Der Klimawandel macht unseren Schlössern, Burgen, historischen Gärten und Erinnerungsstätten europaweit zu schaffen. Satellitendaten könnten zur Prävention und zum Schutz vor Klimaeinwirkungen wie Stürmen, Überflutungen, Hagel und Hitze maßgeblich beitragen. Eine Erhebung über die Qualifikationsanforderungen von Kulturerbe-Praktiker:innen und Geoinformationsexpert:innen zur Nutzung von Satellitendaten zeigt eine hohe Bereitschaft zur interdisziplinären Zusammenarbeit. Aber die Vertreter:innen des Kulturerbe-Sektors äußerten auch ernsthafte Bedenken in Bezug auf organisatorische und finanzielle Hindernisse.
Das europäische SATCULT-Projekt berichtet über die Ergebnisse einer europaweiten Erhebung zum Schulungsbedarf von Fachleuten für das Kulturerbe und der Geoinformation, um Erdbeobachtungs- und Satellitendaten zum Schutz des Kulturerbes zu nutzen. Denn die wichtigste Voraussetzung zur Nutzung dieser Daten ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit beider Sektoren, die bislang kaum Schnittstellen haben. Insgesamt nahmen 65 Fachleute aus dem Bereich des Kulturerbes und 19 aus der Geoinformation an der Umfrage teil, die 84 Befragte umfasste. Die Umsetzung wurde vom italienischen Institut für Kulturerbeforschung (ISPC) des Consiglio Nazionale delle Ricerche (Neapel) mit Beiträgen der deutschen media k GmbH (Bad Mergentheim) und des zypriotischen Forschungsinstituts Eratosthenes Center of Excellence (Limassol) geleitet.
Während beide Sektoren eine hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit zeigen, wird die erfolgreiche Nutzung von Satellitendaten eher durch organisatorische und finanzielle Hindernisse als durch einen Mangel an technischen Fähigkeiten behindert. Kulturerbe-Fachleute problematisierten zudem die Integration von Weltraumtechnologien in bestehende Arbeitsabläufe und Organisati-onsstrukturen und verwiesen darauf, dass der Zugang zu technischen Rohdaten allein ihren Anforde-rungen nicht entgegenkommt. Sie plädierten für möglichst konkrete lokalisierte Umsetzungsunterstützung. Geoinformationsspezialist:innen verwiesen auf Schwierigkeiten beim Finden einer gemeinsamen Sprache und auf die Notwendigkeit eines verbesserten Zugangs zum Kulturerbe-Sektor.
Größter Bedarf an Risikomanagement und Prävention
In den Anwendungsanforderungen herrschen „Risikomanagement-Prävention-Schutz“ vor. So identifizierten die Befragten ihre Prioritäten wie folgt:
Erhaltungs-/Schutzstrategien (76,9 %) [Prozentsatz der eingegangenen Antworten]
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- Überwachung von Risikophänomenen (75,4 %)
- Früherkennung (75,4%)
- Monitoring von Stätten z. B. vor Plünderungen und Vandalismus (72,3%)
- Auswirkungen von Umweltanalysen/des Klimawandels (69,2 %)
Wenn es um spezifische Anwendungsfälle geht, ergeben sich operative und risikoorientierte Prioritäten:
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- Standortbezogene Bauwerksüberwachung historischer Substanz (73,8 %)
- Prävention und Schutz vor Auswirkungen des Klimawandels (72,3 %)
- Landschaftsanalysen im Zusammenhang mit Gefahren (69,2 %)
- Risiken durch Feuer / Hagel / Stürme (jeweils 69,2%).
Als Haupthindernisse für die Einführung von Satellitentechnologien werden genannt:
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- Wirtschaftliche Zwänge und Beschaffung: Für Kulturerbe-Einrichtungen stellen die hohen Kosten externer Technologien und fehlende Kompetenzen das größte Hindernis dar. Sie haben oft einen hohen Bedarf an Technologien, aber eine geringe Ausgabenkapazität. Darüber hinaus stoßen starre mehrjährige Verträge häufig auf Beschaffungshindernisse.
- Integration in bestehende Arbeitsabläufen: Eine große Hürde ist die Integration von Erdbeobachtungsdaten in bestehende Arbeitsabläufe, Management-Systeme und Entscheidungsprozesse. Einrichtungen haben oft Schwierigkeiten, diese Daten ohne stabile interne Mechanismen einzubinden.
