Hessen: Höhergruppierung auch ohne neue Entgeltordnung

Anders als bei Bund und Kommunen werden die bei den Bundesländern beschäftigten Restaurator:innen noch immer über eine 53 Jahre alte Entgeltordnung vergütet. Der Text von 1968 berücksichtigt weder die veränderte Ausbildung in den letzten Dekaden noch die aktuellen Tätigkeiten. Obwohl ihre Tätigkeit umfassendes Fachwissen, Erfahrung erfordert und mit einem hohen Maß der Verantwortung verbunden ist, […]

Anders als bei Bund und Kommunen werden die bei den Bundesländern beschäftigten Restaurator:innen noch immer über eine 53 Jahre alte Entgeltordnung vergütet. Der Text von 1968 berücksichtigt weder die veränderte Ausbildung in den letzten Dekaden noch die aktuellen Tätigkeiten. Obwohl ihre Tätigkeit umfassendes Fachwissen, Erfahrung erfordert und mit einem hohen Maß der Verantwortung verbunden ist, werden die meisten Kolleg:innen somit zum überwiegenden Teil noch immer viel zu niedrig eingruppiert, viele in Entgeltstufe 9.
Die Bemühungen bei den letzten Tarifverhandlungen 2018, die bereits für Bund und Kommune überarbeitete Entgeltordnung auch bei den Ländern zu realisieren, waren leider fehlgeschlagen. Neue Verhandlungen stehen nun im September 2021 an.

Die Restaurator:innen der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen haben trotz der aktuell schwierigen Situation den Versuch gewagt, eine Höhergruppierung zu erreichen. Mit Erfolg. Eine von ihnen ist Diplom-Restauratorin Susanne Danter, die seit über 17 Jahren als Gemälderestauratorin bei der Schlösserverwaltung beschäftigt ist. Im Interview berichtet sie über den erfreulichen Ausgang ihres Antrags auf Höhergruppierung.

Dipl.-Restauratorin (FH) Susanne Danter
Dipl.-Restauratorin (FH) Susanne Danter

VDR aktuell: Du und deine Kollegen wurden gerade höhergruppiert, wie kam es dazu?

Susanne Danter: Man kann sagen, dass die Geschichte damit begann, dass beim Bund und den Kommunen neue Entgeltordnungen in Kraft traten. Das war 2014 und 2016 und liegt somit schon einige Jahre zurück. Nach diesem Erfolg gingen viele Restauratorinnen und Restauratoren  davon aus, dass auch die Länder zeitnah nachfolgen würden.

Das war aber nicht so …

Nein. Die Verhandlungen Anfang 2018 verliefen völlig anders und wir mussten uns damit abfinden, dass eine neue Verhandlung erst im Herbst 2021 wieder möglich sein würde.

Nun ist es erst Frühjahr, und Du und Deine Kolleginnen seid bereits höhergruppiert. Wie das?

2019 sprach ich mit dem in Hessen beteiligten ver.di-Sekretär. Im Gespräch wurde ich letztlich dazu motiviert, trotz allem einen Antrag auf Höhergruppierung zu stellen. Bei einem folgenden Treffen mit den ebenfalls beim Land Hessen beschäftigten Kolleg:innen stellte sich heraus, dass einige bereits in der Vergangenheit höher gruppiert wurden. Weiter zeigte sich, dass einige Kolleg:innen trotz vergleichbarer Tätigkeiten sehr unterschiedlich eingruppiert sind. Zusammen mit meinen Kolleg:innen der Schlösserverwaltung arbeitete ich folgend daran, die bereits vorliegenden Tätigkeitsbeschreibungen zu prüfen. Soweit notwendig passten wir die Beschreibungen an die tatsächliche Tätigkeit an – wir erneuerten und ergänzten die Beschreibungen, mit dem Ziel Anträge auf Höhergruppierungen einzureichen. Aufgrund der Pandemie wurde dieser Prozess zunächst abgebremst. Im Sommer 2020 wagte die erste Kollegin trotz der gefühlt ungünstigen Lage dennoch den ersten Antrag. Weitere Anträge folgten zwei Monate später. Bereits nach drei bis vier Monaten hatte die erste Kollegin die Zusage für eine Höhergruppierung von EG 9 auf EG 11. Dies führte dazu, dass alle Restauratorinnen und Restauratoren bis auf den Abteilungsleiter einen Antrag stellten. Mit dem Ergebnis, dass alle Kolleg:innen nach nur knapp acht Monaten auf EG 11 höher gruppiert wurden.

Hattet Ihr damit gerechnet?

Nein, eingestellt hatten wir uns auf einen längeren Prozess als auch auf mehr Widerstände. Wir sind sehr dankbar, dass unser Arbeitgeber insgesamt so wohlwollend reagiert hat.

Wie fühlst Du Dich nach der Höhergruppierung?

So ganz realisiert habe ich den Erfolg noch nicht und schaue noch immer etwas ungläubig auf die neue Gehaltsabrechnung. Es tut gut, die eigene Tätigkeit endlich gerechter vergütet zu bekommen. Im Arbeitsalltag gibt es einem ein etwas anderes Selbstbewusstsein im Umgang mit den anderen Abteilungen.

Inwiefern?

