Einleitung
Im Frühjahr 2025 führte die Interessengruppe Restaurator:innen in Ausbildung (IG RiA) eine Umfrage durch, die sich mit verschiedenen Aspekten des Vorpraktikums befasste. Dieselbe Erhebung war bereits im Frühjahr 2022 für eine allgemeine Befragung durchgeführt worden. Damals richtete sich die Befragung an alle Restaurator:innen, sodass insgesamt 521 Personen daran teilnahmen.
Von Beginn an war die Umfrage so konzipiert, dass sie in regelmäßigen Abständen durchgeführt wird, um Tendenzen und Veränderungen erkennen zu können. So wurden drei Jahre später dieselben Fragen erneut gestellt – dieses Mal allerdings ausschließlich von Personen beantwortet, die in der ersten Runde nicht teilgenommen hatten. Zielgruppe waren die Studienanfänger:innen der Jahre 2022-2024. Den jährlichen VDR-Erhebungen zufolge waren dies im Wintersemester 22/23 156 Personen, im Wintersemester 23/24 180 Personen und im Wintersemester 24/25 188 Personen. Unter dem Gesichtspunkt, dass Anfang 2025 nur Studierende und Vorpraktikant:innen der letzten drei Jahre angesprochen wurden, sind wir mit einer Teilnehmerzahl von 151 Personen äußerst zufrieden. Trotz identischer Fragen berücksichtigen wir, dass die beiden Erhebungen nicht 1:1 verglichen werden können, da sich die Rahmenbedingungen der Vorpraktika und möglicherweise auch die Erwartungen der Befragten über die Zeit verändert haben.
Allgemeine Umstände des Vorpraktikums
Die jüngste Umfrage zeigt, dass die Geschlechterdiversität unter den Vorpraktikant:innen gestiegen ist. Rund zwei Drittel der Vorpraktikant:innen werden in privaten Ateliers beschäftigt und ein Drittel an Museen oder anderen staatlichen Institutionen. Ein Praktikum, das in einem Betrieb länger als ein Jahr dauert, ist mit nur neun Personen von 151 zur Ausnahme geworden. Die IG RiA beobachtet, dass immer mehr Institutionen und private Ateliers sich „Praktikant:innenprogrammen“ wie regionalen „Praxisjahren“ oder dem freiwilligen sozialen Jahr (FSJ) in der Denkmalpflege anschließen. Dies spiegelt sich stark in den Umfragen wider, in denen der Anteil der Teilnehmenden an solchen Programmen von 13 auf 40 Prozent gestiegen ist. In der Umfrage wurden diese Praktika insbesondere im Hinblick auf Vernetzung und Vorbereitung auf das Studium sehr positiv bewertet.
Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen und das Studium
Ein Aspekt der Umfrage war die Frage, inwiefern sich Vorpraktikant:innen während ihres Vorpraktikums auf die Aufnahmephase der Hochschulen vorbereiten konnten. Der damit verbundene Lehrauftrag wird von Praktikumsstellen größtenteils ernst genommen und beispielsweise durch Beratung bei der Anfertigung der Mappen oder durch Freistellung von der Arbeit für Prüfungen und Infoveranstaltungen umgesetzt. Dennoch gaben rund 15 % der Befragten an, keine Unterstützung erhalten zu haben. Es ist allgemein bekannt, wie zeitintensiv und aufwändig die Erstellung der Bewerbungsunterlagen, die inhaltliche Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen, der Besuch von Informationstagen sowie die Prüfungstage selbst sind. Aus Kommentaren der Umfrage und ergänzenden Berichten wissen wir, dass einige Vorpraktikant:innen keine inhaltliche Unterstützung erhielten und für die Info- und Prüfungstage ihren Urlaub in Anspruch nehmen mussten, was unserem Verständnis nach dem Ausbildungscharakter eines Vorpraktikums widerspricht.
Neben einer (stärkeren) Unterstützung seitens der Arbeitgeber könnte auch die digitale Bereitstellung von Informationen durch die Hochschulen dazu beitragen, persönliche Anreisen zu vermeiden und Vorpraktikant:innen zeitlich und finanziell zu entlasten.
Die Hochschulauswahl wurde bei ca. 60 % der Befragten durch ihre Praktikumsstelle beeinflusst.
