Die E.C.C.O.-Publikation „Kompetenzen und Zugang zum Beruf des Konservator-Restaurators“ – Ein Beitrag zur Profilierung des Berufes

Der vorliegende Beitrag ist eine überarbeitete und aktualisierte Version des Vortrages auf dem Kolloquium „Quo vadis – Restaurierung?“ Die Aktualisierung bezieht sich auf den Titel und einige Erläuterungen zum Hintergrund der Publikation, die im Vortrag nur angerissen werden konnten. Die Publikation „Kompetenzen und der Zugang zum Beruf des Konservator-Restaurators“ – nachfolgend kurz „ECCO-Kompetenz-Publikation“ genannt – […]

Der vorliegende Beitrag ist eine überarbeitete und aktualisierte Version des Vortrages auf dem Kolloquium „Quo vadis – Restaurierung?“ Die Aktualisierung bezieht sich auf den Titel und einige Erläuterungen zum Hintergrund der Publikation, die im Vortrag nur angerissen werden konnten.

Die Publikation „Kompetenzen und der Zugang zum Beruf des Konservator-Restaurators“ – nachfolgend kurz „ECCO-Kompetenz-Publikation“ genannt – wurde durch den Europäischen Dachverband der Konservatoren-Restauratoren-Verbände E.C.C.O. in den Jahren 2008-2009 erarbeitet und 2011 in englischer Sprache publiziert. Die Übersetzungen in Französisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch sind in der Drucklegung.

1. Der Konservator-Restaurator – eine neue Berufsbezeichnung?

Einleitend ist die Verwendung der Berufsbezeichnung „Konservator-Restaurator“ zu begründen, die hier anstelle der geläufigen deutschen Berufsbezeichnung „Restaurator“ gebraucht wird:
Da die Publikation für alle deutschsprachigen Restauratorenverbände Gültigkeit haben soll, wird an dieser Stelle die Übersetzung der europäisch gebrauchten Berufsbezeichnung „Conservatorrestorer“ verwendet, die vom schweizerischen Verband SKR/SCR seit 2002 als Berufsbezeichnung verwendet wird ((von Imhoff, Hans-Christoph, Aspects and Development of Conservator-Restorer’s Profession since WWII, e-conservation magazine, 8 (2009), S. 53-61, http://www.e-conservationline.com/content/view/717)). Diese internationale Berufsbezeichnung wurde mit der Erarbeitung des ersten „Code of ethics“ des ICOM-CC 1984 in Copenhagen definiert. Sie trägt den unterschiedlichen historischen Bezeichnungen der verschiedenen Sprachräume Rechnung wie auch der fachlichen Auffassung, dass die Tätigkeit des Restaurators den Bereichen Konservierung und Restaurierung zuzuordnen ist ((von Imhoff, Hans-Christoph, Aspects and Development of Conservator-Restorer’s Profession since WWII, e-conservation magazine 8 (2009), S. 53-61, http://www.e-conservationline.com/content/view/717)) .  E.C.C.O. betrachtet den Konservator-Restaurator als einen Spezialisten auf dem Gebiet der Erhaltung von Kulturgut, das viele verschiedene Beteiligte und Interessenvertreter einschließt. Jede dieser Berufsgruppen hat auf diesem Gebiet ihre besondere Rolle.

Auf die jüngeren Diskussionen in internationalen Gremien (ICOM-CC) und bei der Begriffsdefinition innerhalb der europäischen Normierungsaktivitäten (CEN Technisches Kommittee 346 „Conservation of Cultural Property“) kann hier nur sehr kurz eingegangen werden: Im englisch dominierten Sprachraum setzt sich zunehmend die Bezeichnung „Conservation“ (dt.: Konservierung) als Oberbegriff für Erhaltungsaktivitäten durch – entsprechend fiel die Entscheidung von ICOM-CC aus ((„ICOM-CC Resolution on Terminology for Conservation“, http://www.icom-cc.org/54/document/icom-cc-resolution-terminology-english/?id=744#.UFgmlBhqvwg.)) – in der Europäischen Norm des CEN/TC 346 „Allgemeine Begriffe zur Erhaltung des kulturellen Erbes“ (in Deutschland DIN EN 15898) wurde „Conservation-restoration“ als Synonym für „Conservation“ anerkannt. Mit der Neudefinierung des Begriffs „Conservation“, der Aufnahme von Tätigkeitbereichen wie „copy“ und unter bestimmten Umständen auch „repair“ unter den Oberbegriff der „Conservation“, hat dieser Begriff einen Bedeutungswandel erfahren. Es ist damit der Verlust des klaren Beschränkung der Definition des Begriffs „Conservation“ auf die Erhaltung der historischen Substanz festzustellen – zugunsten der Subsummierung verschiedener Tätigkeiten am Kulturerbe, die durchaus auch eine Veränderung des Objektes, das „management of change“ ((Staniforth, Sarah, Conservation: Significance, Relevance and Sustainability, The Forbes Prize Lecture delivered on Tuesday 10th September, IIC Congress in Melbourne 2002.)) bewirken können. Dies führte auch zur Suche nach neuen Bezeichnungen wie „remedial conservation“ für den bisher tradierten Begriff „conservation“.

E.C.C.O. hat für Beibehaltung des Doppelbegriffs „Conservation-restoration“ klare Argumente vorgebracht. Hierzu gehören die geschichtliche Entwicklung und weiterhin unterschiedliche Sprachtraditionen wie auch fachliche Argumente, nach denen die Restaurierung kein vollständig Bestandteil der „klassischen“ Konservierung im Sinne der Bestandserhaltung ist, sondern Konservierung und Restaurierung zusammen einen komplexen Prozess von „Substanzerhaltung und Maßnahmen, die die Wahrnehmung, Wertschätzung und das Verständnis für das Objekt fördern“ ausmachen. ((E.C.C.O. (2009), European Recommendation for the Conservation-Restoration of Cultural Heritage (Europäische Empfehlung zur Erhaltung und Restaurierung des Kulturerbes).))

Diese Argumente wurden von verschiedensten Vertretern auch in ICOM-CC aufgegriffen, so dass in der letzten ICOM-CC Generalversammlung 2011 in Lissabon die anstehende Entscheidung über eine Umwandlung der Berufsbezeichnung „Conservator-restorer“ zu „Conservator“ vertagt wurde!

