Das restaurierte Schächer-Fragment des Meisters von Flémalle im Kontext

Bis zum 18. Februar 2018 präsentiert die Liebieghaus Skulpturensammlung eine Sonderausstellung, in deren Mittelpunkt ein Schlüsselwerk der europäischen Kunstgeschichte steht: das sogenannte Schächer-Fragment des „Meisters von Flémalle“, eines der rätselhaftesten Künstler der frühen niederländischen Malerei. Das beidseitig bemalte Fragment wurde ab Oktober 2014 im Städel Museum umfassend untersucht und restauriert. Blick in den Arbeitsraum während […]

Bis zum 18. Februar 2018 präsentiert die Liebieghaus Skulpturensammlung eine Sonderausstellung, in deren Mittelpunkt ein Schlüsselwerk der europäischen Kunstgeschichte steht: das sogenannte Schächer-Fragment des „Meisters von Flémalle“, eines der rätselhaftesten Künstler der frühen niederländischen Malerei. Das beidseitig bemalte Fragment wurde ab Oktober 2014 im Städel Museum umfassend untersucht und restauriert.

Es ist der einzige erhaltene Teil eines großformatigen Kreuzabnahme-Triptychons, das zu den bedeutendsten und einflussreichsten Werken der niederländischen Malerei vom Anfang des 15. Jahrhunderts zählt. Im Rahmen der Schau werden zum einen das Vorgehen und die spektakulären Ergebnisse der technologischen Untersuchung und Restaurierung vorgestellt. Darüber hinaus werden 13 ausgewählte Vergleichsstücke der Skulptur sowie der Tafelmalerei, Zeichnung und Buchmalerei gezeigt, die das Schächer-Fragment auf vielfältige Weise kontextualisieren.

„In neuem Glanz. Das restaurierte Schächer-Fragment des Meisters von Flémalle im Kontext“ führt erstmalig jene Werke zusammen, die als frühe Wiederholungen und Teilkopien von der Berühmtheit des Altarwerks zeugen und zugleich eine Rekonstruktion des verlorenen Gesamtensembles ermöglichen. Überdies wird das Fragment im Zusammenhang mit niederländischen und deutschen Skulpturen der damaligen Zeit präsentiert, die im Liebieghaus mit dem sogenannten Rimini-Altar und Hans Multschers Trinität glanzvoll vertreten ist. Die beiden letztgenannten Arbeiten stehen derzeit ebenfalls im Mittelpunkt umfassender Restaurierungskampagnen, die den Besuchern des Liebieghauses durch spannende Einblicke anschaulich vermittelt werden. Ein herausragendes Ergebnis der Restaurierung dieses Fragments ist die Wiederherstellung der faszinierenden Illusion von Dreidimensionalität, ein Charakteristikum der Malerei des „Meisters von Flémalle“, das in der Ausstellung durch die dialogische Gegenüberstellung mit Meisterwerken der niederländischen und deutschen Skulptur umso deutlicher hervortritt. Das raffinierte Spiel des „Flémallers“ mit zeitgenössischen Seherwartungen wird dadurch ebenso neu erfahrbar wie der Wettstreit zwischen Malerei und Skulptur im frühen 15. Jahrhundert.

„Die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten galten vor allem dem als Pressbrokat gestalteten Hintergrund des Schächer-Fragments. Er zählt zu den frühesten und in seiner Ausführung außergewöhnlichsten überlieferten Beispielen dieser Technik zur Imitation kostbarer Goldbrokatstoffe. Durch zahlreiche Materialverluste und spätere Überarbeitungen war die feinteilige, ornamentale Reliefstruktur nicht mehr ablesbar. Das Hauptaugenmerk der Restaurierungsmaßnahmen lag daher auf der Entfernung störender späterer Maßnahmen und der harmonischen Ergänzung der Fehlstellen. Durch die Entfernung von Überzügen mit einem Laser konnte der Pressbrokat in seiner materiellen Gestaltung als Goldoberfläche wieder erfahrbar gemacht werden“, führt Diplomrestauratorin Annegret Volk aus, die unter Betreuung von Stephan Knobloch, dem Leiter der Gemälderestaurierung im Städel Museum, mit der wissenschaftlichen Recherche sowie der Umsetzung des Restaurierungskonzept für das Schächer-Fragment betraut war.