Einige Befragte äußerten, dass die Vielfalt der Aufgabenbereiche innerhalb des Praktikums zu gering sei. Etwa 20 % gaben an, die Arbeitgeber:innen hätten sich eher nicht ausreichend Zeit genommen, ihnen die Arbeitsabläufe und Techniken beizubringen. Gleichzeitig geben fast alle an, dass eigenverantwortliches Handeln gefördert wurde. In der zusätzlichen Kommentarfunktion wurde angemerkt, dass Richtlinien bezüglich der Anforderungen an ein studienvorbereitendes Praktikum vonseiten der Hochschulen sehr erwünscht wären. Auch die IG RiA bekommt regelmäßig Anfragen von Restaurator:innen, die gerne ein Vorpraktikum anbieten möchten, wie sie ihr Vorpraktikum bestenfalls gestalten können. Eine zumindest grob umrissene Angabe zu den Inhalten, die in einem Vorpraktikum vermittelt werden sollten, wäre sowohl für die Arbeitgeber:innen als auch für die Vorpraktikant:innen hilfreich, da sie dann einen Maßstab hätten, mit dem sie ihre Praktikumsstelle vergleichen und einordnen können.
Vergütung
Die Bezahlung der Praktika unterscheidet sich stark. Die Spannbreite der Praktikumsgehälter reicht von unter 50 Euro bis in wenigen Fällen über 1.000 Euro pro Monat. Im Vergleich zur Umfrage von 2022 ist eine leichte Tendenz zu höheren Gehältern zu beobachten. Leider kommt sie der allgemeinen Preissteigerung durch Inflation jedoch nicht nahe. Unbezahlte Praktika sind noch immer Praxis. In dieser Umfrage waren neun Personen davon betroffen. Neun andere Personen berichten von einer Wochenarbeitszeit von über 40 Stunden, teilweise sogar von über 50 Stunden. Unter diesen Voraussetzungen ist eine eigenständige finanzielle Absicherung nicht zu gewährleisten. Viele sind trotz staatlicher Unterstützung in Form von BAföG auf private Hilfe, beispielsweise durch Familienmitglieder, angewiesen. Dies führt zu einer sozialen Selektion, bei der weniger privilegierte Personen systematisch benachteiligt werden.
Arbeitsklima
Insgesamt gab es aus den Praktika sehr viel positives Feedback. Es gibt zahlreiche dankbare Stimmen, die sowohl inhaltlich als auch menschlich gelernt haben. 80% der Befragten würden ihr Praktikum weiterempfehlen. Wir wissen diese Mühe sehr zu schätzen und danken im Namen dieser Menschen allen Restaurator:innen, die sich darum bemühen, ihre Vorpraktikant:innen richtig auszubilden, sie in die Arbeitswelt einzuführen und für sie persönliche Vorbilder zu sein.
„Mein Praktikum war ganz arg toll:) Es gab keine Probleme, ich hatte viel Unterstützung, ich konnte meine eigenen Gedanken mit einbringen und selbständig arbeiten. Eine ganz schöne Zeit einfach!!!“
„Im Praxisjahr habe ich überhaupt keine Diskriminierung erlebt. Im Gegenteil, die Menschen haben mir unglaublich viel geholfen. […] wurde ich von der Praktikumsstelle ständig unterstützt, sogar bei der Suche nach einem Stipendium!“
Leider waren nicht alle Berichte positiv: Es wurden zulässige Grenzen einiger Vorpraktikant:innen überschritten. Mit dieser Umfrage wollten wir den betroffenen Personen die Möglichkeit geben, ihre Erfahrungen zu teilen und in unserer Fachgemeinschaft mehr Sensibilität für solche Situationen schaffen.
Einige Befragte berichten, dass das Arbeitsklima unter ungelösten Konflikten (15%), sarkastischen Kommentaren (33%) und personenbezogener Kritik (20%) gelitten hat. Zudem wurden Diskriminierungserfahrungen durch Arbeitgeber:innen, fachfremde Kolleg:innen und Kund:innen geschildert. Meistens bezogen sich die Kommentare auf das Geschlecht (20%) oder die körperlichen Fähigkeiten (11%) der Vorpraktikant:innen.
Zu unserer Bestürzung berichteten drei Personen von „Physischen Verletzungen des eigenen Raums (z.B.: unerwünschte zufällige Körperkontakte, Begrabschen, ungewolltes Küssen, unsittliches Anstarren)“ und fünf Personen von „Physischen Aggression gegen Personen (z.B.: Handgreiflichkeiten, Ohrfeigen)“. Der VDR nimmt dieses Feedback ernst und empfiehlt betroffenen Personen ausdrücklich, sich bei Verdacht einer Straftat an entsprechende Beratungsstellen zu wenden und die Vorfälle nach Ermessen zur Anzeige zu bringen. Zusätzlich bietet der Verband Betroffenen Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Praktikumsstelle an.