2. Berufspolitischer Hintergrund der ECCO-Kompetenz-Publikation und vorangegangene Aktivitäten

Der Europäische Dachverband für Konservatoren-Restauratoren E.C.C.O. ist seit seiner Gründung aktiv für die Erhaltung des Kulturgutes und Kulturerbes durch seinen Einsatz für die Sicherung der Qualität der Maßnahmen und die Kompetenz der Berufsausübenden. Die Arbeitsfelder, Projekte und Dokumente, die in diesen Jahren entstanden sind, belegen eine Kontinuität und das Aufeinander-Aufbauen der Aktivitäten. So sind mit der Annahme von Dokumenten zur Berufsethik und zur Ausbildung auf dem Gebiet der Restaurierung Grundlagen gelegt worden. Hierzu gehören die ECCO-Guidelines for the profession (1993-94, Aktualisierung 2003-2004), das Dokument von Pavia (1997) und die Identifizierung weiterer Aufgaben im Dokument von Wien (1998, als Ergebnis des Projektes FULCO „Framework for competence of conservator-restorers in Europe).

APEL – Die Akteure in der Konservierung-Restaurierung und die Gesetzgebung

Ein wichtiger Schritt war das von der Europäischen Kommision geförderte Projekt APEL „Die Akteure in der Konservierung-Restaurierung und die Gesetzgebung“ (1999/2000)((E.C.C.O., APEL – acteurs du patrimoine européen et legislation, Survey of the legal and professional responsibilities of the Conservator-Restorers as regard the other parties involved in the preservation and conservation of cultural heritage (französich: Étude des responsabilitiés légales et professionelles des conservateurs-restaurateurs au regard des autres acteurs de la sauvegarde et de la conservation du patrimoine culturel, deutsch:Die Akteure in der Denkmalpflege und die Gesetzgebung. Überblick über die gesetzliche und berufliche Verantwortung des Konservator-Restaurators mit Bezug auf die in der Erhaltung und Pflege des Kulturerbes eingebundenen Partner), Rom 2001, ISBN: 92-990010-0-6.)), welches E.C.C.O. mit verschiedenen europäischen Partnern und ICCROM durchführte.

Bestandteil dieses Projektes war eine Erfassung und Analyse der gesetzlichen Situation zum Umgang mit dem Kulturerbe in den europäischen Staaten. Es wurden Lücken in der Gesetzgebung festgestellt, die zu einer Gefährdung beim Umgang mit dem Kulturerbe und Kulturgut führen können. Deshalb wurden als Ergebnis des Projektes Richtlinien zur Qualitätssicherung des gesamten Prozesses der Konservierung-Restaurierung formuliert, in denen die Hauptphasen des Prozesses von der Projektidee (oder dem Erfordernis) über die Planung bis zur Wartung und Nachkontrolle definiert wurden und die Notwendigkeit des Einbezugs des Restaurators unterstrichen wurde.

Europäische Empfehlung zur Konservierung und Restaurierung des Kulturerbes

Der vorliegenden Entwurf, der von E.C.C.O. in den Jahren 2007/2008 mit Unterstützung von ICCROM und ENCORE ausgearbeitet wurde, wurden die Prinzipien der Konservierung-Restaurierung in politisch und rechtlich verbindliche Formulierungen gegossen. Die Europäische Empfehlung ‘fügt sich ein in den Bereich der Rahmenregelungen, die vom Europarat für die Erhaltung und Restaurierung von Kulturgut entwickelt wurden’. Dem Dokument ist eine Charta mit den Definitionen der wichtigsten Begriffe im Bereich Konservierung und Restaurierung beigefügt.

Dieses Dokument ist seit 2009 in der „Warteschleife“ für eine Bearbeitung, Diskussion und Abstimmung im entsprechenden Ausschuss des Europarates. Sobald die Empfehlung verabschiedet wird, bildet sie den Rahmen, ‘um einen dynamischen Prozess zur Durchführung von Prinzipien [in der Erhaltung und Restaurierung] zur Anerkennung und zum Schutz von Kulturgut in Europa zu fördern’. Die Empfehlung stellt eine Verbindung zu anderen Resolutionen her, die auf vielen europäischen Ministerkonferenzen zum Kulturerbe verabschiedet wurden.

Die Empfehlung beschreibt die Bedeutung von Konservierung-Restaurierung für die Bewahrung von Kulturgut, indem sie diese ‚als einen der wesentlichen Faktoren bezeichnet, um die Weitergabe (des Kulturguts) an künftige Generationen zu sichern’. Das Dokument hebt hervor, dass ‘qualitätvolles Eingreifen bei Kulturgut nur durch professionelle Qualifizierungssysteme sichergestellt werden kann, einschließlich einer ständigen beruflichen Weiterentwicklung und Weiterbildung als Grundlage für die fachliche Anerkennung von Personen, Firmen und Organisationen, die mit Konservierung-Restaurierung beauftragt werden’. E.C.C.O. hat dies zum Leitprinzip für seine Definition der EQR-Deskriptoren und die Ausarbeitung der Kompetenzen für Beruf und Praxis gemacht (Tab. 1). Die berufsspezifische Interpretation der allgemeinen Deskriptoren des EQR durch E.C.C.O. macht die Bedingungen für Berufszugang und Berufsausübung auf dem erforderlichen Niveau einheitlich messbar.

3. Anforderungen an die Kompetenzen des Restaurators aus der Berufspraxis

Der „Konservator-Restaurator“ trägt hohe Verantwortung, da er direkt mit dem Kulturerbe und Kulturgut umgeht (oft im interdisziplinären Team) und in der Auswertung von Untersuchungen am Objekt und seiner Umgebung sowie aus der Kenntnis der Objektgeschichte, Materialeigenschaften etc. direkte und indirekte Maßnahmen am Kulturerbe empfiehlt oder mit darüber entscheidet. Diese verantwortungsvolle Tätigkeit erfordert entsprechende Kompetenzen (Tab. 1).

Kompetenz ist in diesem Zusammenhang die Fähigkeit, auf dem eigenen Spezialgebiet Arbeiten auf durchgängig hohem Niveau zu erreichen und zu leisten. Das für die Arbeit eines Konservator-Restaurators erforderliche Sachverständnis und die erforderlichen Fertigkeiten orientieren sich an der gängigen Berufspraxis.

Es gibt Personen, die auf dem Gebiet der Erhaltung und Restaurierung arbeiten, jedoch keinen Anspruch auf den Titel Konservator-Restaurator haben. Bei der Definition der Kompetenzen des Konservator-Restaurators können andere im Umfeld der Kulturgüter Tätige einige der Kompetenzen haben und sich selbst als diesem Beruf verwandt erklären, wie zum Beispiel Naturwissenschaftler in der Konservierung und technologisch orientierte Kunsthistoriker.

