Sichtbar sein, ohne Influencer:in werden zu müssen
Viele Restaurator:innen kennen das Gefühl: Eigentlich müsste die eigene Website aktualisiert, das Google-Profil gepflegt oder ein Projekt vorgestellt werden. Tatsächlich ist das Interesse gering regelmäßig Fotos von sich zu posten oder Videos aufzunehmen. Das ist aber nicht tragisch, denn erfolgreiches Marketing setzt keine andauernde Selbstdarstellung voraus. Wer online gefunden werden möchte, muss nicht zwangsläufig Influencer:in werden. Oft genügen einige gezielte Maßnahmen, um die eigene Sichtbarkeit deutlich zu verbessern.
Während große Unternehmen Marketingabteilungen beschäftigen, müssen selbstständige Restaurator:innen ihre Außenwirkung meist neben dem eigentlichen Kerngeschäft organisieren. Dabei entsteht schnell Druck ständig auf Instagram, Facebook, LinkedIn oder anderen Plattformen aktiv sein zu müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Doch die meisten Auftraggeber:innen im Restaurierungsbereich halten keine Ausschau nach Influencer:innen. Sie suchen kompetente Fachleute. Reichweite allein schafft noch kein Vertrauen. Ausschlaggebend bleibt die fachliche Kompetenz.
Sichtbarkeit beginnt nicht in den sozialen Medien, sondern mit verlässlichen Informationen
Entscheidend ist deshalb nicht, wie oft jemand online erscheint, sondern ob potenzielle Auftraggeber:innen im richtigen Moment verlässliche Informationen erhalten. Für viele Restaurator:innen ist daher eine gut auffindbare und übersichtliche Website grundlegend und natürlich erste Informationen in der Restaurator:innensuche des VDR. Dort kann man dann auch den Link zur eigenen Website hinterlegen und dadurch die eigene Auffindbarkeit im Internet verbessern.
Typische Beispiele: Eine Kirchengemeinde benötigt kurzfristig Unterstützung bei der Untersuchung eines Altars. Ein Architekt sucht für ein denkmalgeschütztes Gebäude Steinrestaurator:innen. Oder eine private Sammlerin möchte einen Riss im Gemälde beheben lassen. In den meisten Fällen erfolgt der erste Schritt über eine Suchmaschine. Wer dann nicht über eine Website verfügt oder nur veraltete Daten veröffentlicht, wird häufig gar nicht erst kontaktiert.
Dabei muss eine professionelle Website nicht unbedingt ein spektakuläres Design haben. Viel wichtiger sind aktuelle Kontaktdaten, klare Angaben zu Fachgebieten, nachvollziehbare Qualifikationen und aussagekräftige Projektbeispiele als Referenzen. Eine Website muss keine umfängliche Werbebroschüre sein, sondern oft reicht eine ansprechende und aktuelle digitale Visitenkarte aus.
Die eigene Website bildet dabei also üblicherweise die zentrale Anlaufstelle und ist die Basis, auf der man weiter aufbauen kann. Aufmerksamkeit entsteht selbstverständlich nicht ausschließlich dort. Presseberichte, Ausstellungen, Vorträge, Fachartikel oder eben auch Beiträge in sozialen Medien können diese ergänzen. Sobald hierfür Kapazität vorhanden sind, sollte man diese daher auch in seine Überlegungen mit einbeziehen.
Fachkompetenz statt Selbstdarstellung
Viele Restaurator:innen empfinden klassische Eigenwerbung als unangenehm. Dabei wird häufig übersehen, dass Sichtbarkeit nicht zwangsläufig Selbstinszenierung bedeutet. Wer ein interessantes Projekt beschreibt, informiert über seine Arbeit. Wer einen Fachvortrag ankündigt, teilt Wissen. Wer Einblicke in restauratorische Fragestellungen gibt, macht Kompetenz sichtbar. Der Mittelpunkt muss nicht die eigene Person sein.
Der Unterschied mag klein erscheinen, wird von vielen Leser:innen jedoch völlig anders wahrgenommen. Das Interesse richtet sich auf das Objekt und die fachliche Fragestellung, nicht auf die Person dahinter. Die eigene Website ist dafür die erste Plattform für entsprechende Informationen. Darauf aufbauend können später Pressearbeit, Vorträge, Fachbeiträge oder soziale Medien gezielt genutzt werden, um restauratorische Kompetenz sichtbar zu machen und neue Zielgruppen zu erreichen.
Wenige Maßnahmen konsequent umsetzen
Gerade Soloselbstständige verfügen nur über begrenzte Zeitressourcen. Deshalb lohnt es sich, die eigenen Marketingaktivitäten auf wenige wirksame Maßnahmen zu konzentrieren. So genügt neben der aktuell gehaltenen Website meist ein gepflegtes Google-Unternehmensprofil, gelegentliche Projektbeiträge und die Präsenz in relevanten Fachverzeichnissen wie die Restaurator:innensuche auf der Website des VDR.
