Private Künstlernachlässe bewahren

Liane Burkhardt ist promovierte Kunsthistorikerin und beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema der privaten Künstlernachlässe und den damit verbundenen komplexen Fragestellungen. Die in Berlin lebende Potsdamerin gründete mit Thomas Kumlehn zunächst die Initiative, dann mit Gleichgesinnten den Verein „Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg e.V.“, über den Nachlasshalter fachlichen Rat erhalten können. Ziel ist: […]

Liane Burkhardt ist promovierte Kunsthistorikerin und beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema der privaten Künstlernachlässe und den damit verbundenen komplexen Fragestellungen. Die in Berlin lebende Potsdamerin gründete mit Thomas Kumlehn zunächst die Initiative, dann mit Gleichgesinnten den Verein „Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg e.V.“, über den Nachlasshalter fachlichen Rat erhalten können. Ziel ist: „Der regionalen Kunst- und Kulturgeschichte den Wert beizumessen, der ihr national zusteht“, sagt Liane Burkhardt. Konservierung, Restaurierung und vor allem auch die Prävention von möglichen Schäden durch unsachgemäße Lagerung der Nachlässe und ebenso falschem Umgang mit ihnen sind in diesem Zusammenhang wichtiger denn je geworden.

Die VDR-Onlineredakteurin Gudrun von Schoenebeck sprach im Dezember 2018 mit Dr. Liane Burkhardt über ihr Engagement für die Einbeziehung der Restauratoren in die Künstlernachlass-Bewahrung.

Frau Dr. Burkhardt, Sie haben 2010/11 die Initiative „Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg“ mitgegründet. Warum war es aus Ihrer Sicht notwendig, aktiv zu werden?

Liane Burkhardt: In den alten Bundesländern hatte man schon rund zehn Jahre früher begonnen, sich mit der Problematik zu beschäftigen. In den neuen Bundesländern wurde das damals noch nicht diskutiert. Uns begegnete die Vakanz in der Ausstellungsvorbereitung „100 Jahre Kunst ohne König – Privates und öffentliches Sammeln in Potsdam“. Ziel war und ist die Sensibilisierung der Museen, der Forschung, der Kulturpolitik und des Kunstmarktes für das Thema der Künstlernachlässe und die damit verbundene Grundlagenforschung.

Künstlernachlässe werden oft übersehen, das ist auch ein kulturpolitisches Defizit. In den 1950er, 60er und 70er Jahren haben die Museen noch ganze Künstlernachlässe angenommen. Das ist längst nicht mehr der Fall. Seit den 1990er Jahren bleiben nur noch einzelne Werke aus Nachlässen zur Sammlungsergänzung in den Museen, weil es räumlich und personell keine Kapazitäten gibt.

Atelier und Nachlassdepot Klaus Kehrwald (1959-2009)
(Foto: Hanne Kehrwald)
Atelier und Nachlassdepot Klaus Kehrwald (1959-2009) (Foto: Hanne Kehrwald)
Atelier und Nachlassdepot Walter Lauche (1939-2010)
(Foto: Magdalena Lauche)
Atelier und Nachlassdepot Walter Lauche (1939-2010) (Foto: Magdalena Lauche)

Inzwischen gibt es auch einen Bundesverband Künstlernachlässe e.V. Wie kam es dazu und warum ist es wichtig, sich bundesweit zusammenzuschließen?

Liane Burkhardt: Unsere Werkstatt-Tagung „Künstlernachlässe“ 2015 in Potsdam war entscheidender Impulsgeber für die Gründung des „Bundesverbandes Künstlernachlässe (BKN)“ 2017 im Forschungszentrum für Künstlernachlässe in Saarlouis. Die einzelnen Initiativen, die es in einigen, aber nicht allen Bundesländern gibt, arbeiten regional. Das Saarland zählt zu den Pionieren, aber es gibt auch das Rheinische Archiv für Künstlernachlässe sowie Initiativen in Mannheim, Hamburg, in Wiesbaden, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Eine deutschlandweite einheitliche Struktur existiert bislang nicht. Die vorwiegend regionale Verankerung wird durch den Bundesverband auf eine bundespolitische Ebene gehoben. Wodurch die notwendige Anerkennung der regionalen Künstlernachlässe als Kulturgut verbessert werden soll.