Während für den Berufszugang mit dem Titel ‚Konservator-Restaurator’ der akademische Master((EQR 7 ist gleichwertig mit dem Mastertitel resp. vor Einführung der Bologna-Reform mit einem FH-Diplom.)) (EQR-Niveau 7) als Maßstab festgesetzt wird, ist das informelle Lernen in den meisten europäischen Ländern seit jeher als Berufszugang anerkannt. E.C.C.O. hat seine Richtlinien so formuliert: ‘Um die Qualität des Berufes zu sichern, soll die berufliche Aus- und Fortbildung auf der Ebene eines universitären Masters in Konservierung-Restaurierung (oder eines anerkannten Äquivalents) erfolgen’. Die Ausbildung wird in den E.C.C.O.-Guidelines III((http://www.ecco-eu.org/about-e.c.c.o./professional-guidelines.html)) weiter beschrieben. Nach der Vereinbarung von E.C.C.O. und ENCoRE, dem Europäischen Bildungsnetzwerk für Konservierung-Restaurierung (European Network for Conservation-Restoration Education), sind hierfür Kompetenzen erforderlich, die einem Master-Abschluss an einer Hochschule bzw. der Niveaustufe 7 des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) entsprechen.((resp. vor der Bologna-Reform FH-Diplom.)) Die vorliegende Arbeit unterstützt den Erwerb der Berufsqualifikation Konservator-Restaurator auf akademischem Weg. Es wird jedoch eingeräumt, dass auch andere Wege zu einem gleichen Niveau an Können, Wissen und Kompetenzen in diesem Beruf führen können und ein System zur genaueren Beschreibung dieser erforderlichen Kompetenzen vorgeschlagen.

Zusätzlich zu diesem Kernstück der Beschreibung der Kompetenzen als Zugang zum Beruf Konservator-Restaurator enthält die vorgelegte Publikation auch Vorschläge für die Anforderungen an Absolventen mit Bachelorabschluss und Promovenden (Tab. 1). Damit wird die Bandbreite akademischer Qualifikationen auf dem Gebiet der Konservierung-Restaurierung vervollständigt – in Entsprechung zu den Niveaustufen 6 und 8 des Europäischen Qualifikationsrahmens. Hiermit werden die unmittelbaren Ziele eines Ausbildungsprogramms und die erweiterten Ziele lebenslangen Lernens dargestellt, die ein Berufsangehöriger anstreben sollte.

Die Ergebnisse werden so dargestellt, dass sie von Einzelpersonen wie Organisationen als Bewertungswerkzeug für den Beruf genutzt werden können.

4. Bezug auf den Europäischen Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen

Die Ausarbeitung der vorliegenden ECCO-Kompetenz-Publikation mit Bezug auf den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) ist durch folgende Rahmenbedingungen der Berufsausübung und Veränderung des Bildungssystems in Europa bedingt, die hier kurz dargestellt werden:

Richtlinie zur gegenseitigen Anerkennung von Qualifikationen 2005

Im Jahr 2005 trat die europäische Richtlinie 2005/36/EG zur gegenseitigen Anerkennung von Qualifikatio-nen in Kraft, die für alle europäischen Staaten eine rechtlich bindende Vorschrift ist. Diese Richtlinie betrifft (staatlich) geregelte und nicht geregelte freie Berufe in den darin formulierten Empfehlungen zur gegenseitigen Anerkennung eben dieser Berufe. Artikel 12 der Richtlinie gibt Empfehlungen zur Anerkennung der durch Lebenslanges Lernen erworbenen Qualifikationen, sobald ein Mitgliedstaat diese Richtlinie für rechtsgültig erklärt hat.

Ihr Zweck ist, mithilfe gemeinsamer Qualifikations-Kategorien Migranten und Arbeitnehmern in ihrem Beruf innerhalb Europas grenzüberschreitende Tätigkeit zu erleichtern. Die Richtlinie spricht auch berufliche Ergänzungsmaßnahmen an, die im Gastland zulässig sind und setzt auf den regulatorischen Effekt von Berufsgremien.

Deswegen müssen europäische Berufsverbände wie E.C.C.O. die Zugangsanforderungen für ihre jeweiligen Berufe definieren, aus denen dann verschiedene Niveaus und Arten von Qualifikationen entwickelt werden können.

Europäischer Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen 2008

Das Abkommen von Bologna, das aus einem Treffen der Bildungsminister der EU-Mitgliedstaaten im Juni 1999 hervorging, führte zur Errichtung eines gemeinsamen Europäischen Hochschulraumes (European Higher Education Area – EHEA). Im so genannten „Bologna-Prozess“ soll die Effizienz und Qualität der Hochschulausbildung durch eine Vereinheitlichung der Struktur des europäischen Hochschulwesens erreicht werden. Hierbei wird verlangt, dass für jedes Ausbildungsprogramm der Aufbau und die von ihm vermittelte Qualifikation beschrieben wird. Ziel ist hierbei, die verschiedenen Ebenen und Arten von Qualifikation, die es an Hochschulen in ganz Europa gibt, bis 2012 nach einheitlichem Maßstab zu messen und transparent zu machen.

Die in der Hochschulausbildung zu erwerbenden Abschlüsse werden im Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen „eingebettet“. Die Empfehlung zur Ausarbeitung des Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen wurde im April 2008 formell vom Europarat und dem Europäischen Parlament verabschiedet. In dieser Empfehlung werden die Mitgliedstaaten bestärkt, die Anerkennung Lebenslangen Lernens zu fördern. Die ersten fünf Niveaus des EQR entsprechen der Schulbildung, die letzten drei entsprechen den Qualifikationsebenen, die man allgemein unter einem dreijährigen Bachelor-Studiengang (Niveau 6), einem zweijährigen Postgraduierten-Studiengang (Niveau 7) und einem dreijährigen Forschungsprogramm für einen Doktortitel (Niveau 8) versteht. Bisher ist eine Entwicklung nach dem Doktorat in dieser Skala nicht enthalten und es gibt auf dieser Skala keine Vorgaben zur Anerkennung lebenslangen Lernens.

