„Historische Musikinstrumente – Erhalten! Erforschen! Erklingen?“

Die VDR-Fachgruppe Musikinstrumente organisierte am 20. und 21.10.2016 ein Symposium im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Unter dem Titel "Historische Musikinstrumente - Erhalten! Erforschen! Erklingen?" behandelte die Tagung die Kernthemen der Restaurierung und Konservierung von Musikinstrumenten. Ein Tagungsbericht von Markus Brosig Vor 35 Jahren beschloss eine Gruppe von Restauratoren für Musikinstrumente, sich künftigregelmäßig zum Erfahrungsaustausch zu […]

Die VDR-Fachgruppe Musikinstrumente organisierte am 20. und 21.10.2016 ein Symposium im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Unter dem Titel "Historische Musikinstrumente - Erhalten! Erforschen! Erklingen?" behandelte die Tagung die Kernthemen der Restaurierung und Konservierung von Musikinstrumenten.

Ein Tagungsbericht von Markus Brosig

Vor 35 Jahren beschloss eine Gruppe von Restauratoren für Musikinstrumente, sich künftigregelmäßig zum Erfahrungsaustausch zu treffen. Die Fachgruppe Musikinstrumente war geboren. Sie besteht –heute eingebunden in den VDR – bis heute und trifft sich regelmäßig zu eigenen Tagungen, zuletzt 2014 in Trondheim. Das jüngste Treffen fand nun in Form eines Symposiums unter dem Titel "Historische Musikinstrumente - Erhalten! Erforschen! Erklingen?" vom 20. bis 21. Oktober 2016 im Germanischen Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg statt.
Friedemann Hellwig war ab 1963 für zweiundzwanzig Jahre am GNM tätig und hat in dieser Zeit selbst den großen Respekt erarbeitet, den die Musikinstrumenten-Restauratoren hier bis heute genießen. Im einleitenden Beitrag erinnerte er daran, dass hier wie andernorts Kuratoren erst spät den Gebrauch bzw. die Spielbarkeit der Instrumente infrage stellten.
Erst langsam bewertete man das Ziel des Substanzerhalts höher und stellte den Wunsch, die Instrumente zum Klingen zu bringen mehr und mehr infrage. Freilich trieb auch die Zielsetzung "Schutz der historischen Substanz um jeden Preis" später seltsame Blüten, wenn etwa angestrebt wurde, dem potentiell gefährlichen Zugriff der Museumsmitarbeiter durch aufwändige Verpackungen zu begegnen. Solcherart "geschützte" Objekte erschwerten allein schon das Betrachten und behinderten die vergleichende Forschung am Objekt, monierte Hellwig. Es sei daher wichtig und notwendig, sich dem Thema Spielbarkeit immer wieder neu anzunehmen. Er regte an, den Nutzen und das Risiko des Gebrauchs von Musikinstrumenten systematisch abzuwägen.
Genau diesen Gedanken griff Vera de Bruyn in ihrem Beitrag auf und berichtete von einer Risiko-Gewinn-Analyse, die vor einigen Jahren am Ringve-Museum in Trondheim entwickelt wurde, um der Entscheidung - Anspiel oder nicht - eine sachliche Grundlage zu geben. Dabei werden unter anderem Fragen nach der Originalität und der Seltenheit eines Objekts gestellt und das Schadensrisiko bewertet. Auf der anderen Seite wird erhoben, ob Klangdokumente vorliegen und bekannt ist, wie es musikalisch eingesetzt wurde. Das Verfahren hilft, Fehlentscheidungen zu vermeiden und dokumentiert gleichzeitig den Entscheidungsprozess.

Alfons Huber stellte Überlegungen zur Rekonstruktion des Temperatursystems bei gebundenen Clavichorden an und konnte für ein dreifach gebundenes Instrument belegen, dass es 1/6 Kommamitteltönig gestimmt war.

Mit Joseph Rath stellte ein junger Absolvent der Wiener Akademie die Restaurierung eines Wiener Kontrabasses für das Kunsthistorische Museum vor. Eine Schwierigkeit bestand darin, bei dem zuletzt vermutlich in der osteuropäischen Volksmusik eingesetzten Instrument "normale" Gebrauchsspuren von entstellenden Veränderungen abzugrenzen und letztere wenn möglich auf den ursprünglichen Zustand zurückzuführen.

Klaus Martius und Markus Raquet verglichen am Beispiel eines Bassetthorns die klassische Röntgentechnik mit der Computertomografie und zeigten, dass die Biegetechnik des mit Leder umwickelten Instruments bereits in den 1970er Jahren mit Hilfe der ersten Methode erklärt werden konnte, ein wichtiges Detail der Herstellungstechnik aber erst durch neuere Untersuchungen per CT erkannt wurde.
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In der reichen Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien fehlte für die zweite Dekade des 19. Jahrhunderts ein gut erhaltenes und zugleich klingendes Beispiel. Man entschied, einen schlecht und unvollständig erhaltenen Flügel von Nannette Streicher so schonend wie möglich wieder herzustellen. Die Referentin Ina Hoheisel musste sich die Frage gefallen lassen, ob eine solche "Komplettrestaurierung" für ein Museumsobjekt angemessen sei. Sie begründete ihr Vorgehen damit, dass die Museumswerkstatt ihre Aufgabe auch darin sehe, substanzschonende Verfahren zu entwickeln und zu erproben, die Betrieben der Privatwirtschaft als Vorbild dienen könnten. Außerdem sei es bei der vorgestellten Restaurierung praktisch zu keinem Substanzverlust gekommen.

