„Alles, nur nicht alltäglich!

Die einfachen Möbel und Gebrauchsgegenstände in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu rücken war ein langegehegter Wunsch innerhalb der Fachgruppe Möbel und Holzobjekte. In den letzten Jahren waren meist die höfischen Möbel das Thema der Fachtreffen. Unter dem Thema „Ein Stück Alltag – Möbel und andere Dinge der Alltagskultur aus Holz in der Konservierung und Restaurierung“ […]

Die einfachen Möbel und Gebrauchsgegenstände in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu rücken war ein langegehegter Wunsch innerhalb der Fachgruppe Möbel und Holzobjekte. In den letzten Jahren waren meist die höfischen Möbel das Thema der Fachtreffen. Unter dem Thema „Ein Stück Alltag – Möbel und andere Dinge der Alltagskultur aus Holz in der Konservierung und Restaurierung“ fand vom 9. bis zum 11. Mai 2019 in Nürnberg eine vielschichtige Tagung statt. Das Germanische Nationalmuseum bot dafür einen idealen Rahmen. 123 Tagungsgäste lauschten den 25 Vorträgen und diskutierten eifrig mit.
Ein Tagungsbericht von Carola Klinzmann.

Tag 1

Begrüßt wurden wir von Anne Harmsen im Namen des VDR-Präsidiums und von Prof. Dr. Ulrich Großmann, dem Direktor des Germanischen Nationalmuseums. Der erste Tag begann mit einleitenden Vorträgen zur Medialität von Möbeln, deren philosophischer Ansatz interessant und für uns Möbelrestauratoren erstaunlich war. Hans Ottomeyer erfreute uns in bewährter Manier mit seinem Vortrag über die Geschichte der Stände und Möbelstile in München. Für die systematische Erfassung der Familienschätze aus Lippe besuchte Thomas Dann 300 Haushalte. Seine Auswertung von über 1500 Möbeln im Rahmen dieser Sachgutdokumentation wurde bewundernd aufgenommen; ein Schatz für die Zukunft. Ähnlich strukturiert gingen Matthias Stappel und Thomas Ostendorf bei der Suche nach dem Meister mit dem Zinnreiter vor. Erläutert wurden die Hintergrundgeschichten und die ausführlichen technologischen Untersuchungen an den Möbeln. Mithilfe bestimmter Merkmale sollten Objektgruppen zusammengeführt oder dem Meister Heck zugeordnet werden. Es sind dies nur einige Beispiele der facettenreichen Vorträge des ersten Tages. Wir wurden auf eine spannende Reise mitgenommen, die über Berlin ins Inntal und bis hin nach Rumänien führte.

Festakt

Der Festakt zum 40-jährigen Bestehen der VDR Fachgruppe Möbel und Holzobjekte fand am Abend im Museumscafé statt. Ralf Buchholz, ehemaliger Fachgruppensprecher hielt den Festvortrag und führte dann als Moderator durch den Abend. Er bat die anwesenden einstigen Fachgruppenvorsitzenden überraschend auf das Podium, wo sich eine anregende Diskussion in entspannter Atmosphäre entspann. Die Kollegen Eckehard von Schierstaedt, Hans-Werner Pape, Martin Marquardt, Bernd Kügler und Carola Klinzmann wurden gebeten, von den Anfängen der Fachgruppe und deren Weiterentwicklung zu berichten. Bei einem Gläschen Sekt erzählten sie von dem denkwürdigen Akt, Ende 1978, der Versendung des ersten Briefs der Herren Möbelrestauratoren Marquardt und Jedele aus dem Württembergischen Landesmuseum an die Direktoren der deutschen Museen. Ziel war die Erfassung der Möbelrestauratoren in Deutschland, die ja bis dato noch kein Netzwerk hatten. Nachdem dies ins Rollen gebracht war, wurde die erste Fachgruppe dann 1979 noch in der ATM (Arbeitsgemeinschaft des technischen Museumspersonals, später AdR) gegründet. Siehe hierzu auch den Beitrag im Restauratoren-Blog.
Im Anschluss an den offiziellen Teil gab es bei sehr leckerem Essen Gelegenheit zum weiteren Austausch unter den Feiernden.