5. Definition der Kompetenzen des Konservator-Restaurators durch die Deskriptoren für Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR)

Kompetenz wird als Kombination aus Kenntnissen und Fertigkeiten zusammen mit Erfahrung definiert, die es dem professionellen Konservator-Restaurator erlauben, kontinuierliche und verantwortungsvolle Arbeit zu liefern. E.C.C.O. und ENCORE haben gemeinsam eine Interpretation der Deskriptoren des Niveau 7 des EQR (gleichwertig mit einem Mastertitel) als Definition der Kompetenzen eines Konservator-Restaurators formuliert (Tab. 1).

Auf Niveau 7 verlangt der EQR:

Kenntnisse: Hoch spezialisiertes Wissen, das zum Teil an neueste Erkenntnisse in einem Arbeits- oder Lern-bereich anknüpft, als Grundlage für innovative Denkansätze und/oder Forschung. Kritisches Bewusstsein für Wissensfragen in einem Bereich und an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Bereichen. (Der Europäische Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen, Europäische Gemeinschaften, 2008:12)

 

Auf dem Gebiet der Konservierung-Restaurierung kann hochspezialisiertes Wissen in einem Bereich der Konservierung-Restaurierung nur nach einer Ausbildung erworben werden, die ‚eine ausgewogene Mischung von ganzheitlichem theoretischen und praktischen Unterricht ….’ ist. (Dokument Pavia, Klausel 6, 1997). Kritisches Bewusstsein für Wissensfragen ist die Fähigkeit, Kenntnisse zu erwerben, Wert und Verlässlichkeit derselben zu bewerten und sie anzuwenden, um alle Entscheidungen innerhalb des eigenen Konservierungs-Restaurierungs-Bereichs zu vertreten und, falls notwendig, Handlungen aufgrund dieser Entscheidungen durchzuführen oder anzuleiten. Das leitet in hochspezialisiertes Wissen um Grundsätze, Theorien und Praktiken der Konservierung-Restaurierung im eigenen Spezialgebiet über, in fortgeschrittene Kenntnisse auf dem Spezialgebiet angrenzenden Bereichen und umfassendes Wissen auf dem Gebiet des Kulturerbes im Allgemeinen.

Fertigkeiten: Spezialisierte Fertigkeiten zur Lösung von Problemen im Bereich Forschung und/oder Innovation, um neue Kenntnisse zu gewinnen und neue Verfahren zu entwickeln, sowie um Wissen aus verschiedenen Bereichen zu integrieren. (Der Europäische Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen, Europäische Gemeinschaften, 2008:12)

 

Die spezialisierten Fertigkeiten zur Lösung von Problemen werden als eine Fähigkeitsstufe interpretiert, auf welcher Konservierung-Restaurierung praktisch umgesetzt werden kann aufgrund des vorhandenen hochspezialisierten Wissens und geleitet von ethischen Grundsätzen. Das ist notwendig, um im Rahmen des Berufs neue Kenntnisse und Verfahren zu finden, anzupassen oder zu schaffen. Dies beinhaltet die Fähigkeit, relevante Informationen zu beachten, zu sammeln und kritisch zu analysieren, um die richtigen Schlüsse zu ziehen und erforderliche Maßnahmen abzuleiten; die Fähigkeit, die aktuelle Situation und den Prozess laufend zu analysieren, zu bewerten, und gegebenenfalls zu verbessern; die Fähigkeit, Wissen aus verschiedenen Bereichen zu integrieren und die Fähigkeit, daraus neues Wissen und neue Verfahren zu schaffen, sowie die Fähigkeit, dieses Wissen weiterzugeben.

Besondere Fertigkeiten und Sensibilität sind im eigenen Spezialgebiet vorzuweisen, können aber auch auf andere Spezialgebiete übertragbar oder diesen eigen sein. Dies trifft auch auf die kognitive Fähigkeit zu: vertraute Prozesse innerhalb des eigenen Spezialgebietes durchführen zu können, ermöglicht eine Annäherung an weniger vertraute Prozesse. Besondere Fertigkeiten schließt große Erfahrung mit Methoden, Materialien, Werkzeugen und Instrumenten innerhalb eines bestimmten Spezialgebietes ein, sowie die Fähigkeit, neue Werkzeuge und Methoden anzupassen und zu entwickeln.

Kompetenzen: Leitung und Gestaltung komplexer, unvorhersehbarer Arbeits- oder Lernkontexte, die neue strategische Ansätze erfordern. Übernahme von Verantwortung für Beiträge zum Fachwissen und zur Berufspraxis und/oder für die Überprüfung der strategischen Leistung von Teams (Der Europäische Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen, Europäische Gemeinschaften, 2008:12)

Der Konservator-Restaurator wird als kompetent angesehen, wenn er/sie die erforderlichen Fertigkeiten, Kenntnisse sowie Erfahrung erworben hat, um auf dem eigenen Spezialgebiet und gemäß den ethischen und praktischen Grenzen des Berufs zu arbeiten. Das schließt die Fähigkeit ein, insgesamt beständig und verantwortungsvoll mit angemessener Umsicht auf seinem/ihrem Gebiet zu arbeiten und beinhaltet die Anwendung des oben dargestellten Wissens und Könnens. Es umfasst die Fähigkeit, bestehende Konzepte der Konservierung-Restaurierung anzuwenden, neue strategische Ansätze zu entwickeln und ihre ethischen Grundsätze und Prinzipien auf verschiedenste Situationen anzuwenden.

Tab. 1: Erforderliche Kompetenzen auf dem Gebiet der Konservierung-Restaurierung mit Bezug auf den Europäischen Qualifikationsrahmen

