Freiberuflichkeit und Professionalisierung der Restauratoren

Das Berufsbild des Restaurators Das Berufsbild des Restaurators hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Stand früher nur zeitlich punktuell die praktische Schadensverhütung und die Wiederherstellung von Kunst- und Kulturgütern im Vordergrund, so ist der „neue“ Restaurator eine hoch qualifizierte Person, die ein Kulturobjekt vom Anfang bis zum Schluss, von der Voruntersuchung, Analyse und Konzeptentwicklung bis zur […]

Das Berufsbild des Restaurators

Das Berufsbild des Restaurators hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Stand früher nur zeitlich punktuell die praktische Schadensverhütung und die Wiederherstellung von Kunst- und Kulturgütern im Vordergrund, so ist der „neue“ Restaurator eine hoch qualifizierte Person, die ein Kulturobjekt vom Anfang bis zum Schluss, von der Voruntersuchung, Analyse und Konzeptentwicklung bis zur Dokumentation und weiterführenden Betreuung begleitet. Die Anforderungen an Restauratoren sind stark gestiegen, vor allem im wissenschaftlich fundierten Bereich.

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Abbildung 1: Berufsbild des Restaurators: „Neuer Restaurator“: hochqualifizierte Person, die ein Kulturobjekt vom Anfang bis zum Schluss, von der Analyse und Konzeptentwicklung bis zur Dokumentation und weiterführenden Betreuung begleitet. Die Anforderungen an Restauratoren sind stark gestiegen, vor allem im wissenschaftlich fundierten Bereich. (Bild: Ulrich Schießl, Naumburg Kolleg)

Das INSTITUT FÜR FREIE BERUFE hatte im Jahre 1999 im Auftrag des DEUTSCHEN VERBANDES FREIBERUFLICHER RESTAURATOREN ein Gutachten zur Freiberuflichkeit von Restauratoren((Der besseren Lesbarkeit wegen wird im Folgenden meist die männliche Form der Berufsbezeichnung verwendet. Es sind jedoch immer Restauratorinnen und Restauratoren gleichermaßen gemeint. Der Verfasser bittet um Verständnis.)) erstellt. Berufssoziologisch wurde der Begriff „Freier Beruf“ expliziert sowie vom Gewerbe abgegrenzt und das Berufsbild „Freiberuflicher Restaurator“ ausführlich dargestellt. Der berufssoziologischen Darstellung kam deshalb eine so große Bedeutung zu, weil das Bundesverfassungsgericht die Bestimmung der Freien Berufe von der Überprüfung berufssoziologischer Merkmale abhängig gemacht hat.

Rund ein Jahrzehnt später wurde das Gutachten von 1999 aktualisiert. Auftraggeber war nunmehr der VERBAND DER RESTAURATOREN e. V. als Vertreter des gesamten freiberuflichen Berufsstands in Deutschland. Wie die Vorgängerfassung besteht dieses Gutachten aus zwei Teilen, einem berufssoziologischen und einem rechtswissenschaftlichen Teil. Die vorliegende Darstellung beschränkt sich auf den ersten Abschnitt.

Einführung: Aufgaben

Restauratoren konservieren und restaurieren Kunst- und Kulturgüter. Sie erhalten, bewahren und pflegen die ihnen anvertrauten Objekte. Restauratoren sind in den verschiedensten Fachrichtungen tätig und arbeiten mit Gemälden, Skulpturen, Büchern, Ausgrabungsobjekten, Möbeln, Musikinstrumenten, Schmuck, historischen Bauten, historischem Film- und Fotomaterial. Ihre Aufgabe ist es, wertvolle Antiquitäten, Kunstgegenstände oder Kulturgüter in ihrer historischen oder künstlerischen Bedeutung ganzheitlich zu erfassen und fachgerechte Arbeitsabläufe zu planen und auszuführen, die eine schonende Restaurierung, Konservierung und weitgehende Substanzerhaltung gewährleisten. Die einzelnen Arbeitsschritte der Restaurierung werden sorgfältig dokumentiert.((http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/start?dest=profession&prof-id=59582 (09.12.2009).)) Zu den Aufgaben gehören auch die Präventive Konservierung mit der Kontrolle der Umfeldbedingungen von Kunst- und Kulturgütern, der Betreuung des Leihverkehrs zwischen Ausstellungshäusern oder die regelmäßige Wartung von Sammlungen.((uni-Magazin 4 (2004), hrsg. v. Bundesagentur für Arbeit, S. 11.)) Soweit es sich um unersetzliche Kunstgegenstände oder Objekte von besonderem historischem Wert handelt, kommt den Restauratoren eine sehr hohe Verantwortung zu. Restauratoren wenden zur technologischen Erforschung der Restaurierungsobjekte wissenschaftliche Methoden an und arbeiten eng mit Naturwissenschaftlern, Denkmalpflegern, Kunsthistorikern und weiteren Experten zusammen. Die internationale Berufsbezeichnung „conservator-restorer“ stellt dabei einen Kompromiss zwischen dem angelsächsischen „conservator“ und dem kontinentaleuropäischen „restaurateur, restauratore, Restaurator“ dar (vgl. SCHIEß L 1999: 7)

KLEMM (2008) beschreibt die Anforderungen an Restauratoren:
„Fast alle Arbeiten erfordern ein hohes Maß an Durchhaltevermögen und Geduld. Daneben stellen geistige Beweglichkeit, künstlerische Begabung und Respekt vor Kunst- und Kulturgut ebenso wichtige Eigenschaften eines Restaurators dar wie manuelle Fähigkeiten und technischer Verstand. Bei der praktischen Arbeit müssen eigene kreative Impulse den Anforderungen des Kulturguts untergeordnet werden. Für restauratorische Tätigkeiten ist häufig eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Hilfswissenschaften notwendig, deshalb ist eine umfassende geistes- und naturwissenschaftliche sowie technisch-künstlerische Ausbildung erforderlich. Der Restaurator benötigt die Fähigkeit, komplexe Fragen und Erkenntnisse zu formulieren und seine ethischen Berufsrichtlinien vor Auftraggebern durchsetzen zu können.“((Restauratoren-Taschenbuch 2008/2009, hrsg. v. Friederike Klemm, München 2008, S. 15.))