 

Tag 2

Auch der zweite Tag war prall gefüllt mit den interessanten Berichten von technologischen Untersuchungen und diversen Materialien, wie zum Beispiel Metallfolien oder farbigen Porenfüllern an Möbeln des frühen 20. Jahrhunderts. Die Restaurierung von nicht alltäglichen Objekten, wie fellbezogenen Stühlen oder einem Flugzeug- Zusatztank aus Sperrholz wurden vorgestellt. Thorsten Weil berichtete von den Überraschungen, die die Restaurierung eines Schulmobiliars von 1915 für ihn bereithielt. Die Veränderung des angedachten Konzepts wurde länger diskutiert.

Aus der Praxis berichteten die Kollegen sehr verständlich von ihrem Umgang mit Schimmel- oder Schädlingsbefall. Aus der Schweiz gab es zwei Vorträge. Einer beschäftigte sich mit technischen Neuerungen bei der Fertigung von Stühlen der Werkstatt Guichard, der andere mit hölzernen „Maßen zu Meisterstücken“ der Basler Schreiner. Die Neuaufstellung der sogenannten Schwälmer Stube im Hessischen Landesmuseum in Kassel wurde kontrovers diskutiert: „Grauenvoll“ fand es der Kollege von Schierstaedt. „Gelungen“, fanden es vor allem die jüngeren Kollegen. Rund um die Schubkarre ging es in dem Vortrag von Ilja Braunmüller, der sehr anschaulich alle Facetten der Benutzung und Herstellung dieses Alltagsgegenstandes vorstellte. Vier Schränke, gefertigt zwischen 1650 und 1800 aus dem Germanischen Nationalmuseum, waren Thema der Diplomarbeit von Kristina Schielinski. Dankenswerterweise stellte sie ihre Arbeit anstelle eines ausgefallenen Vortrags spontan vor.

Fachgruppensitzung

Der mit spannendem Input prall gefüllte Tag endete mit der gut besuchten Fachgruppensitzung, auf der die Wahlen zum neuen Vorstand stattfanden. Wolfram Bangen beendete leider seinen Vorsitz. Christian Huber wurde zum neuen ersten Vorsitzenden gewählt. Angelika Rauch blieb auch dabei, neu hinzu kamen Daniela Bruder und Harald Kühner. Herzlichen Dank den alten Vorsitzenden und herzlichen Glückwünsch den neu Gewählten.

Tag 3

Sehr unterschiedliche Objekte der Alltagskultur wurden am dritten Tag vorgestellt. Ein Schreibtisch und ein Rollstuhl aus dem Ruhr Museum Essen waren die Themen zweier Vorträge von Studentinnen der TH Köln. Sie begaben sich auf Spurensuche zur Geschichte sowie der möglichen Datierung der Objekte und erläuterten anschaulich ihre Restaurierungskonzepte und deren Umsetzungen. Während seines Studiums 2007 hat sich Philip Mandrys, ebenfalls an der TH Köln, mit der Restaurierung einer Rhöner Mehltruhe beschäftigt. Er näherte sich der Erfassung der Konstruktionsweise durch die aufwändige Rekonstruktion der Truhe an. Die Wiederherstellung der Funktionstüchtigkeit eines historischen Webstuhls wie auch eine Sammlung von mobilen Apotheken wurden präsentiert. Dass auch Münzautomaten von einem profanen Alltagsgegenstand zu einem historischen Kulturgut werden können, lernten wir auf sehr unterhaltsame Weise von Jessica Midding aus dem Deutschen Automatenmuseum in Espelkamp und der Restauratorin Uta Wuttke.

Das Tagungsprogramm spannte sich von den philosphischen, kunst- und kulturhistorischen Aspekten der Möbelforschung bis hin zu der detaillierten Betrachtung und Untersuchung von Einzelobjekten. Vor allem deren Restaurierungen standen im Mittelpunkt der sehr vielseitigen Tagung. Wir lernten unterschiedlichste Sammlungen mit ihren speziellen Herausforderungen und den Umgang mit ihnen kennen. Nach drei Tagen intensiven Austauschs bildeten die Führungen im GNM am Samstag den schönen Abschluss der Tagung.

Herzlichen Dank den Organisatoren Wolfram Bangen, Christian Huber und Angelika Rauch für die gelungene Tagung!

Kassel, Mai 2019
Carola Klinzmann