt Zugang zu einem gewachsenen Netzwerk und potenziell sicheren Projekten. Doch das bringt Verantwortung mit sich und erfordert Selbstreflexion und strategisches Denken. Nur wer aufgeschlossen, kritisch und professionell an den Übergang herangeht, kann aus einer Übergabe eine echte Zukunft machen.
Service-Checkliste: Was junge Restaurator:innen vor einer Übernahme prüfen sollten
✅ Habe ich erste Erfahrungen mit selbstständiger Projektarbeit gesammelt?
✅ Passt die Spezialisierung des Vorgängers zu meinem Profil?
✅ Verstehe ich die Struktur von Aufträgen, Honoraren und Ausschreibungen?
✅ Kenne ich die wichtigsten Kunden des Vorgängers – und deren Erwartungen?
✅ Habe ich einen Plan für den Übergang (Mentoring, Zeitrahmen, Unterstützung)?
✅ Gibt es einen Vertrag oder eine klare schriftliche Vereinbarung?
✅ Weiß ich, wie ich mich beruflich absichere (Versicherung, Steuer)?
✅ Habe ich eine/n Berater:in zur Seite?
Autorin: Dr. Christiane Schillig
Foto: KI-generiert mit Ideogram
Hinweis: Beachten Sie bitte, dass unsere Serie Tipps für die Praxis vermittelt und ein Ratgeber von Restaurator:innen für Restaurator:innen ist. Sie können keine rechtliche, betriebswirtschaftliche oder finanzielle Beratung ersetzen. Bitte wenden Sie sich bei individuellen Anfragen an eine Anwalts- oder Steuerkanzlei oder an Ihre Bank!
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