Zur Entwicklung des Berufs

„Konservierung-Restaurierung soll definiert werden als jedwede Aktivität, sei sie direkt oder indirekt, die ein Objekt oder ein Denkmal betrifft, um dessen materielle Unversehrtheit zu erhalten und die Achtung seiner kulturellen, historischen, ästhetischen oder künstlerischen Bedeutung zu gewährleisten.“((Acteurs du Patrimoine Européen et Législation (APEL), Survey of the legal and professional responsibilities of the Conservator-Restorers as regard the other parties involved in the preservation and conservation of cultural heritage. Rom (Italien)2001, Rocografica, S. 260.))

Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein war es gängige Restaurierungspraxis, Kunst- und Kulturgüter sowie historische Bauten wiederherzustellen und in den ursprünglichen „Originalzustand zurückzuversetzen“. Baudenkmäler wurden „idealtypisch“ ergänzt, korrigiert und rekonstruiert.

Im 20. Jahrhundert wurde Restaurierung sukzessive auch als „Konservierung“ verstanden. Konservierung hatte dabei das Ziel, Material, Struktur und Erscheinungsbild des Kulturguts unverändert zu bewahren. „Präventive Konservierung“ bedeutet, dass der Verfall eines Objekts aufgehalten werden soll. Restaurierung dagegen beinhaltet auch Eingriffe in die Integrität des Kunst- und Kulturguts, um die kulturhistorische beziehungsweise künstlerische Aussage wieder sichtbar oder „lesbar“ zu machen.((Janis, Katrin, Restaurierungsethik im Kontext von Wissenschaft und Praxis, München 2005, S. 149.))

Bereits zu Beginn der 1980er Jahre des vorigen Jahrhunderts ergab sich zunehmend die Notwendigkeit einer Präzisierung des Berufsbilds: Nur ein speziell qualifizierter und gut ausgebildeter Restaurator war überhaupt
noch in der Lage, hochkomplexe Restaurierungsaufgaben zu erfassen und angemessen zu bewältigen. Die gestiegenen Anforderungen bewirkten eine Verlagerung des Tätigkeitsschwerpunkts weg vom praktischen Eingriff am Objekt hin zur Forschung und Dokumentation. Aufgrund seiner umfangreichen und vor allem breit gefächerten Kenntnisse in Kunstgeschichte und Kunsttechnologie sowie seiner geistigen, materiellen und künstlerischen Sensibilität ist er nicht mehr nur derjenige, der eine Restaurierung ausführt. Vielmehr sichtet er Kunst- und Kulturgut, beurteilt diese in der Vielschichtigkeit ihrer gesamten phänomenologischen Existenz und entscheidet über sie eigenverantwortlich und weisungsunabhängig aufgrund seiner umfangreichen Kenntnisse auf den Gebieten Kunstgeschichte, Kunsttechnologie und Technikgeschichte.

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Heute ist aus dem einst handwerklich-künstlerisch orientierten Berufsstand eine wissenschaftliche Disziplin geworden, für die sich in den letzten 25 Jahren eine geregelte Hochschulausbildung entwickelt hat. Das Studium umfasst geistes- und naturwissenschaftliche, restauratorische und künstlerische Elemente, was eine entsprechende Fächervielfalt erfordert: von Chemie und Biologie über Kunstgeschichte und Archäologie, von Werkstoffkunde und Methodik bis zu Restaurierung und Konservierung in Theorie und Praxis. Die immer stärker werdende Einbeziehung der Naturwissenschaften und die damit einhergehende Entwicklung neuer Methoden verändert die Arbeit der Restauratoren, sie müssen mit vielen anderen Fachleuten zusammen arbeiten und sich international austauschen.((http://www.restauratoren.de/index.php?id=62 (09.12.2009).)) Zudem gehört mehr und mehr der Umgang mit modernen Analysegeräten zum Berufsalltag, was ein „enormes technologisches Wissen“ verlangt, so Bodo Buczynski, Chefrestaurator des Berliner Bodemuseums.((http://www.welt.de/print-welt/article704274/Wettlauf_gegen_den_Verfall.html (10.12.2009).)) Der Restaurator übernimmt die Verantwortung, „historische Werte zu überliefern und Einfluss auf ihre Bewertung durch zukünftige Generationen zu nehmen.“((Hoffmeister-zur Nedden, Angelica, Restaurierung und Wissenschaft: Versuch einer Standortbestimmung, Fachhochschule
Köln: Fachbereich Restaurierung und Konservierung von Kunst- und Kulturgut, Köln 2002, S. 50.)) Der Restaurator ist zum Expertenberuf geworden – ein Beruf auf dem Wege der Professionalisierung.

Professionalisierungsprozess der Restauratoren

„Den Prozess, in dem ein Beruf zu einer Profession wird, nennt man Professionalisierung“.((Gildemeister, Regine, in: Professionalisierung. Wörterbuch Soziale Arbeit. Aufgaben, Praxisfelder, Begriffe und Methoden
der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, hrsg. v.Dieter Kreft und Ingrid Mielenz, Weinheim und Basel 1996, S. 443.)) Er ist in modernen Gesellschaften häufig mit einer zunehmenden Verwissenschaftlichung und Akademisierung sowie den Aspekten der Systematisierung und Fortentwicklung des Fachwissens, der Einrichtung von Ausbildungswegen, der Einführung von Prüfungen als Zugangskontrolle zur Berufsausübung, der Herausbildung berufsspezifischer Werte und Verhaltensstandards sowie der Organisation in einem Berufsverband verbunden.((Hillmann, Karl-Heinz, Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1994, S. 693f.)) VOGES spricht in diesem Zusammenhang auch von der Etablierung eines „Expertenberufes“.((Voges (2002): Pflege alter Menschen als Beruf. Soziologie eines Tätigkeitsfeldes. S. 138.))