Kenntnisse Fertigkeiten Kompetenzen
In Zusammenhang mit dem EQR werden Kenntnisse als Theorie- und/oder Faktenwissen beschrieben In Zusammenhang mit dem EQR werden Fertigkeiten als kognitive Fertigkeiten (unter Einsatz logischen, intuitiven und kreativen Denkens) und praktische Fertigkeiten (Geschicklichkeit und Verwendung von Methoden, Materialien, Werkzeugen und Instrumenten) beschrieben. In Zusammenhang mit dem EQR wird Kompetenz im Sinne der Übernahme von Verantwortung und Selbständigkeit beschrieben.
Zur Erreichung von Niveau 6 erforderliche Lernergebnisse Fortgeschrittene Kenntnisse in einem Teilbereich der Konservierung-Restaurierung unter Einsatz eines kritischen Verständnisses von Theorien und Grundsätzen Fortgeschrittene manuelle Fertigkeiten und Fertigkeiten zur Problemlösung, um technische Aufgaben der Konservierung-Restaurierung zu bewältigen. Fähigkeit, komplexe technische Abläufe innerhalb genau definierter Bereiche der Konservierung-Restaurierung zu beherrschen und bei unvorhersehbaren Arbeitsbedingungen Verantwortung für technische Aufgaben zu übernehmen.
Zur Erreichung von Niveau 7 erforderliche Lernergebnisse Hoch spezialisiertes Wissen in einem Bereiche der Konservierung-Restaurierung, als Grundlage für innovative Denkansätze und/oder Forschung. Kritisches Bewusstsein für Wissensfragen in Kons-Rest. und an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Bereichen. Spezialisierte Fertigkeiten zur Lösung von Problemen im Bereich Forschung und/oder Innovation, um neue Kenntnisse zu gewinnen und neue Verfahren im eigenen Fachgebiet der Konservierung-Restaurierung zu entwickeln, sowie um Wissen aus verschiedenen Bereichen zu integrieren. Fähigkeit, insgesamt beständig und verantwortungsvoll auf dem Gebiet der Konservierung-Restaurierung zu arbeiten, bestehende Konzepte anzuwenden und zu bewerten, neue strategische Ansätze zu entwickeln und ethische Grundsätze und Prinzipien auf verschiedenste Situationen anzuwenden.
Zur Erreichung von Niveau 8 erforderliche Lernergebnisse Kenntnisse an vorderster Front der Entwicklungen im Bereich Konservierung-Restaurierung und an der Schnittstelle zu anderen Bereichen Hochspezialisierte Fertigkeiten auf Expertenniveau und Methoden im Bereich Konservierung-Restaurierung, einschließlich Synthese und Evaluierung, zur Lösung zentraler Fragestellungen in den Bereichen Forschung und/oder Innovation und zur Weiterentwicklung und Neudefinition vorhandener Kenntnisse oder beruflicher Praxis. Fachliche Autorität, wissenschaftliche und berufliche Integrität auf dem Gebiet der Konservierung-Restaurierung, einschließlich nachhaltigem Engagement bei der Entwicklung neuer Ideen oder Verfahren in führenden Arbeits- oder Lernkontexten sowie in der Forschung.

6. Darstellung der Kompetenzen des Restaurator-Konservators im Prozeß der Konservierung-Restaurierung

Es gibt verschiedene Wege, von der allgemeinen Definition der Kompetenzen in den beiden vorangegangenen Kapiteln zu einer detaillierteren und „meßbaren“ Darstellung der Kompetenzen zu kommen.

Im Dokument „Defining the Conservator: Essential Competencies“((Defining the Conservator: Essential Competencies“ des American Institute for Conservation of Historic & Artistic works
(AIC) 2003.)) des American Institute for Conservation of Historic & Artistic works (AIC) 2003 werden die erforderlichen Kompetenzen des Konservator-Restaurators in den Hauptgebieten der Konservierung-Restaurierung beschrieben: Terminologie, Konservierungs- und Restaurierungsgeschichte, Ethik, Philosophie, Werktechniken, Nutzung und Zugang zum Kulturerbe, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Wissenschaftliche Prinzipien, Schadensprozesse, Präventive Konservierung, Untersuchungsmethoden, Methoden der Konservierung und Restaurierung sowie Dokumentation.

Die Beschreibung des AIC ist eine klar ausformulierte Darstellung der erforderlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und persönlichen Kompetenzen.

In der ECCO-Kompetenz-Publikation wurde statt der Auflistung der Tätigkeitsbereiche eine Prozeßgraphik der Konservierung-Restaurierung entwickelt, in der die komplexe Tätigkeit mit Abwägungs- und Entscheidungsprozessen dargestellt wird. Ein wesentliches Motiv für diese Darstellung ist die Absicht, die erforderlichen Tätigkeitsbereiche und Projektphasen darzustellen, in denen Kompetenz gefordert wird, um den Erhalt des Kulturerbes zu garantieren und eine hohe Qualität der Vorbereitung, Planung, Entscheidungsprozesse bis hin zum Eingreifen selbst zu garantieren. Dies geschieht auch in Anbetracht des interdisziplinären Wirkens des Konservator-Restaurators, der zusammen mit anderen Spezialisten und Berufen für den Erhalt des Kulturerbes tätig wird.

Gleichzeitig wird in der Darstellung der erforderlichen Kompetenzen für die unterschiedlichen Bereiche und Aktionen innerhalb der Prozeßgraphik der Anforderung Rechnung getragen, die Kompetenzen in der Sprache des Europäischen Qualifikationsrahmens zu beschreiben:

Im Rahmen des Bologna-Prozesses müssen alle Ausbildungsprogramme ihre Ziele bis zum Jahr 2012 als Lernergebnisse darlegen. Dies stellt einen Paradigmenwechsel in Durchführung und Bewertung von Bildung dar: weg vom Lehrer- und Input-zentrierten Ansatz hin zur Konzentration auf den Studenten und zur Bewertung des Lernergebnisses. Das Ergebnis eines Lehr-/Studiengangs wird danach beurteilt, was der Student ‚nach Abschluss des Lernvorgangs wissen, verstehen und/oder zeigen kann’.((European Commission, ECTS User’s Guide. (Benutzerführer des ECTS-Systems) Brüssel 2009. ISBN: 978-92-79-
09728-7. http://ec.europa.eu/education/lifelong-learning-policy/doc/ects/guide_en.pdf))

Das EQR-System verwendet zur Beschreibung der erforderlichen Lernergebnisse für die acht auf einander folgenden Ebenen des hierarchischen Lernaufbaus die Kategorien Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen und sieht getrennte Deskriptoren für diese drei Lernaspekte vor. Nach einer detaillierten Analyse beschränkt sich E.C.C.O. auf Kenntnisse und Fertigkeiten, da diese eigenständig bewertet werden können. Dagegen werden Kompetenzen als Kombination aus Wissen und Können zusammen mit Erfahrung definiert, die es dem professionellen Konservator-Restaurator erlauben, kontinuierlich verantwortungsvolle Arbeit zu leisten.

In der gemeinsamen Sitzung einiger Delegierter von E.C.C.O. und ENCoRE am 20. Februar 2009 wurde darüber diskutiert, wie die Beschreibung für Niveau 7 des EQR für den Beruf Konservator-Restaurator interpretiert werden könnte. Es wurde beschlossen, dass E.C.C.O. die Beschreibung der erforderlichen Kompetenzen für den Zugang zum Beruf als Anforderungen aus der Berufspraxis formulieren sollte, während ENCoRE die Beschreibung der erforderlichen Lernergebnisse für den Berufszugang definieren sollte.

