Faszination Restaurierung im Neuen Museum Berlin

Ab Anfang November können Besucher:innen das Neue Museum Berlin aus einem ganz besonderen Blickwinkel erkunden. Eine frisch gestaltete Publikation entführt dann in die faszinierende Welt der Restaurierung. Mit der Broschüre können sich die Besucher:innen auf einen Rundgang durch die zweite Ebene des Museums begeben. Anhand ausgewählter Exponate und Architekturelemente erfahren sie Grundlegendes über die vielfältige Arbeit der Restaurator:innen.

Ab Anfang November können Besucher:innen das Neue Museum Berlin aus einem ganz besonderen Blickwinkel erkunden. Eine frisch gestaltete Publikation entführt dann in die faszinierende Welt der Restaurierung.

Mit der Broschüre können sich die Besucher:innen auf einen Rundgang durch die zweite Ebene des Museums begeben. Anhand ausgewählter Exponate und Architekturelemente erfahren sie Grundlegendes über die vielfältige Arbeit der Restaurator:innen.

An den Wänden und Decken rücken die Autorinnen unterschiedlichen Formen von Retuschen in den Fokus des Interesses. Im Nobidensaal erläutern sie, welche Rolle die präventive Konservierung spielt. Denn dort sind lichtempfindliche Papyri ausgestellt, die durch vorbeugende Maßnahmen vor Schäden bewahrt werden müssen. Im Bachussaal gilt das Interesse der Autorinnen den Fensterpilastern. Bei diesen entschied man sich dazu, die Spuren der Zerstörungen, die das Museum im und nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr, sichtbar zu lassen. Die Pilaster wurden folglich lediglich gefestigt; Fehlstellen blieben sichtbar. Einen Raum weiter, im Römischen Saal, fällt der Blick nach unten auf das Bodenmosaik. Seine Herstellung, die Methoden der Restaurierung, die Ergänzung und Rekonstruktion werden erklärt. Im Modernen Saal stehen unter anderem eine Glaskaraffe, eine tauschierte eiserne Gürtelschnalle und archäologische Holzobjekte im Mittelpunkt des Interesses. Als architektonisches Dekorationselement rückt ein Wandgemälde in den Vordergrund, welches zum Schutz vor Beschädigungen einst abgenommen und durch die Restaurator:innen wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückgeführt wurde.

Autorinnen der Broschüre sind Gesina Amrhein, Henriette Henning, Saskia Höltken und Nina Meinhold, die das Projekt im Masterstudiengang Schutz Europäischer Kulturgüter an der Europa-Universität Viadrina umsetzten. Die Gestaltung und der Druck wurden von der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius großzügig unterstützt. Die Staatlichen Museen Berlin und der Verband der Restauratoren sind Kooperationspartner.

Die Broschüre ist auf Deutsch und auf Englisch erstellt und in einer Stückzahl von je 5.000 aufgelegt worden. Sie ist zudem in Kürze langfristig in digitaler Form beim VDR abrufbar.

Enthalten ist auch ein Grußwort von VDR-Präsident Sven Taubert, das wir hier in seiner langen, ungekürzten Fassung wiedergeben:

Cover der Broschüre Unsichtbar, die Besucher künftig durch das Neue Museum begleitet.
Cover der Broschüre Unsichtbar, die Besucher künftig durch das Neue Museum begleitet.

VDR-Grußwort zur Broschüre:

Seit der Wiedereröffnung am 16. Oktober 2009 präsentieren das Ägyptische Museum, das Museum für Vor- und Frühgeschichte und die Antikensammlung ihre Bestände im Neuen Museum. Es wurde von Friedrich August Stüler zwischen 1841 und 1855 errichtet. Im 2. Weltkrieg erfuhr es starke Beschädigungen. Das gesamte Haupttreppenhaus brannte aus, große Teile des imposanten Baus wurden nahezu vollständig zerstört.