Der Ansatz der Professionalisierung ermöglicht eine differenzierte und zugleich umfangreiche Analyse des Stands der Entwicklung von (Freien) Berufen. In diesem Zusammenhang ist es vor allem auch möglich, vergleichende Untersuchungen zwischen einzelnen Freien Berufen vorzunehmen. Beginnen wir mit den Professionen und deren Entwicklung. Kennzeichen von Professionen sind:((Voges (2002): S. 138.))

  • eine (möglichst akademische) Ausbildung,
  • die Zertifizierung von Fort- und Weiterbildung,
  • die selektive Zulassung zum Beruf, z.B. durch eine Bestellung oder die Vergabe eines Mandates,
  • ein daraus herzuleitendes Definitions- und Behandlungsmonopol,
  • die Anerkennung berufsethischer Normen,
  • der Bezug der beruflichen Tätigkeit auf zentrale gesellschaftliche Werte, wie z.B. die Menschenwürde
    oder das Gemeinwohl,
  • die zentrale Rolle eines Berufsverbandes für die Selbstverwaltung, Nachwuchsrekrutierung und Disziplinargewalt,
    basierend auf einer Berufsgerichtsbarkeit und
  • privilegierte Erwerbschancen aufgrund des monopolisierten Zuständigkeitsbereiches.

Das folgende Schaubild zeigt wichtige Schritte der Entwicklung einer spezifischen Berufsethik für Restauratoren:

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Die Berufsethik ist auch deshalb besonders wichtig, weil im Zuge ihrer Professionalisierung Berufsgruppen versuchen, einen möglichst großen Teil von Fremdkontrolle durch Eigenkontrolle der Berufs- beziehungsweise Professionsangehörigen zu ersetzen. Ein wichtiger Aspekt von Professionalisierung ist dabei die Sicherung der „… Kontrolle über den Berufszugang durch die Einrichtung von speziellen (akademischen) Ausbildungsgängen und durch die Herausbildung berufsständischer Normen (Berufsethik)“.((Gildemeister, Regine, in: Professionalisierung. Wörterbuch Soziale Arbeit. Aufgaben, Praxisfelder, Begriffe und Methoden
der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, hrsg. v. Dieter Kreft und Ingrid Mielenz, Weinheim und Basel 1996, S. 443.)) Insofern wäre eine Akademisierung der Weiterbildung sowohl zielführend für eine breit angelegte Höherqualifikation der Berufsangehörigen als auch ein bedeutender Teilaspekt der Professionalisierung des Berufsstands. Letztlich ist es die Aufgabe der Berufsverbände (Arbeitsangebotsseite), entsprechende fachliche und ethische Standards zu entwickeln, durchzusetzen und zu überwachen. Vom Gesetzgeber sind derartige Aktivitäten – etwa über Verkammerungen – kaum zu erwarten.

Professionalisierung der Verbandstätigkeit

Anforderungen an einen professionalisierten Verband

Wie sich aus vorausgegangenen Überlegungen ergibt, gehören zu dem institutionalisierten Beruf eines Restaurators mindestens:

  • eine entsprechende Ausbildung, die durch eine (Abschluss-)Prüfung zertifiziert wird sowie
  • ein aussagefähiges und von relevanten Akteuren im Prozess der Berufskonstitution geteiltes Berufsbild, das
  • einen Zusammenhang herstellt zwischen den anzueignenden Arbeitsfähigkeiten und deren künftigen Einsatz als Arbeitstätigkeiten,
  • die Interessen der Berufsinhaber bei der Berufszuschneidung und dem Abstecken der Erwerbschancen durchsetzen hilft,
  • die Marktgängigkeit des Berufs Restaurator unterstreicht und
  • die öffentliche Wahrnehmung so beeinflusst, dass den Berufsinhabern ein möglichst hohes Sozialprestige zuerkannt wird.

Auch unter verbandspolitischen Gesichtspunkten gilt es dafür zu sorgen, dass die Arbeitskraft von Restauratoren so strukturiert wird, dass sie möglichst allgemein auf dem Markt nachgefragt wird. Ein klar umrissenes Fähigkeitsprofil erhöht den Tauschwert der eigenen beruflichen Tätigkeit und den Gebrauchswert für die Nachfrager. Als Vorteile der Etablierung eines Berufs sind vor allem zu sehen:

  • ein effektiver, konstruktiver und nachhaltiger Beitrag zur Optimierung der Dienstleistung,
  • die Vermeidung einer nicht zu beeinflussenden oder krisenhaften Entwicklung zugunsten einer konstruktiven Beeinflussung der Entwicklung des Berufs,
  • die Förderung der Zusammenführung von Dienstleistungserbringern zu einer homogenen Berufsgruppe,
  • die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Verbesserung der beruflichen Tätigkeit,
  • eine Verbesserung des Selbstverständnisses, des Eigen- und Fremdbildes des Berufs,
  • die Stärkung der Rolle des Berufsverbandes für die öffentliche Diskussion.

Insgesamt sind zu empfehlen:

  • Verpflichtung zur Fort- und Weiterbildung,
  • Entwicklung von Standards der Restaurierung,
  • Selbstevaluation,
  • Entwicklung von Richtlinien zur Durchführung der Dienstleistung,
  • Mitwirkung in regionalen Netzwerken,
  • Verabschiedung einer Berufsordnung und eines Ethikcodes auf nationaler Ebene sowie
  • Ausbau des Berufsregisters sowie
  • „VDR“ als Prädikat beziehungsweise als Marke.

