„Kunst auf Lager“. Förderung von Restaurierungen und fachübergreifende Zusammenarbeit in Museumsdepots

Anlässlich des 8. Restauratorentages des VDR sollte über Interdisziplinarität mit der Außensicht eines Förderers reflektiert und gleichzeitig über Fördermöglichkeiten für Restaurierungen informiert werden. Dabei wurde das neue Bündnis „Kunst auf Lager“ vorgestellt. Die Beschäftigung mit sieben Fragen, die dem Programm des Restauratorentages vorangestellt waren, führten zu Antworten, die das Potential des Berufs, die Grundlagen für […]

Anlässlich des 8. Restauratorentages des VDR sollte über Interdisziplinarität mit der Außensicht eines Förderers reflektiert und gleichzeitig über Fördermöglichkeiten für Restaurierungen informiert werden. Dabei wurde das neue Bündnis „Kunst auf Lager“ vorgestellt. Die Beschäftigung mit sieben Fragen, die dem Programm des Restauratorentages vorangestellt waren, führten zu Antworten, die das Potential des Berufs, die Grundlagen für ein angemessenes Selbstbewusstsein seiner Vertreter und die Notwendigkeit professioneller Kommunikation innerhalb der Einrichtungen, in der Wissenschaftscommunity und in die Öffentlichkeit herausstellen.

Wie komme ich an das Geld um die anvertrauten Kulturgüter zu erhalten? Kommunikation innerhalb der Einrichtungen, im Wissenschaftsbetrieb, mit Förderern und der Öffentlichkeit ist eine wichtige Grundlage für erfolgreiches Arbeiten und die Einwerbung von Mitteln!

 

Die Kulturstiftung der Länder

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Abb. 1: Riemenschneider, Hl. Anna

Die 1988 gegründete Kulturstiftung der Länder fördert vor allem den Erwerb national wertvollen Kulturguts für Museen, Bibliotheken und Archive: Gemälde Max Beckmanns (wie „Die Reise auf dem Fisch“, 1934, in der Staatsgalerie Stuttgart), Skulpturen Tilman Riemenschneiders (wie die Hl. Anna, um 1510, im Berliner Bodemuseum) (Abb. 1), Werke der Goldschmiedekunst (wie die Zimelien des Quedlinburger Domschatzes), Münzsammlungen (wie die herzogliche Münzsammlung aus Gotha), Handschriften (wie die Ottheinrichbibel für die Bayerische Staatsbiliothek München), Ethnographisches (wie die Amazoniensammlung Fittkau für das Völkerkundemuseum München), Autographen (wie Franz Kafkas Manuskript des Romans „Der Prozess“ für das Deutsche Literaturarchiv Marbach), Schriftstellernachlässe (wie ein Postkartenkonvolut aus dem Besitz der Familie Heinrich Manns für das Lübecker Buddenbrookhaus) oder Archivalien (wie das Verlagsarchiv Perthes für die Forschungsbibliothek Gotha) fanden so ihren Weg in öffentliche Sammlungen.((Tätigkeitsberichte der Kulturstiftung der Länder , Bd. 1-7 (1988-2007). Arsprototo, die Zeitschrift der Kulturstiftung der Länder, Bd. 1/2005 ff. www.kulturstiftung.de))

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Abb. 2: Partrimonia-Sammlung

 

Erhalten, Bewahren, Vermitteln sind die Schlagworte, mit denen sich die Tätigkeit der Kulturstiftung der Länder kurz zusammenfassen lässt: „Erhalten“ meint vor allem den oben beschriebenen Ankauf von national bedeutendem Kulturgut, das sonst Deutschland verlassen oder der Öffentlichkeit nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Die Ankäufe, deren Förderung die vornehmste Aufgabe der Kulturstiftung der Länder ist, sichern das Patrimonium, das gemeinsame Kulturerbe Deutschlands. „Patrimonia“ heißt deshalb die inzwischen auf 365 Bände angewachsene Reihe, die sich mit den bedeutendsten Förderungen der Kulturstiftung der Länder befasst (Abb. 2).((Patrimonia (hg. von der Kulturstiftung der Länder)  Bd. 1-365ff.))

 

“Bewahren“ steht für die materielle Erhaltung des mobilen Kulturguts. Vor allem bei Katastrophen, den Hochwasserkatastrophen von 2002 und 2013, dem Brand der Anna Amalia Bibliothek in Weimar oder dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln hat die Kulturstiftung mit schneller und unbürokratischer Hilfe Restaurierungen beschädigter Werke ermöglicht (Abb. 3).

