Bericht zur VDR-Tagung „Schön? Toxisch!“

Ganz schön toxisch! – Unbestritten steht nun fest, dass die Bewahrung von Kulturgut neben ihrer kulturellen Bedeutung auch gesundheitliche Risiken mit sich bringen kann – und zwar für Museumsmitarbeiter:innen und -besucheri:nnen ebenso wie für Denkmaleigentümer:innen und -nutzerinnen. ...
420 Teilnehmende vor Ort und digital bei der Tagung "Schön?Toxisch! Gift- und Gefahrstoffe beim Umgang mit Kulturgut II"   in Hamburg, 08. – 09. Mai 2026. Foto: Paul Schimweg
420 Teilnehmende vor Ort und digital bei der Tagung "Schön?Toxisch! Gift- und Gefahrstoffe beim Umgang mit Kulturgut II" in Hamburg, 08. – 09. Mai 2026. Foto: Paul Schimweg

Ganz schön toxisch! – Unbestritten steht nun fest, dass die Bewahrung von Kulturgut neben ihrer kulturellen Bedeutung auch gesundheitliche Risiken mit sich bringen kann – und zwar für Museumsmitarbeitende und -besuchende ebenso wie für Denkmaleigentümer:innen und -nutzer:innen. In allen Fällen treffen die mit kontaminierten Objekten verbundenen gesundheitlichen Risiken die zahlreichen Restauratorinnen und Restauratoren, die damit teilweise in täglichem Kontakt stehen.
Dies sind wohl schwerwiegende Gründe genug, die dabei zirkulierten Fragen zu vertiefen und vor allem Antworten darauf einzusammeln. Die zweite VDR-Tagung zu Gift- und Gefahrstoffen im Umgang mit Kulturgut knüpfte an den Themen-Auftakt in Wörlitz vor zwei Jahren sowie an die Vertiefung auf der denkmal 2024 an und führte den fachlichen Austausch nun in Hamburg fort.

Fotos: Susanne Harbach
Fotos: Susanne Harbach
TagungsssaalMarkk

Die ausgebuchte Tagung mit einer großen Zahl von Teilnehmenden vor Ort und online verdeutlichte die hohe Relevanz des Themas. Trotz des parallel stattfindenden Hafengeburtstages und der damit verbundenen Herausforderungen bei der Unterbringung aller Angereisten fanden zahlreiche Fachleute den Weg nach Hamburg.

Die Tagung brachte Expert:innen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, die sich mit großer Verantwortung dem Erhalt von Kulturgut widmen. Im Mittelpunkt standen aktuelle Erkenntnisse, praktische Erfahrungen und Herausforderungen im Umgang mit schadstoffbelasteten Objekten in den Museen sowie den denkmalgeschützten Gebäuden mit ihren vielfältigen Ausstattungen.

Die Grußworte von Constanze Fuhrmann (Deutsche Bundesstiftung Umwelt), Dirk Sturmfels (Vizepräsident VDR) sowie Petra Bausch (VDR-Arbeitsausschuss für Arbeitssicherheit) eröffneten die Tagung. Besonders erfreulich war die Unterstützung durch die DBU, die die hohe Relevanz des Themas unterstrich und wichtige Forschungsprojekte maßgeblich fördert.

Die inhaltliche Auswahl der Fachvorträge sollte hierzu beitragen:

Am Beispiel der Goldenen Kammer in Köln stellten Dr. Anna Pawlik, Linda Schäfer-Krause und Dorothee Fobes-Averdick die Herausforderungen bei der Restaurierung schadstoffbelasteten Kulturguts vor. Im Fokus standen frühere Holzschutzmittelbelastungen, die Entwicklung spezieller Schutzmaßnahmen sowie die Anforderungen an einen sicheren Umgang mit kontaminierten Objekten.

Der Beitrag von Barbara Jörg beleuchtete den Umgang der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg mit Gefahrstoffen in historischen Gebäuden und Kulturgütern. Vorgestellt wurden Strukturen, Zuständigkeiten sowie Verfahren zur Analyse, Risikobewertung und zum Arbeits- und Gesundheitsschutz im Umgang mit möglichen Schadstoffbelastungen.