Eine kurze Übersicht zum Stand der Professionalisierung in der Restaurierung des Jahres 2011 gibt die folgende Darstellung:

Restaurator: Professionalisierung

Ausbildung/Aufnahmevoraussetzung für eine ordentliche Mitgliedschaft im VDR
  • Hochschulabschluss Konservierung/Restaurierung (Diplom/Master)
  • Bachelorabschluss + 4 Jahre assoziierte Mitgliedschaft + Weiterbildungen
  • Sonstiger Studienabschluss + langjährige Berufserfahruung + besondere Leistungen
Pflicht-Fortbildung —–
Gesetzliche Regelungen
  • 1999: Restaurorengesetz Mecklenburg-Vorpommern
  • 2011: Restauratorengesetz Sachsen-Anhalt
Berufsordnung E.C.C.O.: Professional Guidelines I – The Profession
Berufsregister VDR-Berufsregister
Leitbild Leitbild des VDR
Schlichtungsstelle VDR: Schlichtungsausschuss laut Satzung § 17 Abs. 3
Qualitätssicherung Aufgabe des Verbandes: „Restaurator VDR“ als Prädikat
–> kontinuierliche Zertifizierung?
Sonstiges z.B. Schwarzbuch

Zur berufssoziologischen und steuerlichen Freiberuflichkeit von Restauratoren

Definition Freie Berufe

Nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts bestimmt sich aus der Bezeichnung „Freier Beruf“ kein eindeutiger Rechtsbegriff, sondern vielmehr ein (berufs-)soziologischer Terminus, das heißt ein nicht klar abgrenzbarer Begriff, worunter nach aktuellen Gegebenheiten und Tatbestandsmerkmalen individuell subsumiert werden muss.

Auf der Grundlage der berufssoziologischen Definition der Freiberuflichkeit wird in §18 Abs.1 des Einkommensteuergesetzes die steuerrechtliche Eingrenzung vorgenommen. In diesem Gesetzeswerk wird eine
Differenzierung in Katalogberufe, den Katalogberufen ähnliche Berufe und Tätigkeitsberufe vorgenommen. Die Katalogberufe sind eine Aufzählung eindeutig den Freien Berufen zuzuordnender Berufe. In Ergänzung hierzu werden die ähnlichen Berufe durch die Rechtsprechung definiert und unterliegen urteilsbedingten Anforderungen und Veränderungen, die in vielen Fällen eine Einzelfallprüfung unabdingbar machen. Ein ähnlicher Beruf kann dann zu den Freien Berufen zählen, wenn er in wesentlichen Punkten der Ausbildung und dem Berufsbild seines Katalogberufspendants entspricht, wobei die letztendliche Entscheidung den zuständigen Finanzbehörden beziehungsweise -gerichten obliegt. Die Tätigkeitsberufe beziehen sich auf selbstständig ausgeübte wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende sowie erzieherische Tätigkeiten. Die Abbildung auf der folgenden Seite verdeutlicht die beschriebene Einteilung und Klassifizierung.
Im §1 Abs.2 des Partnerschaftsgesellschaftsgesetzes erfahren die Katalogberufe eine rechtliche Bestätigung und Erweiterung. Seit Juli 1998 enthält §1 Abs.2 S.1 Partnerschaftsgesellschaftsgesetz die folgende Legaldefinition
der Freien Berufe: „Die Freien Berufe haben im allgemeinen auf der Grundlage besonderer beruflicher Qualifikation oder schöpferischer Begabung die persönliche, eigenverantwortliche und fachlich unabhängige Erbringung von Dienstleistungen höherer Art im Interesse der Auftraggeber und der Allgemeinheit zum Inhalt.“
Die Richtlinie zur gegenseitigen Anerkennung von Berufsqualifikationen liefert erstmalig eine Legaldefinition des Freien Berufs auf europäischer Ebene:

„Diese Richtlinie betrifft auch freie Berufe soweit sie reglementiert sind, die gemäß den Bestimmungen dieser Richtlinie auf der Grundlage einschlägiger Berufsqualifikationen persönlich, in verantwortungsbewusster Weise und fachlich unabhängig von Personen ausgeübt werden, die für ihre Kunden und die Allgemeinheit geistige und planerische Dienstleistungen erbringen. Die Ausübung der Berufe unterliegt möglicherweise in den Mitgliedstaaten in Übereinstimmung mit dem Vertrag spezifischen gesetzlichen Beschränkungen nach Maßgabe des innerstaatlichen Rechts und des in diesem Rahmen von der jeweiligen Berufsvertretung autonom gesetzten Rechts, das die Professionalität, die Dienstleistungsqualität und die Vertraulichkeit der Beziehungen zu den Kunden gewährleistet und fortentwickelt.“((http://eur-lex.europa.eu/smartapi/cgi/sga_docsmartapi!celexplus!prod!DocNumber&lg=de&type_doc=Directive&an_doc= 2005 &nu_doc=36, Grund 43 (19.02.2007).))

Der Freie Beruf des Restaurators – rechtliche und berufssoziologische Bedingungen Für den Berufsstand der Restauratoren in seiner Gesamtheit hat das INSTITUT FÜR FREIE BERUFE Untersuchungen zur Frage der Zugehörigkeit zu den Freien Berufen nach allgemeinen Merkmalen durchgeführt. Im Zusammenhang mit der generellen Beurteilung ist vorauszusetzen, dass eine Vielzahl der Berufsangehörigen in der Regel die bestehenden Anforderungen erfüllt. Die Existenz von Einzelfällen, in denen die geforderten Kriterien nicht beziehungsweise nicht vollständig erfüllt werden, steht einer grundsätzlichen Zuordnung des gesamten Berufsstands zu den Freien Berufen nicht entgegen.((Taupitz, Jochen, Die Standesordnungen der Freien Berufe. Geschichtliche Entwicklungen, Funktionen, Stellung im
Rechtssystem, Berlin und New York 1991, S. 36f.))