So sollten auch zu preskriptive Elemente in der vorliegenden E.C.C.O. Kompetenz-Publikation vermieden werden, die z.B. im 2005 ausgearbeiteten Kompetenzkatalog des VDR enthalten waren, der den Aufbau des Studiums und die Lernergebnisse zu detailliert beschrieb.

Zur Beschreibung der Kenntnisse wurde als etablierte systematische Bewertungsskala die Lernzieltaxonomie von Anderson und Krathwohl (2000), eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Taxonomie von Benjamin Bloom (1956) genutzt. Die Matrix der Bewertungsskala (Tab. 2) enthält folgende Stufen zum Wissenserwerb: Erinnern (1), Verstehen (2), Anwenden (3), Analysieren (4), Bewerten (5).

Tab. 2: Lernzieltaxonomie von Anderson und Krathwohl

Bewerten
Analysieren
Anwenden
Verstehen
Erinnern
Sachwissen Begriffliches Wissen Verfahrensorientiertes Wissen Meta-cognitives Wissen

 

Die Wissensarten werden wie folgt beschrieben:

Sachwissen (a) – Basiswissen, um mit einer Fachdisziplin vertraut zu sein, Kenntnis von Einzel-Information, die als objektive Wahrheit empfunden wird.

Begriffliches Wissen (b) – Wissen, bestehend aus abstrakten oder von spezifischen Fall-Beispielen abgeleiteten Ideen.

Verfahrensorientiertes Wissen (c) – Wissen über fachspezifische Verfahrensweisen und Methoden des Untersuchens und praktischen Handelns

Meta-cognitives Wissen (d) – Wissen über den Lernprozess sowie das Bewusstsein, Auseinandersetzung mit den eigenen kognitiven Prozessen – über das Bewußtsein hinausgehende (umfassendere) intellektuelle Aktivität – die den erfahrenen Fachmann auszeichnet.

Jedem der Fertigkeits-Grade wurde auf der Graphik mit dem Prozessdiagramm folgender Farbcode zugeordnet.

Grundlegende Fertigkeiten = blau
Fertigkeiten auf mittlerem Niveau = grün
Fertigkeiten auf fortgeschrittenem Niveau – gelb
Fertigkeiten auf Expertenniveau = pink

Im Prozessdiagramm wurden das erforderliche Wissensniveau und die Wissensart(en) sowie der Grad an Fertigkeiten für jedes der Tätigkeitsfelder mit Hilfe von Farbkodierung, Buchstaben und Zahlen angegeben. Begonnen wurde mit EQR 7, dem Zugangsniveau für den Beruf Konservator-Restaurator (Abb. 2).

Die Skalen für Kenntnisse und Fertigkeiten werden in der ECCO-Kompetenz-Publikation genauer beschrieben.

Prozeß der Konservierung-Restaurierung

In der vorliegenden Prozeßgraphik wird Konservierung-Restaurierung als ein Entscheidungsprozess untersucht, der versucht‚ die Überlieferung der Denkmalwerte aus der Vergangenheit in die Zukunft zum Wohle aller Menschen und überall sicherzustellen und „das Beeinflussen von Veränderung[….]durch Abwägen“ einschließt.((Staniforth, Sarah, Conservation: Significance, Relevance and Sustainability, The Forbes Prize Lecture delivered on
Tuesday 10th September, IIC Congress in Melbourne 2002.))  Dieser Prozess erfolgt gemeinsam mit Interessenvertretern und anderen Berufen im Bereich des kulturellen Erbes. Im Umgang mit kulturellem Erbe ist der Bereich der Konservierung-Restaurierung fest integriert und trägt maßgeblich zur langfristigen Erhaltung des kulturellen Erbes bei.

Das Diagramm beschreibt den Prozess der Konservierung-Restaurierung, der von Untersuchung und Diagnose bis hin zum direkten Eingreifen – wo erforderlich – oder zu vorbeugenden Maßnahmen reicht und Nachsorge- und Evaluationsprozesse berücksichtigt. Diese Prozess-Schritte sind im Diagramm als „Rückgrat“ dargestellt (Abb. 1), welches das analytische Vorgehen versinnbildlicht, das akzeptierten berufsethischen Grundsätzen folgt und von dem sich die verschiedenen Tätigkeiten ableiten.

Die von Berufseinsteigern geforderten Kompetenzen sind vor diesem Hintergrund zu sehen. Die Notwendigkeit von Forschung und Dokumentation ist auf jeder Stufe des Entscheidungsprozesses((APEL – Acteurs du Patrimoine Europeen et Legislation. (Akteure im Bereich des Europäischen Kulturerbes und der Gesetzgebung) Umfrage zu gesetzlicher und beruflicher Verantwortung des Konservators-Restaurators gegenüber anderen Parteien, denen die Erhaltung und Restaurierung des Kulturerbes anvertraut ist, „Recommendations and Guidelines for the adoption of common principles regarding the conservation-restoration of the Cultural Heritage in Europe’’ (Empfehlungen und Richtlinien zur Annahme gemeinsamer Grundsätze für die Konservierung-Restaurierung des Kulturerbes in Europa), E.C.C.O. European Confederation of Conservator-Restorers’ Organisations, Rom2001, Ed. Roccografica.)) ausgewiesen, da diese Tätigkeiten zu den Leitprinzipien des Konservator-Restaurators gehören und ihm seinen akademischen Status verleihen. Kompetenzen in der praktischen Anwendung von Untersuchungstechniken und in der Durchführung von Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen – eine wesentliche Voraussetzung beruflicher Praxis – werden als Fertigkeiten bewertet. Nahezu alle Tätigkeiten des Konservator-Restaurators beinhalten Fertigkeiten.

 

Abb. 1: Phasen der Konservierung-Restaurierung am Beispiel des Umgangs mit Spolien vom ehemaligen Stadtschloss Potsdam
Abb. 1: Phasen der Konservierung-Restaurierung am Beispiel des Umgangs mit Spolien vom ehemaligen Stadtschloss Potsdam

Dies führt zur zweiten Phase, der Einschätzung notwendiger Schritte bei derzeitiger und geplanter künftiger Nutzung. Die dritte Phase beinhaltet die Erarbeitung des Konzeptes sowie die Planung und Organisation notwendiger Tätigkeiten / Behandlung. Dies beinhaltet z.B. das Abwägen der gewünschten Ergebnisse, des erforderlichen Umfangs der Maßnahme und die Abwägung von Alternativen und Einschränkungen bei der Durchführung, der Ansprüche von Interessenvertretern sowie der Gefahren und Möglichkeiten künftiger Nutzung.Die erste Phase, der Prozessbeginn, beinhaltet Untersuchung und Diagnose. Sie umfasst die Beurteilung des Bestandes, mit der Zustandserfassung und Schadensanalyse werden Gründe für Veränderungen gesucht sowie eine Gefährdungseinschätzung vorgenommen.

