„Eine haarige Sache“ – über Schäden an Möbeln mit Fellbezug und ihre Restaurierung

Von einer „haarigen Sache“ spricht man immer dann, wenn es um eine verzwickte Angelegenheit geht, die sich nicht so leicht erledigen lässt. Leonie Samland hat die Erfahrung gemacht, dass haarige Sachen nicht nur sprichwörtlich schwierig sein können. Die Berliner Restauratorin untersuchte Möbel mit Fellbezügen und musste feststellen, dass die Objektgruppe zwar klein ist, aber ein […]

Von einer „haarigen Sache“ spricht man immer dann, wenn es um eine verzwickte Angelegenheit geht, die sich nicht so leicht erledigen lässt. Leonie Samland hat die Erfahrung gemacht, dass haarige Sachen nicht nur sprichwörtlich schwierig sein können. Die Berliner Restauratorin untersuchte Möbel mit Fellbezügen und musste feststellen, dass die Objektgruppe zwar klein ist, aber ein ungewöhnlich hohes Schadenspotenzial aufweist. Über ihre Forschungen und Erfahrungen berichtet sie im Heft 2/2018 der VDR-Beiträge und gibt damit ihr Wissen auch an andere Restauratoren weiter.

Fell als Gestaltungsmittel ist im modernen Möbeldesign ein kleiner, aber fester Bestandteil des Materialkanons. So ist die Liege von Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand, die ab den 1930er Jahren unter anderem mit Kalbfellbezügen hergestellt wurde, sehr bekannt geworden. Als Ausgangspunkt für ihre Forschungen im Rahmen einer Masterarbeit an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart nahm Leonie Samland die Sammlung des Vitra Design Museums, in der sich unter 7.000 Möbelstücken auch 21 Objekte mit Fellbezügen befinden. Bei der Sichtung stellte sich heraus, dass der Erhaltungszustand dieser Fell-Objekte vergleichsweise schlecht war. Typische Schadensbilder wie Abrieb oder Haarbruch gehen auf die Benutzung der Möbel im Alltag zurück. Hinzu kamen komplexe Schäden, in denen Materialkombinationen und deren Alterungsmechanismen sich gegenseitig negativ beeinflusst hatten.

In besonders schlechtem Zustand waren die fellbezogenen Polsterungen der Stühle der Plywood Group, die Charles Eames 1945 entworfen hatte. Hier waren auf die Sperrholzschale nacheinander Polsterschaum und Fellbezug flächig miteinander verklebt worden. Zu den Nutzungsspuren kamen Spannungsrisse im Leder und eine alterungsbedingte Versprödung des Polsterschaums hinzu. Da sich zum Umgang mit fellbezogenen Möbeln in der Fachliteratur kaum etwas finden ließ, entschied Leonie Samland sich dafür, selbst eine Umfrage unter Kollegen zu diesem Thema zu starten. Auf ihre Online-Umfrage hin meldeten sich 71 Restauratoren und gaben ihre Erfahrungen weiter.

Als Schäden wurden besonders häufig Verschmutzungen und Insektenbefall genannt, aber auch Risse im Fell traten bei drei Viertel der Objekte auf. Indes hatten nur wenige der befragten Restauratoren mehr als nur präventive Maßnahmen durchgeführt und zum Beispiel eingerissene Fellbezüge geklebt. Auf die Frage nach möglichen Ergänzungsmaterialien für Fehlstellen nannten die Restauratoren natürliches und künstliches Fell oder auch retuschiertes Japanpapier. Eine bekannte, einheitliche Vorgehensweise gab es in diesem Bereich nicht.

Für die Restaurierung eines ausgewählten DCW Plywood Chairs von Charles Eames aus der Sammlung des Vitra Design Museums wählte Leonie Samland reversible Materialien, die auch im Verbund ein gutes Alterungsverhalten zeigen würden. Der stark gealterte Stuhl mit geschädigtem Schaumstoffpolster, sowie Rissen und Fehlstellen im Kuhfell war in einer früheren Maßnahme mit einem nicht identifizierbaren Elastomer geklebt und mit Polyesterwatte unterlegt worden. Nachdem sie den Stuhl trocken gereinigt hatte, entschied sich die Restauratorin für ein 3D-Meshgewebe aus Polyesterfasern als Ergänzung zum Polsterschaum. Das Material ließ sich sehr gut stauchen und durch die kleinen Öffnungen der Risse einsetzen und wurde mit Degalan mit Hilfe einer Spritze verklebt. Für die Schließung der Risse hinterlegte Leonie Samland den Fellbezug mit schwerem Japanpapier, das in seiner Farbe und Oberflächenstruktur den hellen Fellbereichen sehr ähnlich war. Die Risse wurden anschließend verklebt mit Klucel-G-Gel, einem in der Lederrestaurierung bewährten Klebstoff. Gelöst in Ethanol, was eine spätere Abnahme der Klebungen auch dann noch möglich macht, wenn das Leder wasserempfindlich geworden ist. So konnte die Restauratorin, mit fachlicher Hilfe von Kollegen sowie Erkenntnissen aus früheren Restaurierungsmaßnahmen eigene Schlüsse ziehen und für den stark beschädigten Eames-Chair die bestmögliche restauratorische Lösung finden.

Der gesamte Artikel über Möbel mit Fellbezug und deren Restaurierung ist in Heft 2/2018 der Beiträge zur Erhaltung von Kunst- und Kulturgut nachzulesen (S. 16ff). Für VDR-Mitglieder kostenlos im Downloadbereich des internen Mitgliederbereiches zu finden oder im VDR-Shop.

Wir danken Leonie Samland für die Bereitstellung der Fotos.
Text: Gudrun von Schoenebeck