In der Beurteilung der Freiberuflichkeit von Restauratoren wird vielfach sowohl Bezug auf die Tätigkeits- und gleichzeitig auf die Analogberufe genommen. Diese Vorgehensweise ist nicht nur fragwürdig, sie ist darüber hinaus mit besonderen Anforderungen verbunden, denen andere Berufsstände nicht gleichermaßen ausgesetzt sind. In der definitorischen Nähe der Ähnlichkeit zur Identität wird in der rechtswissenschaftlichen Literatur eine Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes gesehen.((Giloy, Jörg, Die Steuern des Künstlers, (Dritte, neu bearbeitete Auflage) Heidelberg 1998, S. 13.)) Prinzipiell hat sich die Vergleichbarkeit zwischen Katalog- und Referenzberufen sowohl auf die Berufsbildung und die berufliche Tätigkeit zu erstrecken.((BFH 9.7.1972, BStBI. 1993 II, S. 100.)) Die einem Studienabschluss gleichwertige Qualifikation wird ausnahmsweise als möglich und zugleich nachweisbar angesehen. Somit wäre auch bei Restauratoren vor allem auf die tatsächlich ausgeübte Tätigkeit und nicht auf formale Qualifikationen abzustellen. Die Frage der Entsprechung von vergleichbaren Berufen und Katalogberufen auf der Grundlage von Gegenüberstellungen einzelner Berufe (spezielle Ähnlichkeit) oder mehrerer Katalogberufe (Gruppenähnlichkeit) ist weiterhin umstritten.((Schick, Walter, Die freien Berufe im Steuerrecht, Köln 1973, S. 41.))

Es wird deutlich, dass verschiedene Bezüge zur Freiberuflichkeit vorliegen. Diese können schriftstellerischer, wissenschaftlicher oder künstlerischer Natur sein. Die jeweiligen Anforderungen sind im Folgenden dargestellt.
Es zeigt sich, dass Restauratoren gemäß der aus der Rechtsprechung abzuleitenden Anforderungen nur in Ausnahmefällen (teilweise) schriftstellerisch tätig sind. Gleiches gilt für die wissenschaftliche Aufgabenerbringung
nach den hier festgelegten Maßstäben. Somit liegt der Fokus auf der künstlerischen Tätigkeit.

Neben der eher theoretisch möglichen schriftstellerischen Tätigkeit des Restaurators ist vor allem die wissenschaftliche Leistungserbringung zu berücksichtigen. In der Restaurierungsarbeit nehmen die Naturwissenschaften
mit der Entwicklung neuer Restaurierungstechniken, Methoden und Materialien fortschreitend mehr Raum ein. So formuliert BURMESTER als Ziel für eine „Präventive Konservierung“: „Es wäre für die Zukunft wünschenswert, wenn die Präventive Konservierung in der Hand hierfür ausgebildeter Restauratoren läge. Die Komplexität der Thematik setzt eine akademische Ausbildung voraus. Eine solide Kenntnis aller Materialien und ein weit über die Grundkenntnisse hinausgehendes naturwissenschaftliches Wissen sind unverzichtbare Voraussetzungen für das Verständnis von Schadensbildern, -prozessen und -ursachen. Besonders im Hinblick auf die Risikoanalyse gehören hierzu auch sichere mathematische und statistische Kenntnisse.“((Burmester, Andreas, Was ist Präventive Konservierung. Eine Einführung. in: Restauratorentaschenbuch, hrsg. v. Ulrike Besch, München 2002, S. 76–80.)) Von anderer Seite wird festgestellt: „Die wissenschaftliche Untersuchung des zu bearbeitenden Objektes ist eine wesentliche Vorarbeit innerhalb der restauratorischen Gesamttätigkeit. Dabei dient die Untersuchung in erster Linie dazu, die Notwendigkeit des Eingriffes zu begründen und den Urzustand des zu restaurierenden Objektes zu dokumentieren. Sie macht damit zwar in der Regel nicht den Hauptteil der restauratorischen Tätigkeit aus, weshalb nicht insgesamt von einer wissenschaftlichen Tätigkeit gesprochen werden kann. Die wissenschaftliche Untersuchung ist jedoch im gesamten Restaurierungskonzept unerläßlich und stellt damit auch eine wichtige Abgrenzung zum Handwerk dar.“((Stehle, Hollaender & Partner, Gutachten über die gewerbesteuerliche Beurteilung der Tätigkeit eines freien Restaurators, Stuttgart 1998, S. 14f.))

Allerdings stellt die Rechtsprechung fest: „Die Tätigkeit eines an einer Hochschule ausgebildeten Restaurators kann wissenschaftlich i. S. von § 18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 EStG sein, soweit sie sich auf die Erstellung
von Gutachten und Veröffentlichungen beschränkt. […]

Nach den rechtlichen Gegebenheiten muss sich insbesondere die einkommensteuerliche Beurteilung der Freiberuflichkeit von Restauratoren auf die künstlerische Tätigkeit der Berufsangehörigen konzentrieren.

Künstlerische Tätigkeit des Restaurators

Die Finanzgerichte und der Bundesfinanzhof haben sich wiederholt mit der Frage beschäftigt, ob ein Restaurator künstlerisch und damit freiberuflich oder gewerblich tätig ist. Der Bundesfinanzhof hat entschieden: „1. NV: Die künstlerische Betätigung eines Restaurators setzt voraus, dass der Gegenstand, mit dem er sich befasst, seinerseits ein Kunstwerk darstellt. Die Restaurierung eines – möglicherweise historisch bedeutsamen Gebrauchsgegenstandes führt nicht zu einer künstlerischen Tätigkeit. 2. NV: Auch wenn es sich bei dem restaurierten Gegenstand um ein Kunstwerk handelt, ist der Restaurator nicht künstlerisch tätig, soweit
sich seine Arbeit auf Bereiche wie etwa die Festigung, die Sicherung von Bausubstanz oder die Reinigung von Bildern beschränkt.“((BFH-Urteil vom 26.04.2006 (XI R 9/05) vgl. auch BFH-Urteil vom 4.11.2004 (IV R 63/02) BStBl. 2005 II, S. 362.))

Damit ein Restaurator künstlerisch und damit freiberuflich und nicht gewerblich tätig ist, müssen zwei Anforderungen gleichzeitig erfüllt sein: der Gegenstand muss ein Kunstwerk sein, und die Tätigkeit des Restaurators
selbst muss künstlerisch sein. „Die Tätigkeit eines Restaurators ist dann künstlerisch i. S. von §18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 EStG, wenn sie ein Kunstwerk betrifft, dessen Beschädigung ein solches Ausmaß aufweist, dass seine Wiederherstellung eine eigenschöpferische Leistung des Restaurators erfordert.“((BFH-Urteil vom 04.11.2004 (IV R 63/02) BStBl. 2005 II, S. 362.))