 

Einen grundlegend anderen Schwerpunkt setzte man bei der Restaurierung des Bechsteinflügels aus dem Nachlass von Carl Orff. Das Instrument erzählt von der letzten Lebensphase des Komponisten. Der Klang spielte für Orff, wie ein Filmdokument belegt, offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Dies konnte Sabine Scheibner auch den Entscheidungsträgern vermitteln, weshalb man hier von einer Restaurierung absah und sich auf wenige konservatorische Maßnahmen beschränkte.

Am Nachmittag brachte Ralf Waldner, ein hervorragender Spezialist für historische Tasteninstrumente, drei Raritäten des Museums zum Klingen: ein Regal von Michael Klotz (1. Hälfte 17. Jh.), ein Orgelpositiv von Gottlieb Näser von 1734 und ein Cembalo von Giovanni Battista Giusti von 1631. Waldner gelang es, die Zuhörer für eine knappe Stunde in drei verschiedene Klangwelten zu entführen.

 

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Die Fachgruppensitzung brachte nach Jahren ohne Sprecher endlich wieder eine Fachgruppenleitung hervor. Meike Wolters und Sebastian Kirsch erklärten sich bereit, das Amt des Sprechers gemeinsam zu übernehmen und wurden in nachfolgender Abstimmung gewählt. Dass sie in der Lage sind, das Amt auszufüllen, haben sie schon mit der Organisation der Tagung bewiesen.

Der zweite Tag begann mit einem Beitrag von Wolfgang Wenke. Er stellte Tonaufnahmen vor, die er während seiner langen beruflichen Laufbahn restauratorisch begleitet hat. Kein Zweiter war über so lange Zeit kontinuierlich im Beruf aktiv wie er. Die meisten der vorgestellten Tondokumente stammten aus den 1980er und 90er Jahren und entstanden am Bachhaus Eisenach.

Die beiden folgenden Beiträge widmeten sich elektrischen und elektronischen Musikinstrumenten. Das Thema wurde in den meisten Sammlungen des deutschen Sprachraums bisher kaum beachtet. So ist es kein Zufall, dass sich mit Katrin Kaminski eine Absolventin des Studiengangs "Moderne Materialien und Technisches Kulturgut" an der HTW Berlin  dem Thema quasi als Quereinsteigerin näherte. In ihrer Masterarbeit dokumentierte sie die einzige erhaltene "Toccata-Orgel", einer auf Röhrentechnik basierenden E-Orgel aus den 1950er Jahren und lotete Möglichkeiten ihrer Erhaltung aus. Obwohl das Instrument über 20 Jahre an der Komischen Oper Berlin gespielt wurde, interessierte sich kein Musikinstrumentenmuseum dafür sondern es gelangte mit Glück in eine industriegeschichtliche Sammlung.

Sabine Hoffmann berichtete von der Aufbereitung des Bestandes an Elektrophonen im Berliner Musikinstrumenten-Museum. Bei dem noch laufenden Projekt werden Unterlagen eingesehen und Zubehörteile zugeordnet. So verschiedenartig die Instrumente in technischer Hinsicht sind, so unterschiedlich sind auch die Fragestellungen zum angemessenen konservatorischen Umgang und zur Restaurierung. Anhand von Beispielen wurden diverse Aspekte thematisiert. Auch ob es möglich, aber vor allem auch sinnvoll ist, die Instrumente heute spielbar zu machen wurde hinterfragt.

Sebastian Kirsch und Meike Wolters begleiten zurzeit am GNM das Projekt MUSICES. Das DFG-Projekt hat zum Ziel, Bedingungen zu formulieren und technische Kenngrößen festzulegen, die wissenschaftlich aussagekräftige Abbildungen von Musikinstrumenten durch Computertomografie ermöglichen. Der Vortrag informierte über den Stand des Projekts und enthielt zahlreiche Abbildungen und Visualisierungen, die die Möglichkeiten des Computertomografen eindrucksvoll belegen.

Martin Ledergerber lotet die Möglichkeiten aus, historische Blechblasinstrumente für die historisch informierte Aufführungspraxis in definiertem Rahmen zu nutzen und dennoch mögliche Schäden durch umfassendes Monitoring frühzeitig zu erkennen. In seinem Forschungsprojekt an der Hochschule der Künste in Bern werden unter anderem die grundlegenden Vorgänge bei der durch Blasfeuchte induzierten Korrosion an Blechblasinstrumenten untersucht. Interessant ist hier vor allem der multidisziplinäre Ansatz. Außer der Musikwissenschaft und der Instrumentenkunde sind auch die Konservierungsforschung des Schweizerischen Nationalmuseums, die Ingenieure des Paul Scherrer-Instituts (Computertomografie) und das Institut for Corrosion der ETH Zürich beteiligt.

Der letzte Beitrag der Tagung widmete sich wiederum einem eher klassischen Feld der restauratorischen Forschung. Michael Kirchweger aus Wien restaurierte einen Pyramidenflügel und konnte ihn durch Untersuchungen zur Herstellungstechnik und durch Gegenüberstellung mit Vergleichsinstrumenten aus Museen und aus Privatbesitz dem Orgel- und Instrumentenbauer Johann Caspar Schlimbach zuschreiben.

Am Nachmittag wurden Führungen durch die Werkstätten und Labors des Instituts für Kunsttechnologie und Konservierung am GNM angeboten. Das Germanische Nationalmuseum hat als Einrichtung der Leibniz-Gesellschaft einen Forschungsauftrag zu dessen Erfüllung in zunehmendem Maße auch das Institut beiträgt.

Besonderer Dank für die sehr gute Organisation der Tagung gebührt den beiden Organisatoren des Treffens Meike Wolters und Sebastian Kirsch und dem Germanischen Nationalmuseum als Gastgeber, das durch seine Unterstützung maßgeblich zum Erfolg des Treffens beigetragen hat.