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Abb. 3a: Historisches Archiv Köln. Zerstörtes Buch, Unterseite
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Abb. 3b: Historisches Archiv Köln. Evangeliar

Das im Folgenden detaillierter vorgestellte KUR-Projekt förderte nur zwischen 2007 und 2011 Restaurierungen, während die 2011 gemeinsam mit Bernd Neumann, dem Beauftragten für Kultur und Medien, initiierte KEK (die Koordinierungsstelle für die Erhaltung Schriftlichen Kulturguts an der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz) sich langfristig um den Erhalt des gefährdeten Schriftlichen Kulturerbes kümmern soll: Um durch Säure- und Tintenfraß bedrohte Handschriften, zerfallende Bücher, Zeitschriften oder Noten, verbessernde Thermokopien, um schimmelnde Inkunabeln usw.((http://www.kek-spk.de/home/))

Der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder engagiert sich seit 1999 bei der Restaurierung von Kulturgut in ost- und mitteldeutschen Museen.((http://www.kulturstiftung.de/freundeskreis/)) Restauriert wurden unter anderem Goethes Farbschirme in der Klassik Stiftung Weimar, Inkunabeln und frühe Drucke aus der Marienbibliothek in Halle, die Vicke-Schorler-Rolle aus Rostock, ägyptische Funde aus der Universitätssammlung in Rostock, wertvolle Glasbecher der Renaissance aus den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Abb. 4) und der Magdeburger Reiter.

 

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Abb. 4a: Renaissance Doppelwandbecher
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Abb. 4b: Renaissance-Becher zerlegt

„Vermitteln“ schließlich meint die Förderung von kunst- und kulturhistorischen Ausstellungen – mit der Ausstellung „Geheimnisse der Maler“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum/Fondation Corboud, befasst sich sogar eine von ihnen explizit mit dem Thema der restauratorischen Arbeit und ihrer Erkenntnisse (Abb. 5).((Ausstellungskatalog: Geheimnisse der Maler. Köln im Mittelalter, Berlin/München 2013.))

 

 

 

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Abb. 5: Wallraf-Richartz-Museum. Geheimnisse der Maler
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Abb. 6: Corpusband „Mittelalterliche Weihrauchfässer“

Die institutionelle Förderung des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft durch die Kulturstiftung der Länder begründet sich vor allem auf dessen Verdienste für die Dokumentation und damit auch für die Vermittlung des deutschen Kulturerbes. Während die durch die Kulturstiftung der Länder geförderten Ankäufe oder Restaurierungen den materiellen Erhalt unseres Patrimoniums sichern, dokumentieren die Corpusbände des Vereins (Bronzegeräte des Mittelalters, Corpus Vitrearum etc.) das Kulturerbe in höchster und durch einen kommerziell denkenden Verleger nie zu erreichender Qualität (Abb. 6).((Zu nennen sind folgende Corpuswerke: Bronzegeräte des Mittelalters, Corpus Vitrearum Medii Aevi, Die Elfenbeinskulpturen, Die karolingischen Miniaturen und Die großen Reliquienschreine des Mittelalters. Anlässlich der 2013 durch den Deutschen Verein für Kunstwissenschaft in Freiburg durchgeführten Tagung Forum Kunst des Mittelalters behandelte eine Sektion die Entstehung wissenschaftlicher Corpuswerke.))

 

Die Initiative „Kinder zum Olymp!“ schließlich, bringt Schüler mit Kunst und Kultur zusammen und zielt auf die Museumsbesucher von Morgen.((http://www.kinderzumolymp.de, Zugriff: 1. 9.2014))

 