Finanziert wird der Bundesverband bisher ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Einzelinitiativen werden regional verschieden finanziert. Manchmal werden sie vom Bundesland oder von Landkreisen unterstützt, manchmal gibt es auch industrielle Unterstützer. Eine institutionelle Förderung für solche Initiativen gibt es aber bisher nicht.

Wie sieht Ihre Arbeit aus und wie unterstützen Sie die Nachlasshalter?

Liane Burkhardt: Ein großer Teil unserer Arbeit besteht aus Beratung und Koordinierung. Wir haben über 50 Anfragen pro Jahr. Im Land Brandenburg haben wir uns dazu entschlossen, den digitalen Weg in der Bearbeitung der Nachlässe zu gehen, nicht den des Archivs. Das heißt, dass es beim privaten Nachlass keine Besitz- und auch keine Ortsveränderung gibt, aber die Objekte digital für eine breite Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden. Dafür haben wir den „Mobilen Nachlass-Service“ entwickelt, über den die genannte Website Auskunft gibt.

Zwei Jahre lang haben wir in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Museumskunde an der Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin sowie dem Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung ein digitales Erfassungsmodul entwickelt, mit dem die Werke in eine Online-Datenbank eingespeist werden. Damit können auch Laien gut umgehen, die die Erfassungsarbeit meist ehrenamtlich leisten. Kompatibel ist es mit den Erfassungsprogrammen der Museen und Galerien.

Seit 2015 animieren wir auch aktive Künstler, diese Möglichkeit zur eigenen Werkerfassung zu nutzen. Das geschieht inzwischen in Brandenburg, Berlin, Niedersachsen, Sachsen und in Sachsen-Anhalt. Denn die Künstler sollten vorsorgen, damit die Nachlassverwalter nicht hoffnungslos überfordert werden. Bisher sind in unserer Vereins-Datenbank 15 Nachlass- und Werkverzeichnisse von 13 Künstler zu finden.

An welcher Stelle werden Restauratoren in die Arbeit, falls nötig, einbezogen?

Liane Burkhardt: Bei der Arbeit begegneten einem immer wieder Fragen der Prävention, wenn wir mit Künstlernachlässen konfrontiert wurden. Auch auf Werke mit dringender Restaurierungsnotwendigkeit trafen wir schon mehrfach. Ich habe dann im Bundesverband die Gründung einer Arbeitsgruppe „Prävention, Konservierung, Restaurierung“ vorgeschlagen, die es inzwischen mit einer kleinen Besetzung von vier Personen auch gibt.

Auf Offenheit zur Kooperation mit dem VDR machte mich Prof. Dr. Jan Raue aufmerksam, in einem Gespräch – just am 1. Europäischen Tag der Restaurierung, am 14. Oktober 2018.
Wir wünschen uns eine Zusammenarbeit insbesondere mit der Fachgruppe „Präventive Konservierung“. Erster Schritt dazu ist der Austausch mit Cord Brune, Vorsitzender der FG, im Januar 2019.

Der Weg im Miteinander, das halte ich für wichtig, muss praktikabel sein. Man könnte gemeinsam eine Struktur entwickeln, in der die Restauratoren mit ihrer Fachkompetenz eingebunden werden, z.B. über die Landesgruppen. Wünschenswert wäre auch die Entwicklung von Leitlinien für Nachlassverwalter, um konservatorische Extremsituationen zu verhindern, in denen der Nachlass durch die Art der Aufbewahrung Schaden nimmt.
Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Idealismus zum Selbstverständnis gehören muss ...