Leonie Schwärzler dokumentierte in ihrem Vortrag, wie ein Depotumzug beim vorarlberg museum genutzt wurde, um den Umgang mit pestizidbelasteten Sammlungsbeständen neu zu organisieren. Thematisiert wurden Arbeits- und Gesundheitsschutz, Reinigungs- und Lagerkonzepte sowie Maßnahmen zur langfristigen Minimierung von Schadstoff- und Schädlingsrisiken.

Clara Kirmse berichtete über ein Restaurierungs- und Konservierungskonzept für die bleihaltigen historischen Farbfassungen des Altans der Villa Liegnitz in Potsdam. Im Fokus standen denkmalgerechte sowie arbeits- und umweltschutzrelevante Maßnahmen im Umgang mit Bleiweißpigmenten.

Ein Forschungsprojekt der Universität Bamberg untersucht Schadstoffbelastungen durch Arsen und Schwermetalle in historischen Gebäuden und Ausstattungen. Ziel ist die Entwicklung praxistauglicher Verfahren zur Analyse, Gefährdungsbewertung und zum sicheren Umgang mit kontaminierten Materialien in der Denkmalpflege. Die Einblicke dazu gab Natalie Daßler.

Das MUSA-System ist ein praxisorientiertes Werkzeug zum Monitoring von Schadstoffbelastungen im Kulturerbe-Kontext. Im Fokus stehen dabei nicht-invasive Verfahren zur Erfassung von Oberflächen- und Staubkontaminationen sowie deren Nutzung für konkrete Maßnahmen im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Dr. Elise Spiegel trug dazu eindrucksvoll vor.

Am Beispiel des Depotbestandes in Schloss Wilhelmshöhe Kassel wurde der restauratorische Umgang mit Schadstoffbelastungen vorgestellt. Im Fokus standen die Identifizierung von Bioziden und toxischen Elementen, schadensarme Analysen sowie Strategien zur Reduzierung der Belastung. Die RFA-Analyse erfuhr in diesen Vortrag von Karsten Püschner besondere Würdigung.

In nden Pausen gab es Gelegenheit für weiterführende Gespräche. Fotos: Susanne Harbach
In nden Pausen gab es Gelegenheit für weiterführende Gespräche. Fotos: Susanne Harbach
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Boaz Paz referierte über rechtliche Grundlagen und Verfahren der Gefährdungsbeurteilung beim Umgang mit kontaminiertem Kunst- und Kulturgut. Thematisiert wurden gesetzlich vorgeschriebene Schadstoffmessungen und deren Bedeutung für die Bewertung gesundheitlicher Risiken sowie die Ableitung geeigneter Arbeitsschutzmaßnahmen. Zudem ging er ein innovatives Konzept zur praxisnahen Gefährdungsbeurteilung ein, das Innenraumrichtwerte und individualisierte Risikobewertungen zur Verbesserung des Schutzes von Museumsmitarbeitenden einbezieht.

Der Beitrag von Alexander Lencz beleuchtete den Umgang des Auckland Museums mit einer 2025 entdeckten Asbestbelastung, die zur vorübergehenden Schließung des Hauses führte. Vorgestellt wurde das Vorgehen zur Isolierung und Dekontaminierung betroffener Bereiche, Schutzmaßnahmen für Mitarbeitende und Objekte sowie rechtliche Rahmenbedingungen und Monitoringverfahren in Neuseeland.

Der Vortrag von Dr. Norbert Weis beschäftigte sich mit der Gefahr unerkannter Asbestbelastungen in historischen Putzen und Spachtelmassen, die bei restauratorischen Arbeiten freigesetzt werden können. Behandelt wurden die Risiken für Restaurator, die Bedeutung materialbezogener Untersuchungen vor Arbeitsbeginn sowie Anforderungen an sichere und objektschonende Arbeitsweisen.

Aktuelle Untersuchungen zum Einsatz mobiler Röntgenfluoreszenzanalyse (h-XRF) zur Erkennung historischer Biozidbelastungen an Sammlungsobjekten erläuterte Dr. Katharina Schmidt-Ott. Im Fokus standen die Zuverlässigkeit der Methode bei der Bestimmung typischer Markerelemente sowie deren Aussagekraft für die Identifizierung kontaminierter Materialien. Thematisiert wurden zudem Möglichkeiten und Grenzen der Methode für die Risikobewertung und den sicheren Umgang mit belastetem Kulturgut.