Das „KUR Programm“

Ehrwürdige Tafelbilder oder Ready-mades, mittelalterliches Pergament oder modernes Zelluloid – in unseren Sammlungen und in den um vieles größeren Depots ist der Bedarf zur Konservierung oder Restaurierung vieler Kunst- und Kulturschätze immens. Da die Mittel für derartige Maßnahmen oftmals fehlen oder die Restauratoren durch einen dichten Ausstellungsreigen bis zum Anschlag gefordert sind, hatten die Kulturstiftung der Länder und die Kulturstiftung des Bundes gemeinsam im Jahr 2007 die nationale Restaurierungsinitiative KUR ins Leben gerufen. Mit sieben Millionen Euro, zur Verfügung gestellt von der Kulturstiftung des Bundes, und einer Laufzeit bis Ende 2011 wurden 26 Projekte gefördert. Während der kurzen Bewerbungsphase hatten sich über hundert Projekte vorgestellt, von denen die meisten – nicht aus inhaltlichen Erwägungen – sondern wegen der begrenzten Mittel, abgelehnt werden mussten. KUR – das „Programm zur Konservierung und Restaurierung von mobilem Kulturgut“ war angesichts des enormen Restaurierungsbedarfs nicht mehr als ein halber Tropfen auf einen glühendheißen Stein. Als Initialzündung gedacht, sollte das Programm ähnliche Initiativen auf Länderebene nach sich ziehen. Leider hat bislang nur Nordrhein-Westfalen das „Restaurierungsprogramm Bildende Kunst“ aufgelegt. Weiteres Engagement in den Ländern tut not, vor allem, weil KUR wegen fehlender Mittel nicht weitergeführt werden konnte.

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OLYMPUS DIGITAL CAMERAAbb. 7a-c: Massenfund Erpfting. Schnallenplatte

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Abb. 8: Wachsmoulage

Die geförderten Restaurierungsprojekte zeichneten ihre exemplarische Bedeutung und eine weit gefächerte Auswahl aus. Ziel des Programms war es, neue wissenschaftliche Grundlagen für eine fachgerechte Konservierung zu schaffen und restauratorische Techniken weiterzuentwickeln, damit die gewonnenen Erkenntnisse über das Programm hinaus wirken können. KUR war ein Programm, das sich den neuartigen oder seltenen Materialien von Museumsgut und der wissenschaftlichen Erforschung ihrer Erhaltung widmete – den Elastomeren, den historischen Wachsmoulagen oder den Tonbändern aus dem Nachlass Oskar Salas, den Massenfunden (etwa korrodierenden Metallfunden aus frühmittelalterlichen Gräberfeldern (Abb. 7, Abb. 8)) bzw. der Konservierung großer Konvolute (wie säurehaltigen Büchern oder Zeitschriften), bedeutender Fundkomplexe wie den Königsgräbern im Dom von Speyer oder den buddhistischen Wandmalereien im Berliner Museum für Asiatische Kunst.

Die Projekte hatten durchweg ein großes finanzielles Volumen und die durchführenden Einrichtungen hatten einen angemessenen Eigenanteil zu leisten. Die Frage nach innovativen Methoden und Eigenmitteln stellt aber bei vielen Standardrestaurierungen gerade kleinerer Häuser ein unüberwindbares Hindernis dar. Denn oft sind die besten Restaurierungsmethoden seit langem bekannt und bewährt, doch die Eigenmittel fehlen vollständig. Dies gilt es bei der Förderung von Restaurierungsvorhaben zu beachten.

Ein kurzer Überblick über einige der KUR-Projekte, die auf der Homepage des Hornemann Instituts publiziert sind, zeigt aber, dass Vernetzung und Interdisziplinarität zur Formulierung von ambitionierten Forschungszielen und zur Einwerbung großer Summen führen kann ((Die im Rahmen des KUR-Programms entstandenen Publikationen sind zusammengestellt bei: http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/de/programme/restaurierung/publikationen_kur_programm.html. Die Abschlussberichte sind publiziert auf der Homepage des Hornemanninstituts: http://www.hornemann-institut.de/german/epubl_ausgabe2.php.)):

 

Stabilisierung zerfallsgefährdeter Zeitungsseiten

Für die Behandlung säurefraßgeschädigter Bücher existieren bereits verschiedene Verfahren zur Papier-Neutralisierung, jedoch gibt es bisher keine Technologie, um mit vertretbarem finanziellen Aufwand die zum Teil schwer geschädigten, großformatigen Zeitungsseiten zu stabilisieren. Diese Stabilisierung ist jedoch unabdingbare Voraussetzung für eine Digitalisierung der fragilen Zeitungsbestände. Das Projekt erarbeitet modellhaft einen Lösungsansatz zur Stabilisierung hochbrüchiger Papiere: Folioseiten von Zeitungen werden laminiert, damit sie verfilmt bzw. digitalisiert werden können. Ziel des Projekts ist die Entwicklung eines Verfahrens, mit dem rationell und kostengünstig große Mengen von Zeitungsseiten stabilisiert werden können. Restauratoren der Staatsbibliothek zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Polymerforschung, Potsdam und der Staatlichen Akademie für Bildende Künste in Stuttgart arbeiteten hier zusammen.