Als Analogie lässt sich ein Urteil des Bundesfinanzhofes zur Tätigkeit eines Kunsthandwerkers anführen: „Stellt ein Kunsthandwerker von ihm entworfene Gebrauchsgegenstände (Beleuchtungskörper) in grundsätzlich
nicht wieder vorkommenden Einzelstücken selbst her, so ist die Tätigkeit als künstlerische zu werten, wenn das Wesen der künstlerischen Gestaltung gerade in der Art der Ausführung der Ideen liegt und der Kunstwert den Gebrauchswert erheblich übersteigt.“((BFH-Urteil vom 26.09.1968 (IV 43/64) BStBl. II 1969, S. 70.))

Im Rahmen der steuerrechtlichen Beurteilung werden vor allem folgende Gesichtspunkte berücksichtigt:

Schöpferische Gestaltungsmöglichkeit und individuelle Handschrift

Die zentrale Frage lautet hier: Sind schöpferische Gestaltungsmöglichkeiten gegeben und werden diese auch genutzt? Der Restaurator muss immer eigene Vorstellungen zur endgültigen Gestaltung des zu restaurierenden
Werks entwickeln und umsetzen. Diese Anforderung ist von ihm in engem Zusammenhang mit dem individuellen Gepräge eines Kunstwerks zu sehen. Das Ergebnis der Arbeit des Restaurators ist durch die spezifische Analyse und Methodik geprägt; das Endergebnis trägt immer die individuelle Handschrift des Restaurators, im Sinne des Objekts mit wieder gewonnener kultureller Identität.

Verwendungszweck

Hier ist in Bezug auf die Berufsausübung von Restauratoren von besonderer Bedeutung, dass für die Beurteilung eines Kunstwerks beziehungsweise der künstlerischen Tätigkeit die spätere Verwendung der Werke nicht maßgebend ist. In der Rechtsprechung hat sich die Unterscheidung zwischen gebrauchszweckorientierten Berufen und nicht gebrauchszweckorientierten Berufen durchgesetzt.((BStBI. II 1981, S. 21.)) Bei Berufen, die der erstgenannten Kategorie zuzuordnen sind, ist auf der Grundlage besonderer Sachkunde von Fall zu Fall festzustellen, ob und inwieweit eigenschöpferische Leistungen vorliegen und ob diese Leistungen eine gewisse künstlerische Gestaltungshöhe erreichen. Bei der zweiten Gruppe, zu der die Restauratoren zu zählen sind, ist diese Anforderung nicht relevant.

Künstlerische Gestaltungshöhe

Dabei handelt es sich um eine abstrakte Anforderung, die nicht auf der Grundlage konkreter Indikatoren einer näheren Überprüfung zugeführt werden kann. Hier ist also der subjektiven Beurteilung ein weiter Spielraum eröffnet. Das Finanzgericht Bremen vertritt die Auffassung, dass das Kriterium der Gestaltungshöhe lediglich der Unterscheidung zwischen Kunst und Nichtkunst dienen könne.((EFG 1994, 928 (929).)) Dies bedeutet zumindest,
dass kein bestimmtes künstlerisches Niveau zu erreichen ist, sondern das Vorliegen von Kunst genügt. In diesem Zusammenhang ist auf die Diskussion um den Maßstab der Gestaltungshöhe hinzuweisen, die sich mit einer zunehmenden Kritik an einem ungeeigneten Kriterium der Bestimmung von Kunst und künstlerischer Arbeit verbindet.

Unter der Voraussetzung, dass der künstlerische Wert den Gebrauchswert erheblich übersteigt, können auch Gegenstände des täglichen Gebrauchs als Einzelkunstwerke angesehen werden.((BFH 26.9.1968, BStBI. 1969 II, S. 70.)) Auch ein gewerblicher Verwendungszweck würde die Annahme einer künstlerischen Betätigung nicht ausschließen.((BFH 14.12.1976, BStBI. 1977 II, S. 474.)) Die bedeutendste Schnittmenge ist dabei im Bereich Design zu finden.

Wie oben erläutert, ist die Ähnlichkeit der Tätigkeit des Restaurators mit mehreren Berufen (Architekt, Ingenieur, Bildberichterstatter) nahe liegend und plausibel zu erklären. Diese Ähnlichkeit ist jedoch weniger speziell anzusehen, als vielmehr im generellen Sinne zu verstehen. Die Restauratoren führen keine Architekten- und Ingenieurleistungen aus und sie sind auch keine Bildberichterstatter, sondern sie führen Tätigkeiten aus, die Elemente aller dieser Berufe in sich vereinigen und die nach den in diesen Berufen allgemein üblichen Grundsätzen in der Aufgabenausführung ähnlich sind. Dies gilt insbesondere auch in Bezug auf die künstlerische Tätigkeit.

Im Sinne der Rechtsprechung ist nicht nur die Erschaffung, sondern auch die Erhaltung von Kunst als künstlerisch zu bezeichnen: „Der Restaurator und der Kopist von Gemälden bedürfen zu ihrer Tätigkeit einer künstlerischen Vorbildung und künstlerischen Einfühlungsvermögens; sie schaffen zwar nicht etwas Neues, jedoch bildet ihre Tätigkeit ein nachfühlendes Gestalten und – beim Restaurator – Ergänzen und somit ein künstlerisches Tun“.((Anker, D. und R. Wihr (Red.), Arbeitsblätter für Restauratoren 1 (1984), S. 334.)) Trotzdem gilt:

„bb) Aber auch dann, wenn es sich bei dem restaurierten Gegenstand um ein Kunstwerk handelt, ist der Restaurator nicht künstlerisch tätig, soweit sich seine Arbeit auf Bereiche wie etwa die Festigung, die Sicherung von Bausubstanz oder die Reinigung von Bildern beschränkt. Zwar übt nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichts (s. Urteil vom 11. Dezember 1990 1 C 41/88, BVerwGE 87, 191) ein Restaurator, der sich auf die Festigung und Reinigung der vorhandenen Steinsubstanz, die Sicherung gebrochener Steinteile, das Entfernen früherer Ausbesserungen, das Ergänzen durch neues Material, das farbliche Anpassen sowie das Erneuern und das Schützen vor Umwelteinflüssen beschränkt, nicht das typische Steinmetz- und Steinbildhauer-Handwerk aus. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein solchermaßen tätiger Restaurator Künstler i. S. des § 18 Abs. 1 Nr. 1 EStG ist. Seine eigene individuelle Anschauungsweise und Gestaltungskraft kann ein Restaurator nur dort zum Ausdruck bringen, wo infolge der Beschädigung des Kunstwerks eine Lücke entstanden ist, die er durch seine Arbeit füllt. Die Lücke kann beispielsweise darin bestehen, dass Teile eines Bauwerkes zerstört oder Teile eines Bildes in seinen Umrissen oder seiner Farbgebung nicht mehr erkennbar sind. Die in diesen Fällen notwendige Ergänzung ermöglicht dem Restaurator individuelles Gestalten. Solange er sich nicht auf das Kopieren vorhandener Vorlagen beschränkt, spielt es auch keine Rolle, ob sich der Restaurator bei der Lückenfüllung frei fühlt oder ob er sich bemüht, dem ursprünglichen Kunstwerk möglichst nahe zu kommen. Es ist daher nicht notwendig, dass sich der Restaurator erkennbar vom Original löst. Wenn das Bundessozialgericht (BSG) im Urteil vom 25. September 2001 B 3 KR 18/00 R (SozR 3-5425 § 2 Nr. 14) eine engere Auffassung vertreten hat, beruht das auf den Intentionen des Künstlersozialversicherungsgesetzes und ist für die steuerliche Qualifizierung der Tätigkeit nicht maßgeblich.“((BFH-Urteil vom 4.11.2004 (IV R 63/02) BStBl. 2005 II, S. 362.))

Zur Einholung eines Gutachtens zum Nachweis der künstlerischen Tätigkeit

Das BFH-Urteil vom 18.07.2007 bestätigt das BFH-Urteil vom 4.11.2004 erneut und stellt des Weiteren klar, wann ein Sachverständigengutachten zur Beurteilung der künstlerischen Tätigkeit eines Restaurators eingeholt
werden muss: Ein Gutachten muss dann nicht eingeholt werden, soweit sich die Restaurierung erkennbar auf Gebrauchsgegenstände bezieht oder wenn deutlich ist, dass keinerlei Spielraum für „eigenständige Gestaltungen“ des Restaurators vorhanden ist.((BFH-Urteil vom 18.07.2007 (VIII B 204/06).))

Gemischte Tätigkeit gewerblich-freiberuflich

Ist die Tätigkeit eines Restaurators im Einzelunternehmen untrennbar gemischt gewerblich und freiberuflich, so ist die Zuordnung nach dem Merkmal der bestimmenden Tätigkeit vorzunehmen. In solchen und anderen
Fällen – etwa bei der trennbar gemischten Tätigkeit – erscheint eine Beratung durch den Steuerberater dringend angebracht. Eine typisch trennbare gemischte Tätigkeit würde etwa vorliegen, wenn ein künstlerisch tätiger Restaurator Möbelverkäufe vermittelt.

„Übt ein Steuerpflichtiger sowohl eine künstlerische als auch eine gewerbliche Tätigkeit aus, so ist zu unterscheiden, ob es sich um trennbare Tätigkeiten handelt oder nicht. Sind die verschiedenen Tätigkeiten nach der Verkehrsauffassung ohne Schwierigkeiten zu trennen, so können sie nach der (jüngeren) Rechtsprechung des BFH steuerlich getrennt beurteilt werden, und zwar auch dann, wenn sachliche und wirtschaftliche Bezugspunkte zwischen den verschiedenen Tätigkeiten bestehen (vgl. z. B. BFH in BFHE 166, 36, BStBl II 1992, 413 m. w. N.; Schmidt, Einkommensteuergesetz, 12. Aufl., § 15 Anm. 21 m. w. N.; Lenski/Steinberg, Kommentar zum Gewerbesteuergesetz, § 2 Rdnr. 452). Sind allerdings bei einer Tätigkeit die verschiedenen Tätigkeitsarten derart miteinander verflochten, dass sie sich gegenseitig unlösbar bedingen, so liegt eine einheitliche Tätigkeit vor, die steuerlich danach zu qualifizieren ist, ob das künstlerische oder das gewerbliche Element vorherrscht (vgl. BFH in BFHE 166, 36, BStBl II 1992, 413; BFH-Urteil vom 29. Juli 1981 I R 183/79, BFHE 134, 135, BStBl II 1982, 22; weitere Nachweise bei Lenski/Steinberg, a. a. O., § 2 Rdnr. 453). Schuldet ein Steuerpflichtiger gegenüber seinem Auftraggeber einen einheitlichen Erfolg, so ist auch die zur Durchführung des Auftrags erforderliche Tätigkeit regelmäßig als einheitliche zu beurteilen (vgl. BFH-Urteile vom 7. November 1991 IV R 17/90, BFHE 166, 443, BStBl II 1993, 324, und vom 29. Januar 1970 IV R 78/66, BFHE 98, 176, BStBl II 1970, 319 m. w. N.). Werden in einem Betrieb nur gemischte Leistungen mit überwiegend gewerblichem Charakter erbracht, so ist auch der Betrieb einheitlich als gewerblicher zu qualifizieren.“((BFH-Urteil vom 30. März 1994 I R 54/93.))