Das Schächer-Fragment des „Meisters von Flémalle“
Das Schächer-Fragment bildete einst die obere Hälfte des rechten Flügels eines ansonsten restlos verlorenen, monumentalen Altarbildes, welches vermutlich um 1430 für eine Brügger Kirche oder Kapelle geschaffen wurde. Es zeigte im geöffneten Zustand die Kreuzabnahme Christi zwischen den beiden „Schächern“, den mit Jesus gemeinsam hingerichteten Verbrechern. In geschlossenem Zustand waren die simulierten Skulpturen von Johannes dem Täufer und vermutlich von Christus zu sehen. Wie das gleichfalls nur fragmentarisch erhaltene Altarbild, zu dem die namengebenden „Flémaller Tafeln“ des Städel Museums gehörten, entstand auch das Kreuzabnahme-Triptychon um 1430. Zahlreiche frühe Reflexe in der niederländischen Kunst des 15. Jahrhunderts lassen erkennen, dass die Kreuzabnahme des „Flémallers“ bei den Zeitgenossen großes Aufsehen erregte.
Bei dem „Meister von Flémalle“ handelt es sich um einen der rätselhaftesten Künstler der frühen niederländischen Malerei. Anders als der Notname suggeriert, handelt es sich nicht um eine präzise fassbare Künstlerpersönlichkeit, sondern um eine ganze Gruppe von Malern, die der Tournaiser Künstler Robert Campin zwischen 1426/27 und 1432 zur Ausführung einiger großer Altarbilder in seiner Werkstatt zusammengeführt hatte, darunter auch Rogier van der Weyden. 2008 widmete das Städel Museum gemeinsam mit der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin dem „Meister von Flémalle“ und Rogier van der Weyden die erste umfassende Ausstellung, die sich den ungelösten Fragen der Kunstgeschichte rund um die ars nova widmete, jene revolutionäre neue Malerei in den burgundischen Niederlanden, die mit ihrer detailrealistischen Wirklichkeitswiedergabe zu Anfang des 15. Jahrhunderts den Beginn der neuzeitlichen Kunst markiert.

Restaurierung
Nach einer ausführlichen gemäldetechnologischen Untersuchung, der ethischen Diskussion des Restaurierungskonzepts und einer Risikobewertung der verschiedenen Maßnahmen konnte eine umfassende Restaurierung des Schächer-Fragments durchgeführt werden. Unmittelbar nach dem Ankauf des Retabelfragments im Jahr 1840 waren zahlreiche Maßnahmen an der beschädigten Tafel vorgenommen worden, die deren Aussehen seitdem stark dominierten. Besonders störend waren in Struktur und Farbigkeit abweichende Ergänzungen des als Pressbrokat ausgeführten Goldhintergrundes, der zudem mit Überzügen versehen wurde. Zugleich war ein vertikal durch die Tafel laufender Riss auf der ehemaligen Außenseite des Flügels mit einer Holzleiste stabilisiert worden. Die damals schwarz übermalte Malerei musste dafür damals im Bereich des Risses abgehobelt werden.

Ziel der Restaurierung war es, das Kunstwerk wieder in all seinen Facetten erfahrbar zu machen. So sollte zum einen der ästhetische Fokus von den störenden Ergänzungen auf die außergewöhnliche Qualität der Malerei gelenkt werden. Zum anderen sollte der Pressbrokat in seiner aufwendigen reliefartigen Gestaltung wie auch als Goldoberfläche wieder wahrnehmbar werden. Beides trägt dazu bei, die Besonderheiten in der Gestaltung des Schächer-Fragments, das Spiel mit Materialimitation, verschiedenen Bildebenen und den Detailreichtum der Darstellung neu zu entdecken. Besonders wichtig war darüber hinaus, weiterhin die Ablesbarkeit des fragmentarischen Charakters des Werks zu gewährleisten, da es sich eben nicht um ein neuzeitliches Tafelbild handelt, sondern um einen Teil des größeren Gesamtensembles eines spätmittelalterlichen Altarretabels. Dies wird mithilfe eines neuen Präsentationskonzepts, durch den Verzicht auf eine Rahmung, die allseitig freie Aufstellung in einer Vitrine sowie mittels der Freilegung eines mit der Zerstörung des ursprünglichen Retabels übervergoldeten Engelsgewand-Zipfels, der von der verlorenen Mitteltafel herüberweht, besonders anschaulich.

Rahmenprogramm:
Do, 7.12., 19.00 Uhr: Einem verlorenen Hauptwerk auf der Spur, mit Dr. Fabian Wolf
Do, 11.1., 18.30 Uhr: Pigment versus Stein, mit Erik Eising
Do, 8.2., 18.30 Uhr: Hans Multscher geht auf Reisen, mit Dipl.-Rest. Harald Theiss
Do, 25.1., 19.00 Uhr: Bewegte Geschichte. Das Schächer-Fragment des „Meisters von Flémalle“ untersucht und restauriert, mit Dipl.-Rest. Annegret Volk

Weitere Informationen und Programmangebote unter www.liebieghaus.de

Katalog: Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im Verlag Schnell & Steiner mit einem Vorwort von Philipp Demandt und Beiträgen von Jochen Sander, Annegret Volk, Fabian Wolf sowie Erik Eising und Stefan Roller. Deutsch-englische Ausgabe, 176 Seiten, 24,90 Euro (Museumsausgabe).