Nachhaltigkeit der Massenentsäuerung von Bibliotheksgut

Die so genannte Massenentsäuerung ist ein Verfahren, das Bibliotheken und Archive seit den 1990er Jahren einsetzen. Anhand der Bestände der Deutschen Nationalbibliothek und der Berliner Staatsbibliothek, die zwischen 1994 und 2006 bzw. 1998 und 2006 entsäuert wurden, evaluiert das KUR-Projekt mit Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungen den langfristigen Behandlungserfolg und damit die Nachhaltigkeit der Massenentsäuerung. Weitere Projektpartner waren die Universität für Bodenkultur Wien, Department für Chemie und die Schweizerische Nationalbibliothek, Bern

Statische Untersuchungen an historischen Tasteninstrumenten

Die bedeutende und umfangreiche Musikinstrumenten-Sammlung des Hallenser Händel-Hauses besteht zu einem großen Teil aus historischen Tasteninstrumenten. Das KUR-Projekt widmet sich der grundsätzlichen Frage nach Schäden, die an historischen Tasteninstrumenten auftreten, die bis heute bespielbar gehalten wurden. Computergestützte Simulationen und Berechnungen geben Aufschluss über statische und strukturmechanische Charakteristika und Schadensrisiken der Instrumente. Die Ergebnisse helfen einzuschätzen und abzuwägen, ob und unter welchen Bedingungen sich bei einem Instrument Spielbarkeit und Restaurierungsansprüche verbinden lassen. Kooperationspartner: Technische Universität Dresden, Institut für Statik und Dynamik der Tragwerke; Kunsthistorisches Museum Wien, Sammlung alter Musikinstrumente; Klassik Stiftung Weimar

Antiaging für Kulturgut mit Elastomeranteilen

Aus unserem Alltag, aus Technik, Wissenschaft und Kunst sind Elastomere wie beispielsweise Gummi seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr wegzudenken. Doch gerade die Elastomeranteile bereiten heute bei der Erhaltung von Kunst- und Kulturgut in Museen und Sammlungen große Schwierigkeiten. Sie zeigen oft schon nach relativ kurzer Zeit erhebliche Veränderungen und Zersetzungserscheinungen. Ihre Konservierung und Restaurierung ist an sich schon problematisch, wird jedoch durch vielfach vorhandene Materialkombinationen noch zusätzlich erschwert, da die Elastomere beim Kontakt mit anderen Materialien reagieren können. Das KUR-Projekt entwickelt auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Untersuchungen und Testreihen Behandlungsmethoden und Konservierungskonzepte, um verschiedenartige kultur- und technikhistorisch wichtige Objekte mit unterschiedlichen Elastomeranteilen dauerhaft zu erhalten.

Projektträger: Deutsches Bergbau-Museum Bochum der DMT-LB
Kooperationspartner: Filmmuseum Potsdam; Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin; Ruhr-Universität Bochum, Abteilung für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin; Deutsches Historisches Museum, Berlin; Museum der Arbeit, Hamburg; Landeshauptstadt Düsseldorf, Restaurierungszentrum Rathgen-Forschungslabor; Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz; Deutsches Technikmuseum Berlin

Alterung von künstlichen Bindemitteln auf Wandmalereien

Vor 100 Jahren brachten deutsche Wissenschaftler buddhistische Wandmalereien aus der Zeit des 5. bis 12. Jahrhunderts von der nördlichen Seidenstraße aus der heutigen chinesischen Provinz Xinjiang (Uigurien) nach Berlin. Die Höhlenmalereien, heute in der Sammlung des Museums für Asiatische Kunst, zählen zu den bedeutendsten Kunstwerken Zentralasiens in westlichen Sammlungen. Bei der Konservierung derartiger Wandmalereien wurden in den 1970-er und 1980-er Jahren häufig Kunststoffe eingesetzt, ohne jedoch den Alterungsprozess dieser Bindemittel und die Reversibilität dieser Maßnahmen genügend zu berücksichtigen. Das KUR-Projekt nimmt sich dieses Problems an und untersucht das Alterungsverhalten von Acrylaten und Polyvinylacetaten. Eine Lösung käme zahllosen Kunstwerken aller Kulturen zugute, denn Denkmalpfleger und Restauratoren in Europa und den USA verwendeten diese modernen Bindemittel auch für abendländische Kunst.