Das alles erfordert Planung und Organisation einschließlich Berücksichtigung von Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften, rechtlichen Rahmenbedingungen, Versicherung, Projektplanung, Finanzierung, Ausrüstung (Geräte) und räumlichen Gegebenheiten. Die fünfte und wichtigste Phase ist die Ausführung direkter und indirekter Maßnahmen zum Erhalt des Kulturerbes. Diese Phase umfasst Maßnahmen der Präventiven Konservierung, der Konservierung, Restaurierung sowie organisatorisch unterstützende Prozesse.

Das Ergebnis dieses Konservierungs-Restaurierungs-Prozesses beinhaltet auch zur Qualitätssicherung die Bewertung der geänderten Gefahrenlage, des Erfolgs der Maßnahme oder Behandlung sowie die Weitergabe der Ergebnisse. Es umfasst auch das Abklären künftiger Maßnahmen, welche erforderlich sind, um das Kulturerbe zu erhalten.

Die siebte Phase bilden Empfehlungen zur Nachsorge, die sich aus den im vorhergehenden Schritt ermittelten künftigen Maßnahmen ergeben. Diese können eine Zeitplanung für erforderliche Maßnahmen und Richtlinien zur Erhaltung und Wartung enthalten.

Jede Phase wird geprägt von der Berufsethik und der Forderung nach Dokumentation. Letztere kann weiterführen zu Forschung und zur Verbreitung neuer Erkenntnisse, welche als eigenständige Tätigkeiten ebenfalls bewertet werden. Den Hauptschritten können ergänzende Schritte hinzugefügt werden.

Die Graphik mit der Darstellung der erforderlichen Kompetenzen für das Niveau 7 des EQR (Abb. 4) zeigt, dass es sich bei den Wissenstypen auf diesem Niveau hauptsächlich um Begriffliches Wissen (b) und Verfahrensorientiertes Wissen (c), und dass auf diesem Wissensniveau der Berufsausübende sein Wissen anwenden (3) und die Ergebnisse analysieren (4) kann. Niveau 7 des EQR ist also so zu verstehen, dass man im Rahmen von Konservierungs-Restaurierungsprozessen arbeitet, die wohlbekannt und vertraut sind. Hierbei wird aber erst begonnen, die Prozesse selbst zu überprüfen. Wer in den Beruf einsteigt, entwickelt selten neue Wege zur Problemlösung in der Konservierung-Restaurierung. Der Berufsangehörige ist noch unerfahren auf seinem Gebiet und sein Bewusstsein über den persönlichen Erkenntniszuwachs muss noch wachsen. Zwar ist er kritisch genug in der Wahrnehmung, einen Prozess zu ändern und anzupassen, jedoch kann er erst die Ergebnisse analysieren, noch nicht den Prozess selbst bewerten.

Jemand, der mit einer Qualifikation auf Niveau 7 den Beruf beginnt, weist eine Reihe von Fertigkeiten auf mittlerem und fortgeschrittenem Niveau auf. Die höchst entwickelten Fertigkeiten finden sich im Bereich, wo der Konservator-Restaurator direkt mit dem Kulturerbe zu tun hat. Die Farbcodes in der Graphik zeigen das sehr deutlich: die dichteren gelben Bereiche entsprechen direkt der Analyse und Behandlung von Kulturerbe.

Organisation und Planung der Arbeit als Konservator-Restaurator erfordern Fertigkeiten auf mittlerem Niveau für eine gute Berufsausübung, während in den Bereichen Gesundheit und Sicherheit, Gesetzgebung, Versicherung und Finanzen grundlegende Fertigkeiten ausreichen. Es wird anerkannt, dass auf dieser Ebene keine besonderen Managementfähigkeiten erforderlich sind, jedoch sind grundlegende Fertigkeiten notwendig.

7. Vergleich der Definition der Kompetenzen der Bachelor-Absolventen und der Experten, Sachverständigen oder promovierten Forscher durch die Deskriptoren des Europäischen Qualifikationsrahmens für das Gebiet der Konservierung-Restaurierung

Als anschauliches Beispiel für den Aufbau von Kompetenzen durch Lernvorgänge, die Theorie und Praxis gleichermaßen erfordern, werden hier die beiden benachbarten Stufen in der Systematik des EQR wie auch in der Darstellung mittels Prozeßgraphik vorgestellt:

Niveau 6 (Tab. 1, Abb. 3) erfordert Verständnis für die Vorgänge der Konservierung-Restaurierung, also verfahrensorientiertes Wissen und Fertigkeiten auf mittlerem Niveau in Bezug auf die Anwendung. Die Betonung der Fertigkeiten auf mittlerem Niveau würdigt den Bedarf an manuellen Fertigkeiten als wichtigen Faktor bei allen Konservierungs-Restaurierungs-Maßnahmen. Das kritische Verständnis von Begriffen und Verfahren, das zur Einschätzung von Bedarf und Auswahl von Konservierungs-Restaurierungs-Maßnahmen führt, entwickelt sich auf dieser Ebene noch und hat noch nicht das für selbstständige Entscheidungen erforderliche Niveau erreicht.

Niveau 8 (Tab. 1, Abb. 4 und Abb. 5) stellt das höchste Niveau auf der Lernskala des EQR dar, die ein Verständnis des gesamten Berufsspektrums erlaubt. Während das erforderliche Niveau des Berufszugangs, dargestellt anhand der Graphik von Niveau 7, feststeht, hängt die Entwicklung von Fertigkeiten und Kenntnissen nach diesem Punkt vom einzelnen Konservator-Restaurator und den Umständen ab. Daher bleibt die Graphik zwar dieselbe, aber die Kodifizierung ändert sich von einer Person zur anderen. Zwei Beispiele hierfür werden in Abb. 4 und Abb. 5 vorgestellt: der erfahrene Berufsausübende und der promovierte (forschende) Konservator-Restaurator.