- Qualifikationslücken: Kulturerbe-Institutionen berichten von begrenztem internem Fachwissen über den Umgang mit den Daten, während Geoinformationsexpert:innen es schwierig finden, Dienstleistungen zu erbringen, da ihnen das Personal mit spezifischen Fähigkeiten im Bereich des Kulturerbes fehlt.
- Semantische und Kommunikationsbarrieren: Die Umfrage bestätigt einen Mangel an gemeinsamer Terminologie und interdisziplinärem Austausch. Diese "semantische" Lücke bedeutet, dass Satellitendaten nicht immer leicht in Managemententscheidungen oder für Kulturerbe-Einrichtungen verständliche Ergebnisse übersetzt werden können.
- Organisations- und Verwaltungsrisiken: Kulturerbe-Institutionen zögern oft, weil sie operationelle und administrative Risiken tragen, einschließlich Bedenken in Bezug auf Reputation, Verantwortung und administrative Anforderungen. Sie benötigen mehr Klarheit über Anforderungen und Vorteile, bevor sie sich einer Technologie verpflichten.
Interessanterweise sind die Haupthindernisse nicht in erster Linie technischer Natur, sondern vielmehr organisatorischer, semantischer und wirtschaftlicher Natur. Diese Herausforderungen unterscheiden sich geringfügig, je nachdem, ob sie aus der Perspektive der Einrichtungen des Kulturerbes (Nachfrageseite) oder der Geoinformation (Angebotsseite) betrachtet werden. Offensichtlich liegt die Lösung nicht in "mehr Technologie", sondern in der Schaffung von Schnittstellenmechanismen wie gemeinsamen Glossaren, standardisierten Berichten und klaren Integrationsmodellen, um die Lücke zwischen technischem Angebot und operativer Nachfrage zu schließen.
Transfer von der Datengenerierung zu konkreten Maßnahmen
Dabei sind Datenkarten oder technische Produkte nicht gefragt, sondern direkt umsetzbare Instrumente wie Indikatoren, Schwellenwerte oder periodische Berichte, die z. B. mit Präventions- oder Inspektionsprotokollen verknüpft sind. Es besteht ein hohes Maß an Bewusstsein bezüglich der absehbaren Schäden durch den Klimawandel und den Bedarf an maßgeschneiderten Lösungen, die kosten-effizient umgesetzt werden können. Gleichzeitig zeigen die Umfrageergebnisse auch, dass der Transfer bestehender Forschungsergebnisse in praktische Schutzmaßnahmen unzureichend ist. Kurz gesagt: Die Möglichkeiten sind bekannt, aber die Umsetzung hinkt hinterher.
Zusatzqualifikationen notwendig
Aus den Umfrageergebnissen lässt sich als Notwendigkeit ein modularer Fortbildungsansatz ableiten, um die Lücke zwischen einer heterogenen Zielgruppe, die sowohl einführende als auch fortgeschrittene Analysen anfordert, und Expert:innen, die technische Grundlagen und Datenbankintegration betonen, zu schließen. „Die Umfrageergebnisse lesen sich wie Leitlinien für neue, arbeitsbasierte Fortbildungsprogramme, weisen aber auch den Weg zu akademischen Lehrplänen“, sagt Dr. Karin Drda-Kühn, Koordinatorin des SATCULT-Projekts. Damit könne ein ganz neues Kapitel in der Aus- und Fort-bildung von Kulturerbe-Expert*innen aufgeschlagen werden. Aufgrund der Herausforderungen, die z.B. durch den Klimawandel entstehen, „rückt die interdisziplinäre Zusammenarbeit zunehmend in den Mit-telpunkt der beruflichen Fortbildung von Kulturerbemanager*innen, denn der Schutz des Kulturerbes braucht schnell umsetzbare und praxisorientierte Lösungen“. Aus- und Fortbildungsprogramme haben noch nicht angemessen darauf reagiert, aber die neu erhobenen Daten sind ein Grundstein dafür.
Den vollständigen Bericht über die Umfrageergebnisse sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier: https://satcult.eu/survey/
Quelle: Pressemitteilung SATCult