Die schwer überschaubare Aufgabe des Wiederaufbaus war nach dem Krieg nicht sofort im Blick der Entscheidungsträger. So initiierte die DDR-Verwaltung erst in den 1980er Jahren bauliche und restauratorische Sicherungsleistungen an der Kriegsruine des Neuen Museums. Erst mit der politischen Wende 1989 und der Übernahme der Verantwortung für die historischen Museums- und Bibliotheksgebäude im ehemaligen Ostteil Berlins durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wuchs Hoffnung zu Gewißheit: Der Wiederaufbau als Museum ward beschlossene Sache und die Frage nach dem „ob?“ somit beantwortet. Der Masterplan des Büros David Chipperfield Architects skizzierte den Weg zum „wie?“. Als ich seinerzeit die Masterplan-Ausstellung besuchte, konnte ich eine ganze Reihe interessanter architektonischer Gestaltungsansätze zum Umgang mit Substanzverlust und Versehrtheit erkennen, die uns Restauratoren bei unserer Arbeit alltäglich herausfordern. Sie waren mir mehr als sympathisch, die Variantendiskussionen für einen subtilen Umgang mit geschädigten Oberflächen und Konstruktionen. Digitale Visualisierungen gaben einen ersten Eindruck von der zukünftig intendierten Raumwirkung, die diese restauratorisch behandelten Bauteile erzeugen sollten. Geschichtlichkeit und Authentizität auf der einen Seite, zeitgemäße moderne Formsprache auf der anderen waren miteinander zu verzahnen. Nun stellte sich für mich die Frage nach dem „wer?“: Wer wird die sehr komplex zu nennende Aufgabenstellung mit Geschicklichkeit und Wissen um Materialien und Techniken umsetzen?

Das Neue Museum wurde zu einem Ort, an dem nahezu 250 Restauratorinnen und Restauratoren sechs Jahre lang intensiv geplant, konzipiert konserviert und restauriert haben bis 2009 das Haus 150 Jahre nach seiner Fertigstellung zum zweiten Mal eröffnet werden konnte. Ich bin froh darüber und sehr stolz auf das von meinen Kolleginnen und Kollegen Erreichte. Eine der schönsten angewandten Wissenschaften – die Restaurierung – hat dazu beigetragen nicht nur die ausgestellten Kunstobjekte allein, sondern darüber hinaus auch die Raumschale selbst von sich und ihrem Schicksal „erzählen“ zu lassen. Der Besucher und aufmerksame Betrachter der Innenraumarchitektur wird an Fußböden, Wänden, Decken, Bogenträgern, Säulen und Pilastern zahlreiche Details entdecken können, die Einblicke in das MAKING-OF geben – gleichzeitig vermag er auch die zerstörerische Energie von Granatsplittern, Bombendetonationen, langjähriger Verwitterung und Bauvernachlässigung zu spüren …

Der Bau erklärt sich selbst und sein Schicksal, das eine gute Wendung genommen hat – spätestens, seit er 1999 zum UNESCO-Welterbe erklärt worden ist und mit diesem Status auch eine Würdigung der komplexen restauratorischen Fachleistung abgeleitet werden kann.

Ich freue mich darüber, dass diese Ausstellung in Berlin an prominenter Stelle zustande gekommen ist. Das Neue Museum vereint ein breites Spektrum an Bauteilen, das gleichsam eine große Materialvielfalt beschreibt, mit deren Bearbeitung sich Restauratorinnen und Restauratoren differenziert auseinanderzusetzen hatten. Die VDR-Tagung von 2010 „Konservierung, Restaurierung und Ergänzung im Neuen Museum Berlin – Zwischen ursprünglichen Intentionen und neuen Entwürfen“ und die zugehörige Publikation thematisierten und publizierten diese spannungsgeladene Auseinandersetzung.

Ich danke den Studierenden des Masterstudienganges für Denkmalpflege an der Frankfurter Viadrina im Namen des VDR sehr herzlich dafür, dass sie die in exemplarisch ausgewählten Sälen gewonnenen (Er-) Kenntnisse und Beobachtungen zur Konservierung/ Restaurierung, Retusche und Rekonstruktion publiziert und in gut verständlicher Form für die Öffentlichkeit aufbereitet haben.

Es freut mich zudem, dass die Veröffentlichung dieser Publikation in ein für den VDR besonderes Jahr fällt: Der Verband der Restauratoren Deutschlands feiert in diesem Jahr sein 20jähriges Bestehen! Der Rückblick auf Geleistetes tut gut und ist wichtig zur Orientierung auf Kommendes. Möge die Broschüre den Kunst- und Architekturinteressierten ein hilfreicher Begleiter beim genußvollen Gang durch die Ausstellung sein.

Sven Taubert
VDR-Präsident