Projektträger: Museum für Asiatische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Kooperationspartner: Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung; Humboldt-Universität zu Berlin; Peking Universität; Rathgen-Forschungslabor, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz

 

Ein neues Bündnis: „Kunst auf Lager“

Neben dem ständigen Konservierungs- und Restaurierungsbedarf aller Exponate potenziert sich der Bedarf in den Depots von Museen und Sammlungen! „Kunst auf Lager“ hat Niklas Maak seinen Artikel in der FAZ vom 28.4.2012 überschrieben. Er spricht dort von dem zweiten, unsichtbaren Museum unter jedem Museum, in dem alles einstaubt und aus dem wunderbare Ausstellungen zu bestücken wären. Dem stünde allerdings der dringende Restaurierungsbedarf dieser „Exponate auf Lager“ entgegen, der zuweilen schon über Jahrzehnte aufgeschoben wird. Tatsächlich befinden sich je nach Sammlungstyp etwa 40 bis 90 Prozent der Bestände im Depot. Der Aufschub dringender Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten hat zahlreiche Ursachen: Die schiere Masse wertvoller Bestände, historisch gewachsene Depotprovisorien, keine oder zu wenige festangestellte Restauratoren und leider auch ein mangelndes Interesse der Träger, der Wissenschaft, der Förderer und Sponsoren an diesen „Lagerbeständen“. Die Öffentlichkeit reagiert dagegen durchaus positiv auf Depotführungen oder Ausstellungen, die sich mit den verborgenen Exponaten aus der zweiten Reihe beschäftigen. Der Not im Depot haben natürlich die Träger der Einrichtungen zu begegnen, schließlich ist das Bewahren der anvertrauten Schätze eine Hauptaufgabe unserer Museen. Förderer stehen ihnen dabei zur Seite – aber nicht in dem Umfang wie nötig und möglich: Eine prekäre Personalsituation, die eng getaktete Abfolge von Sonderausstellungen und fehlende Mittel führen dazu, dass bei den Förderstiftungen nur wenige qualifizierte Anträge für die Verbesserung der Depotsituation, präventive Konservierung und Restaurierungen eingehen.

„Sexappeal“ sollen sie haben, die Exponate und am besten auch die Museumsleiter und Museumsleiterinnen, dann lassen sich die Mittel für den Erhalt von Kulturgut bei Förderern problemlos einwerben. So hat es Martin Roth, Direktor des Victoria & Albert Museums, auf dem Deutschen Stiftungstag 2012 in Erfurt prägnant formuliert und bedauert, dass eben oft die Qualität der Präsentation und nicht der Inhalt eines Projekts über eine Förderung entscheide. Deswegen sei „Demut“ auf Seiten der Förderstiftungen gefragt. Demut, weil ja vor allem die sperrigeren, nicht leicht vermittelbaren Bestände ein besonderes Augenmerk der Förderer benötigen. Vom „Bewahren, Erschließen, Vermitteln – von unserem Umgang mit dem kulturellen Erbe“ war in einer Veranstaltung des Arbeitskreises Kunst und Kultur auf Schloss Friedenstein in Gotha die Rede: ein Apell auch an die Verantwortung und Initiative der versammelten Förderer. Denn was passiert, wenn kulturgeschichtliche Hochkaräter kein „Sexappeal“ haben, genauso wenig wie ihre Hüter? Wenn sich Restauratoren und Museumsmitarbeiter hektisch im internationalen Ausstellungskarussell drehen, Stellen nicht mehr besetzt werden oder die baulichen Zustände jeder Beschreibung spotten und Abhilfe nicht in Sicht ist? Wenn in dieser Situation keine Anträge gestellt werden, weil die Zeit, die Kraft, das Personal oder die Gegenfinanzierung fehlen, soll dann unser Kulturerbe die Zeche bezahlen?