Als Restaurator:innen arbeiten wir mit vielen anderen Disziplinen zusammen. In der direkten Zusammenarbeit entstehen oft besonders brillante Ausstellungsprojekte, ausgezeichnete Publikationen und wertvolle Forschungen. Die angemessene Bezahlung hat dabei ihren Anteil, auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden und agieren zu können. Ich persönlich werte die Höhergruppierung zudem als ein Zeichen der Wertschätzung für das langjährige wissenschaftlich fundierte Studium mit den zahlreichen Praktika, das wir für den Berufszugang absolvieren mussten und für die große Verantwortung, die unsere Berufsgruppe trägt, indem sie direkt am Original praktisch Hand anlegt. Hier geht es ja um Werte und den Auftrag diese für die Nachwelt zu bewahren.

Würdest Du den anderen bei den Ländern beschäftigten Kolleginnen und Kollegen empfehlen, aktuell einen Antrag auf Höhergruppierung zu stellen?

Grundsätzlich ja. Allerdings sollte dies vorab gut vorbereitet sein. Hilfreich ist es, sich zunächst mit Kollegen:innen im eigenen Haus oder Umkreis als auch mit den Vorgesetzen abzustimmen. Auch eine Beratung durch die Interessensgruppe öffentlicher Dienst des VDR oder ver.di ist hilfreich.

Susanne Danter im Restaurierungsatelier in Bad Homburg.
Susanne Danter im Restaurierungsatelier in Bad Homburg.

Gab es Besonderheiten, die Euren Erfolg begünstigt haben?

In der aktuell gültigen Entgeltordnung in Hessen wird die praktische Tätigkeit, sprich die praktische Durchführung von konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen , vorwiegend hoch bewertet. Tätigkeiten wie zum Beispiel die Planung und Abwicklung von Leihverkehr, Kurierreisen, Ausstellungsmanagement oder präventive Konservierung existieren in den Tätigkeitsbeschreibungen in der aktuellen Form noch nicht. Meiner Meinung nach wurde unser Prozess unter anderem dadurch begünstigt, dass wir überwiegend selbst mit der Durchführung von Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten an Objekten befasst sind, die überwiegend komplexe Schadensbilder aufweisen. Entgegen dem allgemeinen Trend nehmen bei uns Ausstellungsauf- und abbauten als auch die Betreuung des Leihverkehrs einen eher geringen Teil der Arbeit ein. Bei anderen Häusern hingegen macht dies oft den überwiegenden Teil der Tätigkeit aus. Vorteilhaft war sicherlich auch, dass uns bereits bekannt war, dass die beim Land beschäftigten Restaurator:innen sehr unterschiedlich eingruppiert sind. Dies hatte unter anderem der Personalrat bereits mit der Direktion im Rahmen einer befristeten Stellenbesetzung im Fachbereich Gemälde kontrovers diskutiert. Unterstützt wurde diese Diskussion durch eine schriftlichen Stellungnahme des VDR aufgrund einer im VDR-Stellenportal nicht veröffentlichten Stellenanzeige. Diese verwies unter anderem darauf, dass die beschriebene Tätigkeit erweiterte Fachkenntnisse und Berufserfahrung erfordert als auch ein hohes Maß der Verantwortung mit sich bringt. Nicht auszuschließen ist für mich, dass auch die bereits erfolgreichen Verfahren auf Höhergruppierung in Bund und Kommune eine gewisse „Strahlkraft“ haben. Das Land möchte sich sicherlich auch in Zukunft als attraktiver Arbeitgeber gesehen werden.

Du bist auch aktiv bei den Vorbereitungen der Tarifverhandlungen der Länder, die für September anstehen. Was sind die weiteren Ziele?

Eine Erneuerung der Entgeltordnung in Hessen und den Ländern ist noch immer das große Ziel. Die Tätigkeitsbeschreibungen sind nicht mehr zeitgemäß. Besonders ärgerlich ist außerdem, dass beim Tarifvertrag Hessen als auch bei den Ländern für die Restauratoren:innen keine EG 12 existiert. Zudem ist eine Eingruppierung als wissenschaftlich tätiger Mitarbeiter mit EG13 und mehr mit der veralteten Fassung nur erschwert möglich.

Hier braucht es Verbesserungen. In Vorbereitung auf die anstehenden Verhandlungen hat sich aktuell eine Arbeitsgruppe aus VDR- und ver.di- Mitgliedern gebildet bzw. reaktiviert. Viele von ihnen sind bereits seit Jahren mit dem Thema befasst und waren auch in den letzten Verhandlungen aktiv. Weiter wurde bei ver.di ein Netzwerk neu installiert, über das sich nun die Restaurator:innen bei ver.di austauschen und zusammenarbeiten können. Als ver.di-Mitglied arbeite ich hier mit und werde mich bemühen, in Hessen das Anliegen weiter einzubringen – in der Hoffnung, dass es bald zu einer Umsetzung in Hessen als auch den übrigen Bundesländern kommt. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, sagt man so treffend. Wir bleiben dran! Wer Interesse hat bei der Arbeitsgruppe mitzuarbeiten, kann sich gerne an mich wenden.

// Die Fragen stellte Patricia Brozio von der VDR-Redaktion.