Es ist eine eindeutige Tendenz zu erkennen, dass Vorpraktikant:innen ihr Praktikum direkt nach dem Schulabschluss beginnen und im Durchschnitt immer jünger werden. Sie haben wenig bis keine vorangehende Arbeitserfahrung. Dadurch sind sie anfälliger für diskriminierendes, manipulierendes und unfaires Verhalten, das nicht bzw. spät erkannt, falsch eingeordnet oder aufgrund der Hierarchie und des Pflichtcharakters des Vorpraktikums nicht behandelt wird.
„Ich kenne über 10 Personen aus dem Studium, die sehr, sehr schlecht behandelt wurden und wahrscheinlich nicht wussten, wie man sich zur Wehr setzen sollte. Sie wurden vom Arbeitgeber manipuliert und waren total abhängig“.
„[…] Ich selbst kenne aber leider mehrere körperliche Missbrauchsvorfälle, gegen die nichts unternommen wurde oder konnte. Diese Praktikastellen werden weiterhin bestehen […]. Die betroffenen Personen haben teilweise wirklich schlimme Zeiten durchlebt, wovor zukünftige Generationen geschützt werden sollten.“
Im Rahmen der Umfrage wurde Kritik an der Veröffentlichung bestimmter Praktikumsstellen auf der VDR-Website geäußert, weil einige Teilnehmer:innen die damit verbundenen Erwartungen an Vertrauenswürdigkeit und Seriosität nicht erfüllt sahen. Der VDR weist darauf hin, dass seine Zuständigkeit ausschließlich die fachlich-inhaltliche Kompetenz seiner Mitglieder umfasst und er keine Möglichkeit hat, die internen Betriebsabläufe der angebotenen Praktikumsstellen zu prüfen. Sollten Hinweise auf strafrechtlich relevante Vorgänge bestehen, obliegt deren Prüfung und Verfolgung ausschließlich der zuständigen Ermittlungs- und Justizbehörde.
Unsere Interessengruppe RiA arbeitet bereits seit Jahren an Lösungsstrategien, um den Betroffenen zu helfen. Wir bieten gerne Beratungsgespräche für Vorpraktikant:innen an. Als Studierende sind unsere Erinnerungen an die Praktikumszeit jung. Außerdem können wir durch viel Austausch und unsere Expertise einen Perspektivwechsel für Vorpraktikant:innen anbieten und helfen, die Sorgen im größeren Bild darzustellen und, wenn es gewollt ist, dazu ermutigen die Probleme beim Arbeitgeber anzusprechen.
Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass nur eine aufmerksame und sensibilisierte Fachgemeinde diese Situation verändern kann. Daher bitten wir Jede und Jeden um Mitwirkung: Nehmen Sie die Sorgen und Erfahrungen, die Ihnen im Vertrauen mitgeteilt werden, ernst. Folgende zwei Kommentare zeigen, wie stark die Reaktion von Vorgesetzten das Vorpraktikum und damit die erste Erfahrung in der Restaurierung beeinflussen kann.
„[…] Er hat versucht Ausreden für meine Chefin zu finden und hat mir gesagt ich sehe das alles viel zu streng. […] Man bekommt das Gefühl, dass die älteren Erwachsenen sowieso mehr Macht und Einfluss haben und das eigene Wort sowieso nichts zählt, deswegen sagen die Meisten auch nichts.“
„Sämtliche hier beschriebenen Diskriminierungen gingen nicht von meinem Vorgesetzten, sondern immer von älteren Kunden/Kundinnen aus! Bis auf einen Vorfall hielt es sich aber im Rahmen und die Dame hat nun Werkstatt-Verbot. Mein Chef stand zu jeder Zeit hinter mir und ich konnte immer offen über alles sprechen.“
Fazit
Das Praktikum wird nach wie vor als sehr sinnvoll angesehen, allerdings ist in den Kommentaren der letzten Umfrage Kritik an den Rahmenbedingungen geäußert worden. Dazu zählen die Dauer, die Finanzierung, das geringe Gehalt und die nicht erfüllten Lehraufträge des Praktikums. Als IG RiA werden wir diese Aspekte weiterhin an Hochschulen und in unserer Fachgemeinschaft thematisieren und Verbesserungen anstreben.
Ein Aspekt, den wir von RiA bislang nicht ausreichend berücksichtigt haben, betrifft den Arbeits- und Gesundheitsschutz während der Praktika. Wir planen unsere Umfrage beim nächsten Mal, um diese Perspektive zu erweitern.
Die drei Interessengruppen des VDR, nämlich IG RiA, IGSF und IGÖD, leiten aus den Umfrageergebnissen den Handlungsauftrag ab, das Beratungsangebot rund um das Vorpraktikum zu erweitern und sichtbarer zu machen. Ziel ist es, Standards zu schaffen und die Qualität der Praktika aufzuwerten. Erste Schritte in diese Richtung wurden aufgenommen.
Die Interessengruppe RiA
April/Mai 2026