Das Finanzgericht München konkretisiert die Trennbarkeit wie folgt: „Ein Kirchenrestaurator, der an Kunstwerken sowohl künstlerische Arbeiten, durch die er seine eigene individuelle Anschauungsweise und Gestaltungskraft
zum Ausdruck bringen kann, als auch nicht künstlerisch zu bewertende Arbeiten ausführt, die die Festigung, Sicherung der Substanz, Reinigung, Entfernung früherer Ausbesserungen und das farbliche Anpassen betreffen, übt keine künstlerische Tätigkeit i. S. des § 18 Abs. 1 Nr. 1 EStG aus, wenn sich die künstlerische Tätigkeit nicht von den übrigen Tätigkeiten trennen lässt und diese der gesamten Restaurierungsarbeit das Gepräge geben. Eine Trennung kommt z. B. dann nicht in Betracht, wenn die Restaurierung nach dem Werkvertrag als einheitlicher Erfolg geschuldet wird.“((FG München Urteil vom 18.10.2006 9 K 961/05.))

Zusammenfassung und Fazit

Voraussetzungen für eine künstlerische und damit freiberufliche Tätigkeit von Restauratoren nach Urteilen von Bundesfinanzhof und Finanzgerichten:

  • Restauratoren müssen künstlerisch an einem Kunstwerk tätig sein.
  • Die Restaurierung eines „historisch bedeutsamen“ Gebrauchsgegenstands führt nicht zu einer künstlerischen Tätigkeit.
  • Die künstlerische Tätigkeit muss klar trennbar von Ausbesserungsarbeiten sein.
  • Festigungs-, Sicherungs- und Reinigungsarbeiten an einem Kunstwerk stellen für sich genommen keine künstlerische Tätigkeit dar.
  • Der Restaurator ist dann künstlerisch tätig, wenn eine Lücke des Kunstwerks durch individuelles, eigenes Gestalten gefüllt wird.
  • Die künstlerische Tätigkeit kommt dann in Betracht, wenn im Einzelfall die Beschädigungen ein solches Ausmaß erreicht haben, dass anstelle einer Anpassung eine Neufassung der beschädigten Stellen notwendig ist. Nur dann kann von einer „Lückenfüllung“ gesprochen werden, die eine künstlerische Herangehensweise erforderlich macht.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Restauratoren mit akademischer Berufsausbildung als freiberuflich gemäß § 18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 EStG einzustufen sind. Bei den anderen Berufsangehörigen ist die Einzelfallprüfung
regelmäßig erforderlich. Eine so genannte „Gruppenähnlichkeit“, deren Komponenten im vorliegenden Fall insbesondere wissenschaftliche, schriftstellerische und künstlerische Tätigkeiten wären, wird in der Rechtsprechung weiterhin ausgeschlossen. Vor dem Hintergrund des sich wandelnden Berufsbildes ist die gängige Rechtsprechung, welche einzelne schriftstellerische, künstlerische und wissenschaftliche Tätigkeiten isoliert für sich betrachtet, als obsolet zu bezeichnen. Über diese Eigenschaften hinaus hat das Berufsbild in jüngerer Zeit eine dezidiert technisch-naturwissenschaftliche Komponente hinzugewonnen: die notwendigen Kompetenzen von modernen wie archaischen Kunsttechnologien, Herstellungstechniken und Materialien sind bisweilen bereits jenen von etablierten technischen Berufen ebenbürtig; dass beispielsweise die Technische Universität München gegebenenfalls auch den Dr. Ing. an Restauratoren verleiht, ist als eine Würdigung dieser Tatsache anzusehen. Es ist gerade jene Interdisziplinarität als Wissenschaftler, Künstler und Techniker zugleich, welche die Eigenart des Berufsbilds Restaurator ausmacht; dies in seiner Gesamtheit angemessen zu berücksichtigen und zu würdigen wird eine notwendige Herausforderung für die künftige Rechtsprechung sein.

Der Schritt vom Verband zur Kammer ist für Restauratoren derzeit nicht abzusehen. Allerdings gibt es auf diesem langen Weg Zwischenstationen, die der folgenden Darstellung entnommen werden können. Die „Restauratorin VDR“ als Prädikat für die Gewährleistung bestimmter Standards der Berufsausübung könnte es vor allem auch Auftraggebern erleichtern, Preis-Leistungs-Relationen abzuschätzen. Der Berufsstand benötigt eine „Qualitätsoffensive“. Überhaupt ist die Qualitätssicherung Thema und Ziel mit herausragender Bedeutung. Hier kann man nicht genug tun – in keinem Beruf.

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In der Gesamtbeurteilung üben Restauratoren einen semi-professionalisierten Beruf aus.
Allerdings ist der Prozess der Professionalisierung von einer hohen Dynamik geprägt, die vor allem durch steigende Anforderungen, die Entwicklung des Berufsbilds, durch fortschreitende berufliche Spezialisierung und Differenzierung, die Akademisierung und die zunehmende berufsethische Kodifizierung gekennzeichnet ist. Der Bezug zu gesellschaftlichen Werten wie vor allem der Bewahrung kulturellen Erbes ist hoch. Die Entwicklung einer spezifischen, wissenschaftlich fundierten Disziplin durch Akademisierung ist weit fortgeschritten, gerade auch durch die Beiträge anderer Wissenschaften.

Defizite im Prozess der Professionalisierung sind insbesondere noch gegeben in der Autonomie des Berufs beziehungsweise Berufsstands, im System der Qualitätssicherung, in der Ausformung eines fachlichen Definitions-
und Handlungsmonopols sowie in beruflicher Selbstverwaltung und Disziplinargewalt. Vor allem das Fehlen eines staatlichen Berufsschutzes und die mangelnde Berücksichtigung berufsethischer Normen und Qualitätsstandards seitens der öffentlichen Auftraggeber bei der Auftragsvergabe sind hier zu nennen. Die Schaffung eines Kompetenzkatalogs und eines nationalen Qualifikationsrahmens ist sowohl auf der nationalen
als auch auf der überstaatlichen Ebene besonders positiv zu bewerten. Entsprechendes gilt für internationale Chartas und Richtlinien zur Berufsethik. Während die Berufsangehörigen also bereits viel geleistet haben, steht die Anerkennung dieser Leistungen in Politik und Gesellschaft in erheblichem Umfang noch aus.

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