Die Fertigkeiten eines erfahrenen Berufsangehörigen, der seine Fachkompetenz durch fortlaufende berufliche Weiterentwicklung auf seinem Spezialgebiet (einschließlich Erweiterung oder Hinzunahme von anderen Gebieten) auf Niveau 8 ausgebaut hat, wird als Person beschrieben, die das meta-kognitive Niveau mit Fertigkeiten auf Expertenniveau erreicht hat. Das ist klar ersichtlich durch den Farbcode in der Graphik (Abb. 5), der zeigt, wie sich Kenntnisse und Fertigkeiten nach einigen Berufsjahren entwickeln können. Die Kompetenz bei Untersuchung und Diagnose ist gewachsen und der Berufsausübende wurde zum Fachmann aufgrund der Durchführung und Bewertung von Konservierungs-Restaurierungs-Prozessen. Auch die Kompetenz bei Planung, Organisation und Ergebnisbewertung nahm zu. Indes muss man berücksichtigen, dass der Berufsausübende sich vielleicht weiter spezialisiert hat und ein führender Experte auf einem Spezialgebiet geworden ist, aber seine Fachkenntnisse auf anderen Gebieten nicht erweitert hat. Diese Argumentation legt nahe, dass Kenntnisse und Fertigkeiten nicht unbedingt im gesamten Originalfachbereich gleichmäßig zunehmen. Einiges Wissen und Können bleibt auf Niveau 7.

Wenn das EQR-Niveau 8 durch ein Forschungsprogramm mit Doktortitel erworben wird, kann sich auch das Fachgebiet verengen. Während die breite Basis an Kenntnissen auf einem weiten Feld auf dem Kompetenzniveau der Ebene 7 ähnlich bleibt oder zunimmt, wächst das Kompetenzniveau auf dem Forschungsgebiet per definitionem beträchtlich und die Person spezialisiert sich weiter. Das wird in Abb. 4 am Beispiel eines Konservator-Restaurators im Forschungsbereich aufgezeigt, bei dem Kenntnisse und Fertigkeiten im Bereich Untersuchung und Diagnose wachsen, während die anderen Bereiche etwa auf Niveau 7 bleiben.

8. Ausblick

Der Vorteil des von E.C.C.O. gewählten Ansatzes liegt in der breiten Anwendbarkeit des Ergebnisses. Unabhängig von seiner Spezialisierung kann ein Konservator-Restaurator für jeden Bereich des Qualifikationsrahmens Niveau und Umfang der geforderten Berufskompetenz erkennen. Das erlaubt den Vergleich zwischen den von E.C.C.O. geforderten professionellen und den in der Realität vorhandenen Kompetenzen. Dieser Vergleich kann der individuellen Orientierung dienen, aber auch als Grundlage für die Gestaltung und Durchführung von Bildungsprogrammen oder als Richtlinie für die Mitgliedschaft in einem Berufsverband. Der konkrete Wert der Darstellung und Bewertung der Tätigkeiten des Konservator-Restaurators liegt in der genauen Identifikation der besonderen Fertigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen, die eine Person dazu ermächtigen, direkt auf das Kulturgut einzuwirken.

Das hier entwickelte Prozessdiagramm bietet sich als Werkzeug zur Entwicklung der Konservierungs-Restaurierungs-Ausbildung in ganz Europa an. In einem bestehenden Ausbildungsprogramm kann der derzeitige Lehrplan daraufhin überprüft werden, wie effektiv Fähigkeiten und Kenntnisse in einem bestimmten Bereich gefördert werden. Dies kann mit Hilfe des Prozessdiagramms aus Abb. 2 für einzelne Lerneinheiten erfolgen. Ein solches Vorgehen fördert einen zyklischen Evaluierungsprozess, der Inhalt und Struktur eines Kurses mit den Berufs-Zugangsbedingungen vergleicht, fehlende Bereiche erkennt, Ergänzungen oder Korrekturen auslöst und dann das Prozessdiagramm erneut zu Rate zieht, um die Wirkung zu überprüfen.

Ein Problem bei diesem Ansatz, das bereits von Lehrenden angesprochen wurde, ist die fehlende Beschreibung der tatsächlich erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten zur Bewältigung einer bestimmten Aufgabe. Diese Spezifizierung wurde von E.C.C.O. vermieden, da sie als zu starre Vorgabe empfunden wurde; daher liefert die vorliegende Graphik keine Beschreibung eines Lehrplanes. Eine solche Beschreibung hängt von nationalen Bedingungen und der besonderen beruflichen Spezialisierung ab, den ein Ausbildungsgang erreichen soll. Es obliegt den einzelnen Bildungsinstituten, in Absprache mit ihren nationalen Berufsgremien die genauen Lerninhalte für die jeweils geforderte Spezialisierung des professionellen Konservator-Restaurators zu bestimmen. Das Prozessdiagramm hilft bei dieser Beschreibung, indem es die verschiedenen Kompetenzbereiche definiert, auf denen der Lehrplan aufbaut und von dem aus die pädagogische Vermittlung entwickelt werden kann.

Die Anwendung innerhalb eines Akkreditierungssystem eines Berufsgremiums der Konservatoren-Restauratoren stellt eine weitere mögliche Nutzung des Qualifikationsrahmens dar. Wird das Prozess-Diagramm dafür genutzt, müsste der Konservator-Restaurator nachweisen, dass er/sie die Kriterien in jedem einzelnen Tätigkeitsbereich erfüllen kann, um den Titel zu tragen. Dies müsste natürlich in einem formellen Bewertungsvorgang erfolgen.

Es wird erhofft, dass diese Arbeit eine aktive Debatte über die notwendigen Kompetenzen für den Zugang zu diesem sich ständig entwickelnden Gebiet fördert. Daher schlägt der E.C.C.O.-Arbeitskreis eine Überarbeitung des Werkes nach fünf Jahren vor. Stellungnahmen aus der Mitgliedschaft und von weiteren Interessierten sind willkommen.

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Abbildungen 2 – 5: Erweitertes Modellkonzept; Wissen und Fähigkeiten auf Niveau 7; Wissen und Fähigkeiten auf Niveau 6; Beispiel von Wissen und Fähigkeiten eines erfahrenen Konservator-Restaurators auf Niveau 8

 

 

Tabellennachweis

Tab. 1               Mechthild Noll-Minor nach ECCO-WG “Competences”.

Tab. 2               Mechthild Noll-Minor nach Anderson-Krathwohl.

 

Abbildungsnachweis

Abb. 1               Mechthild Noll-Minor nach ECCO-WG “Competences”.

Abb. 2-5:          Sebastian Dobrusskin nach ECCO-WG “Competences”.

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