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Abb. 9: Kunst auf Lager. Logo des Dachbündnisses

Die meisten im Depot engagierten Förderer sind bekannt. Unter dem Schlagwort „Restaurierung“ – gibt das Deutsche Informationszentrum Kulturförderung 245 Einträge von Förderern oder Sponsoren, die Restaurierungsmaßnahmen unterstützen.((www.kulturfoerderung.org)) Einige von ihnen haben sich nun als Bündnis von 12 autark agierenden Förderern unter der Dachmarke „Kunst auf Lager“ zusammengeschlossen (Abb. 9).((www.kunst-auf-lager.de)) Ganz bewusst engagieren sie sich schon seit langem für Museumsdepots, die dort gelagerten Exponate und ihre Erschließung, Erforschung, Konservierung und Restaurierung. Es handelt sich um kulturfördernde Stiftungen, Wissenschaftsförderer und Regionalstiftungen.

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Abb. 10: Grünewald. Kreuztragung. Aktueller Zustand (2013)

Sie möchten nicht nur dazu ermutigen, notwendige Projekte zu formulieren und mit dem richtigen Förderer umzusetzen, sondern vor allem weitere Bündnispartner ansprechen: Förderer, die sich bislang noch nicht mit den Museumsdepots beschäftigt haben und sich zukünftig auch für den grundlegenden materiellen Erhalt unseres Kulturerbes engagieren wollen. Förderer, die Restauratoren als hochkarätige Spezialisten, als Kenner zahlloser weitgehend vergessener Handwerkstechniken und Wissenschaftler mit CSI-Potential würdigen können.

Das Bündnis „Kunst auf Lager“ will seine neuen Partner nicht nur zu den glanzvollen Ausstellungseröffnungen mitnehmen, sondern auch in die „verstaubten Depots“, in denen anspruchsvolle Projekte, spannende Objektgeschichten und vielleicht längst vergessene, hochkarätige Exponate warten. In einer ersten Förderperiode hat die Kulturstiftung der Länder bereits Restaurierungsprojekte mit einem Volumen von mehr als einer halben Million gefördert (Abb. 10).

 

Interdisziplinarität: 7 Fragen und 7 Antworten

Wie kann das Zusammenspiel mit anderen Disziplinen helfen, Restaurierungsmittel einzuwerben oder Unterstützung für die Arbeit der Restauratoren zu erhalten? Zu diesem Zweck orientiere ich mich an den Fragen, die im Programm des 8. Restauratorentages formuliert sind.

  1. Wie hat sich die Tätigkeit des Restaurators gewandelt, und wo stehen Restauratoren heute?

Restauratoren stehen heute viel mehr im Rampenlicht als früher. Dabei meine ich nicht die dekorativen Fotos der Restauratorinnen mit Lupenbrille und weißen Handschuhen, sondern das Werben der Restauratoren um Restaurierungspatenschaften, die Vorträge und Führungen beim Einwerben von Projektmitteln oder beim Präsentieren von Forschungsergebnissen. Restauratoren sind für die Öffentlichkeit immer ein bisschen wie CSI. Restauratoren sollten daher bereits im Studium lernen, über ihre Arbeit zu sprechen, um Inhalte auch den Nachbarwissenschaften, Förderern, Politikern und Laien vermitteln zu können.

  1. Was sind die wichtigsten Kernkompetenzen der Restaurierung?

Ich meine – mehr sehen und wissen als die Anderen. Diese Fähigkeiten zur Analyse und den Einsatz modernster Technik gilt es herauszustellen. Restauratoren wissen, was Kunstwerke wiegen, wie sie sich anfühlen, wie sie sich transportieren lassen, können Deckel und Klappen öffnen oder in verborgene Hohlräume blicken und sie wissen, wie die Kustwerke hergestellt wurden. Das ist Stoff für Aufsätze, neue Forschungsansätze, aber auch für die Museumsdidaktik, die Tageszeitung oder das Sponsorendinner.

  1. Wie ergänzt die Restaurierung die benachbarten Disziplinen und wo sind die Schnittmengen?

Aus eigener Erfahrung kann ich das Zusammenspiel von Kunstgeschichte und Restaurierung als fruchtbar und positiv beschreiben. Überall dort, wo sich kunsthistorische Forschung auf die dingliche Überlieferung bezieht, ist die Zusammenarbeit mit einem Restaurator oder einer Restauratorin gewinnbringend. Selbstverständlich sollte man auch bei der Planung von Ausstellungen, Museumsbauten oder von Depots möglichst frühzeitig die Restauratoren hinzuziehen. Auf der anderen Seite ist die Kunstgeschichte nicht nur Stilkritik, sondern liefert teilweise sogar quellenbasierte Datierungen, die wiederum die Restaurierung zur Einordnung ihrer eigenen Befunde unbedingt benötigt.

