Archäologische Textilien zählen zu den fragilsten und zugleich aussagekräftigsten Fundgattungen der Archäologie. Als meist stark fragmentierte und durch Bodenlagerung veränderte organische Materialien erfordern sie besondere Kenntnisse in Archäologie, Restaurierung, Materialanalyse, Naturwissenschaften und kulturhistorischer Interpretation. Obwohl ihre Bedeutung für Fragen der Technologie-, Kultur- und Sozialgeschichte zunehmend erkannt wird, ist die Arbeit mit archäologischen Textilien in Deutschland bislang stark fragmentiert.
Die vorhandene Expertise verteilt sich auf Denkmalämter, Museen, Hochschulen und freiberufliche Forschungspraxis. Unterschiedliche Ausbildungstraditionen, institutionelle Rahmenbedingungen und methodische Ansätze erschweren den fachübergreifenden Austausch ebenso wie die Entwicklung gemeinsamer Standards und langfristiger Strukturen. Gleichzeitig fehlt es vielerorts an curricularer Verankerung und an Möglichkeiten zur Vernetzung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Vor diesem Hintergrund fand im Juni 2025 am Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS) der TH Köln erstmals ein bundesweites Arbeitstreffen unter dem Titel „Archäologische Textilien in Deutschland – Status quo, Herausforderungen und Perspektiven“ statt.
Das Treffen knüpfte zugleich an die Impulse der VDR-Tagung „Neu verflechten! Textile Netzwerke und Perspektiven im musealen und archäologischen Kontext“ an, die vom 27.–29.06.2024 in Köln stattfand, und ging auch aus diesem fachlichen Austausch hervor. Vertreter:innen aus Denkmalpflege, Museen, Hochschulen und freier Forschung diskutierten dort aktuelle Herausforderungen, methodische Unterschiede sowie Perspektiven für eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit. Im Zentrum stand dabei zunächst eine gemeinsame Bestandsaufnahme der unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen, wissenschaftlichen Hintergründe und methodischen Zugänge.
Das Treffen bildete den Auftakt für den Aufbau eines wissenschaftlichen Netzwerks zu archäologischen Textilien in Deutschland. Ziel ist es, die bislang häufig punktuell und institutionell getrennt entwickelten Kompetenzen, Perspektiven und Arbeitsweisen sichtbar zu machen, Wissen und Methoden stärker zu verknüpfen und langfristig tragfähige Strukturen für Forschung, Lehre, Erhaltung und Vermittlung aufzubauen.
Geplant sind unter anderem:
- die Entwicklung von Handreichungen und Empfehlungen zu „best practice“,
- die stärkere Vernetzung von Archäologie, Restaurierungswissenschaften, Naturwissenschaften und altertumswissenschaftlichen Fächern,
- die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses,
- der Aufbau eines fachlichen Austauschforums,
- sowie die Bündelung von Expertise zu Dokumentation, Konservierung und Erforschung archäologischer Textilien.
Langfristig soll das Netzwerk dazu beitragen, archäologische Textilien stärker in Forschung, Lehre, Sammlungspraxis und Öffentlichkeit zu verankern und den Anschluss an internationale Fachdiskurse auszubauen. Derzeit wird hierfür ein größerer Antrag zur Netzwerkförderung vorbereitet.
Text: Prof. Dr. Nicole Reifarth und Dr. Sylvia Mitschke
Foto: Viola Costanza