Ein Analysekonzept der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur systematischen Erfassung von Biozidbelastungen in Sammlungsobjekten und Räumen stellte Dr. Amélie Nusser vor. Zur Sprache kamen Untersuchungsmethoden zur Identifizierung belasteter Materialien, die Bewertung gesundheitlicher Risiken und die Ableitung konkreter Schutz- und Minderungsmaßnahmen für Mitarbeitende anhand aktueller Fallbeispiele.

Am Beispiel der zoologischen Sammlung der Universität Zürich stellte  Sirpa Kurz der Umgang mit biozidbelasteten Sammlungsbeständen im Zuge eines Depotumzugs vor. Im Fokus standen die Reinigung und Dekontaminierung belasteter Objekte, Schutzmaßnahmen für Mitarbeitende sowie langfristige Strategien zur Minimierung von Expositionen in den neuen Depoträumen.

Maruchi Yoshida über Depotplanung. Fotos: Susanne Harbach
Maruchi Yoshida über Depotplanung. Fotos: Susanne Harbach
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Petra Bausch über Sammlungsverlagerung.
Petra Bausch über Sammlungsverlagerung.

Petra Bausch berichtete anhand der Kunstsammlungen des Bistums Regensburg über die Herausforderungen einer Sammlungsverlagerung unter erheblichen Schadstoffbelastungen. Vorgestellt wurden Aspekte zum Kontaminationsmanagement in einem denkmalgeschützten Altdepot, Schutzmaßnahmen für Mitarbeitende sowie die Planung eines neuen Depots, in dem belastete Objekte und sichere Arbeitsabläufe bereits baulich Berücksichtigung finden. Ergänzend gab der Vortrag Einblicke in den laufenden Umzugsprozess und erste Erfahrungen im praktischen Umgang mit kontaminierten Sammlungsbeständen.

Maruchi Yoshida zeigte Wege zur nachhaltigen Planung von Depots für kontaminierte Kulturgüter auf. Sie ging ein auf interdisziplinäre Planungsprozesse, Anforderungen an Arbeitsschutz und Präventive Konservierung sowie die Entwicklung langfristig tragfähiger Lösungen unter Berücksichtigung technischer, ökologischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen.

Karin von Lerber beleuchtete die Kommunikation im Umgang mit Schadstoffbelastungen in Museen und Archiven. Im Mittelpunkt stand die Bedeutung eines vertrauensvollen Arbeitsumfelds, einer offenen Fehler- und Meldekultur sowie transparenter und lösungsorientierter Kommunikation. Thematisiert wurden zudem typische Schadstoffproblematiken, die Einbindung spezialisierter Fachleute und praktische Handlungsoptionen zum Schutz von Mitarbeitenden, Räumen und Sammlungsobjekten.

In einer Paneldiskussion tauschten sich Dr. Joachim Huber (Depotplaner prevart), Dr. Boaz Paz (Paz-Laboratorien, VDR-Arbeitsausschuss Arbeitssicherheit), Sven Taubert (Restaurierungsplaner, VDR-Arbeitsausschuss Arbeitssicherheit), Dr. Stefanie Scheerer (Mikrobiologie/ Forschung/ Lehre, VDR-Arbeitsausschuss Arbeitssicherheit) und Petra Bausch (Kunstsammlungen Bistum Regensburg, VDR-Arbeitsausschuss Arbeitssicherheit) über aktuelle Herausforderungen im Umgang mit Schadstoffen in Kulturgut und Denkmalpflege aus.

Die Podiumsgäste debattierten über Erfahrungen aus der restauratorischen Praxis, Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes sowie Anforderungen an Monitoring, Kommunikation und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Zudem wurden Perspektiven für zukünftige Standards und den fachlichen Austausch innerhalb des Berufsfeldes erörtert.

DANK

...sei allen an der Organisation der Tagung und deren technischen Umsetzung Beteiligten gesagt. Dem Orgateam: Petra Bausch, Fabian Neisskenwirth, Dr. Boaz Paz, Verena Roßmann, Dr. Stefanie Scheerer, Sven Taubert, Bodil Unckel. Dem Geschäftsstellenteam: Julia Kun und Henrike Steinweg und dem Technikpersonal vor Ort.