  1. Wo liegen die Verantwortlichkeiten der Restauratoren in der Kulturguterhaltung?

Restauratoren und Kunsthistoriker können den Kulturgutschutz in Deutschland unterstützen, wenn sie durch Abwanderung oder Vernachlässigung gefährdetes, bedeutendes Kulturgut in privater Hand für den Eintrag in das Verzeichnis national wertvollen Kulturguts melden oder die Denkmalpflegebehörden bzw. Landesmuseen informieren.((www.kulturgutschutz-deutschland.de))

Die Restaurierungswerkstätten der Landesmuseen oder der großen Häuser sollten nicht versuchen, wie Profit-Center zu agieren, sondern auch die Bestände der kleineren Museen im Blick haben und in Amtshilfe eine Überwachung von bedeutenden Beständen und, wenn nötig, deren Konservierung und Restaurierung anbieten. Die nicht überall vorhandenen Landesstellen für Museumsberatung/-betreuung sind mit dem Umfang der Bestände meist überfordert. Kollegialität unter den Restauratoren der verschiedenen Einrichtungen ist zwar weit verbreitet, die Übernahme von Verantwortlichkeit durch die großen Häuser und eine Institutionalisierung dieser Verantwortlichkeit ist aber nach dem Einzug des „wirtschaftlichen Denkens“ wieder ausbaufähig.

  1. Welche Vorgaben gibt es in den Institutionen, und wie werden diese in die Praxis umgesetzt?

Nachteilig ist der Verzicht auf fest angestellte Restauratoren und eine Vernachlässigung einer wirklich alle Bestände umfassenden, präventiven Konservierung. Die Vergabe von Projekten an externe Restauratoren macht eigentlich nur Sinn, wenn ein Hausrestaurator die Arbeiten ausschreibt und überwacht. Bei größeren Restaurierungsprojekten sind das Management der verschiedenen Restauratoren und Wissenschaftler sowie erfolgreiches Fundraising und die Präsentation von Ergebnissen wichtige Aufgaben des Restaurators.

  1. Welche Spannungsfelder gibt es?

Klassisch sind die Konflikte zwischen Restauratoren und Kunsthistorikern, die sich aber in den jüngeren Generationen weitgehend abgebaut haben dürften. Konflikte zwischen Wissenschaftlern treten in allen Projekten auf. Und nur jene Projekte, in denen kollegiale und kompetente Persönlichkeiten zusammenarbeiten, liefern gute oder sensationelle Ergebnisse. Konflikte zwischen Restauratoren und Ausstellungsmachern entzünden sich häufig an hochkarätigen Leihgaben. Hier hat die Bewahrung unseres Kulturerbes höchste Priorität und ich danke den Restauratoren und Verantwortlichen für ihren immer wieder gezeigten Mut und ihr entschiedenes „Nein“ zur rechten Zeit. Allerdings werden die Restauratoren im Museumsalltag zuweilen als „Bremser“ wahrgenommen – wenn es etwa Wochen dauert, bis man die Rückseite eines Gemäldes sehen kann. Die Existenz einer Einrichtung hängt auch an Ausstellungen, Veränderungen oder Veranstaltungen und hier gilt es das richtige Maß zu finden und verantwortliches museales Handeln zu unterstützen oder „alternativlose“ Entscheidungen zur Vermeidung größerer Schäden zu begleiten.

  1. Wie sieht die Zukunft aus?

Kommunikation wird immer wichtiger: mit den Fachkollegen, mit den Nachbardisziplinen, mit den Direktoren und Leitern der Museen und Sammlungen, mit der Politik, mit den Geldgebern und Förderern und nicht zuletzt mit den Museumsbesuchern.

 

Schlusswort

Deutschland ist reich, hat eine reiche Museumslandschaft und gut ausgebildete Restauratoren. Die Einrichtungen haben meist eine verlässliche Finanzierung, die aber leider zu oft mit großem Aufwand erkämpft oder verteidigt werden muss. Förderer und Sponsoren interessieren sich für unser Kulturerbe. Das Zauberwort, um alles zusammen zu bringen und um den materiellen Erhalt unseres Kulturerbes zu sichern, heißt Kommunikation. Die Restauratoren haben die wichtigen Botschaften und besondere Möglichkeiten, die Kommunikation zum Wohle der Einrichtungen mit dem richtigen Inhalt zu füllen!