Diese Maßnahmen verursachen überschaubaren Aufwand, sorgen aber dafür, dass potenzielle Auftraggeber:innen die notwendigen Informationen schnell finden. Betriebswirtschaftlich betrachtet ist dies häufig wesentlich effizienter als der Versuch, auf mehreren sozialen Netzwerken ständig aktiv sein zu müssen. Wer sich für die Nutzung sozialer Medien entscheidet, kann sich dabei auf ausgewählte, fachlich relevante Beiträge konzentrieren.
Die Kraft von Projektbeispielen
Kaum etwas vermittelt Kompetenz so überzeugend wie abgeschlossene Projekte. Dabei müssen weder vertrauliche Informationen veröffentlicht noch laufende Maßnahmen dokumentiert werden. Schon kurze Projektbeschreibungen mit aussagekräftigen Abbildungen können einen guten Eindruck vermitteln.
Folgende Fragen sollten beantwortet werden: Welche Herausforderung lag vor? Welche Untersuchungen wurden durchgeführt? Welche Maßnahmen waren erforderlich? Welche Erkenntnisse ergaben sich daraus?
Empfehlungen wirken auch digital
In der Restaurierung spielen persönliche Empfehlungen seit jeher eine zentrale Rolle. Digitale Sichtbarkeit ersetzt diese Empfehlungen nicht, ergänzt sie aber. Denn selbst wenn ein Auftrag über persönliche Kontakte zustande kommt, erfolgt anschließend meist eine Online-Recherche. Viele Auftraggeber:innen möchten vor einer Kontaktaufnahme Näheres über die betreffende Person und ihre Fachgebiete wissen, auch, wo sich das Atelier befindet und welche Erfahrungen vorliegen. In der Regel unterstützt eine gut gepflegte Online-Präsenz bestehende Empfehlungen und erhöht deren Wirkung.
Warum Perfektionismus oft Sichtbarkeit verhindert
Ein häufiger Grund für ausbleibende Online-Aktivitäten ist der Wunsch nach Perfektion. Die Website soll in einem Schwung vollständig überarbeitet werden, Projektfotos sollen noch professioneller sein und am besten von Profifotograf:innen und der Fachtext muss noch einmal komplett überarbeitet werden – so meint man. Das Ergebnis: Es wird gar nichts veröffentlicht.
Dabei erwarten potenzielle Auftraggeber:innen in der Regel keine perfekt inszenierte Darstellung. Sie suchen verlässliche Informationen und fachliche Kompetenz. Eine aktuelle Website mit drei guten Projektbeispielen ist hilfreicher als eine unveröffentlichte Internetseite, an deren Vollendung seit Jahren geplant und gefeilt wird.
Ein realistisches Marketingbudget für Zeit
Viele Selbstständige kalkulieren Material- und Personalkosten sehr genau. Die Zeit für Marketing bleibt dagegen oft unberücksichtigt, obwohl es sich hier um eine wichtige unternehmerische Aufgabe handelt. Ein sinnvoller Ansatz kann sein, pro Monat ein bis zwei Stunden fest für die Online-Präsenz einzuplanen.
In dieser Zeit lassen sich beispielsweise aktuelle Projekte ergänzen und neue Referenzen einpflegen, Kontaktdaten überprüfen und kurze Fachbeiträge veröffentlichen. Der Aufwand bleibt gering, die langfristige Wirkung kann jedoch erheblich sein.
Fazit: Sichtbar werden, ohne sich zu verkaufen
Viele Restaurator:innen verbinden Marketing mit Selbstinszenierung und fühlen sich dabei unwohl. Doch erfolgreiche Online-Sichtbarkeit muss nicht schreiend bunt, dauerhaft oder persönlichkeitszentriert sein. Entscheidend ist vielmehr, fachliche Kompetenz auffindbar zu machen. Eine aktuelle Website, einige aussagekräftige Projektbeispiele und regelmäßig gepflegte Informationen reichen aus, um von potenziellen Auftraggeber:innen wahrgenommen zu werden.
Wer online gefunden werden möchte, muss nicht ständig von sich erzählen. Oder anders gesagt: Restauratorische Expertise überzeugt meist nicht durch Lautstärke, sondern durch Glaubwürdigkeit. Und genau diese lässt sich auch digital vermitteln.
Autorin: Dr. Christiane Schillig
Bild: janjf93 from Pixabay
Hinweis: Beachten Sie bitte, dass unsere Serie Tipps für die Praxis vermittelt und ein Ratgeber von Restaurator:innen für Restaurator:innen ist. Sie können keine rechtliche, betriebswirtschaftliche oder finanzielle Beratung ersetzen. Bitte wenden Sie sich bei individuellen Anfragen an eine Anwalts- oder Steuerkanzlei oder an Ihre Bank!
Weitere Folgen der Serie "Mit Kalkül" können Sie im Mitgliederbereich unter "Betriebswirtschaftliche Infos" nachlesen. Bitte loggen Sie sich dafür als Mitglied ein.