Ebenso unseren Sponsoren, die den Tagungsteilnehmenden vor Ort an ihren Ständen Fragen beantworteten: analyticon instruments, anbus analytik, MUSA – ein Produkt der CARE FOR ART GmbH, Krah & Grote GmbH Mess- und Regeltechnik, Object AID, Paz Laboratorien für Archäometrie, Peters Kälte- und Klimatechnik, Thermo Lignum International, ULT, Zuckerbaum - Kultur. Gut. Erhalten.

Das MARKK hat uns den Raum gegeben und Einblicke hinter die eigenen Kulissen gewährt – auch dafür sagen wir unseren dortigen Kolleg:innen ein herzliches Dankeschön – ganz besonders Bodil Unckel und ihrem großartigen Team!

Hier sind das Programm sowie weitere Infos zur Hybrid-Tagung zu finden: „Schön? Toxisch! – Gift- und Gefahrstoffe beim Umgang mit Kulturgut II“.

FAZIT

Die zahlreichen Erfahrungsberichte der Tagung machten deutlich: Im Umgang mit Kulturgut stellt sich heute nicht mehr die Frage, ob Schadstoffbelastungen vorhanden sind, sondern vielmehr, in welchem Umfang sie auftreten und wie gezielt sie erkannt werden können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass weder eine Verharmlosung noch eine Dramatisierung der Problematik zielführend ist. Gefragt ist ein fachlich fundierter Mittelweg, der auf Systematik, Methodik und standardisierten Routinen basiert.

  • Routinen der Analyse und Risikobewertung
    In anderen Bereichen, etwa der Bau- und Schadstoffsanierung, existieren bereits etablierte Verfahren zur Analyse und Risikobewertung, beispielsweise beim Umgang mit Asbest, Holz- oder Flammschutzmitteln. Diese strukturierten Vorgehensweisen bieten wichtige Anknüpfungspunkte für den Kulturgutbereich.
    Für Museen und die Denkmalpflege ergeben sich jedoch besondere Herausforderungen: Neben eingebrachten Konservierungsstoffen müssen auch die oftmals schadstoffhaltigen Originalmaterialien historischer Objekte berücksichtigt werden. Erforderlich sind daher verlässliche Routinen zur qualitativen und quantitativen Schadstoffbestimmung, zur fundierten Risikoeinschätzung sowie zur Ableitung angemessener Schutzmaßnahmen, die von punktuellen Eingriffen bis zu großräumigen Maßnahmen reichen können.
  • Gesetze und Vorschriften
    Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Kenntnis bestehender gesetzlicher Vorgaben, Richtlinien und Empfehlungen. Ihre Relevanz muss im jeweiligen Einzelfall geprüft und konsequent angewendet werden, um Gesundheitsrisiken zu minimieren und Handlungssicherheit zu schaffen.
  • Partner und Verantwortlichkeiten
    Deutlich wurde zudem die Bedeutung eines belastbaren Netzwerks aus Fachleuten, Gutachtern, Sachverständigen und spezialisierten Laboren. Verantwortung liegt dabei nicht allein bei den Ausführenden. Auch Auftraggebenden und deren Beauftragte sind verpflichtet, Risiken frühzeitig zu prüfen, Befunde einzuholen und geeignete Maßnahmen zu veranlassen.
  • Frühzeitige Berücksichtigung in der Planung
    Schadstoffmanagement darf nicht erst im laufenden Projekt beginnen. Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz müssen bei Sammlungen, Transporten sowie restauratorischen und baulichen Vorhaben frühzeitig berücksichtigt und finanziell eingeplant werden. Dies betrifft sowohl organisatorische Abläufe als auch bauliche und technische Anforderungen.

 

Weiterführende Ziele des VDR

Vor diesem Hintergrund wurde die Rolle des VDR als Plattform für Austausch, Information und Beratung deutlich. Ziel ist es, Wissen zu bündeln, Erfahrungen zugänglich zu machen sowie Fortbildungsangebote und fachliche Unterstützung im Umgang mit Schadstoffen im Kulturgutbereich weiter auszubauen.

Nach der Tagung ist vor der Tagung

Die „Schadstofftagung 3.0“ ist nach den Hamburger Erfahrungen bereits beschlossene Sache. In zwei Jahren möchte man den fachlichen Austausch fortsetzen und gemeinsam bilanzieren, was sich seither verändert – und hoffentlich verbessert – hat.

Bis dahin – Bleiben Sie gesund!
Sven Taubert