Arbeiten und Studieren: Ergebnisse der RiA-Umfrage

Überzeugung reicht nicht immer aus, manchmal geht es auch ums Geld. Eine Umfrage der IG RiA befasste sich mit dem Thema „Arbeiten neben dem Studium“. Die erhobenen Daten bestätigen gängige […]

Überzeugung reicht nicht immer aus, manchmal geht es auch ums Geld.
Eine Umfrage der IG RiA befasste sich mit dem Thema „Arbeiten neben dem Studium“. Die erhobenen Daten bestätigen gängige Alltagsberichte über teils prekäre Arbeitsbedingungen und bieten Einblicke in die finanzielle Lage sowie die beruflichen Perspektiven der Studierenden.

Anlass und Ziel

Unter den Studierenden werden immer wieder Berichte über sehr schlechte Arbeitsbedingungen ausgetauscht. Viele arbeiten neben dem Studium und wissen nicht, wie viel Geld sie für ihre Arbeit verlangen dürfen oder sollten. Diese Ausgangslage gab uns als Interessengemeinschaft der Restaurator:innen in Ausbildung (RiA) den Anlass im Sommer 2023 eine Umfrage zum Thema „Arbeiten neben dem Studium“ durchzuführen. Diese richtete sich an Studierende der Konservierung und Restaurierung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Ziel war es, einen Überblick über die (finanzielle) Situation von Studierenden aus unserem Fachgebiet zu erhalten, um auf dieser Grundlage bereits bestehende Informationsangebote und Hilfestellungen anzupassen und auszubauen. Außerdem besteht der Wunsch, Lehrenden und Arbeitgeber:innen die Lebenssituationen, Erfahrungen und Anmerkungen zu dem Thema von Seiten der Studierenden näherzubringen und somit ein Verständnis und einen Austausch für und mit uns Studierenden anzuregen.

Ergebnisse und Auswertung

An der Umfrage nahmen 223 Studierende aus dem ganzen deutschsprachigen Raum teil, davon gaben 87% an weiblich zu sein, 9,8% männlich und 2,7% divers. Um ein umfassendes Bild der Lebensrealität der Studierenden zu bekommen, wurden viele verschiedene Aspekte (wie das monaltlich zur Verfügung stehende Geld, Gehälter, Versicherungen usw.) betrachtet und ausgewertet.
Die erhobenen Daten bestätigen gängige Alltagsberichte und bieten Einblicke in die finanzielle Lage, sowie die beruflichen Perspektiven der Studierenden.

Ein Großteil der Befragten studiert Vollzeit, also 40 Stunden die Woche. Die meisten befinden sich im Bachelorstudium und haben noch keinen Abschluss. Knapp 20% haben bereits eine Ausbildung, etwa 30% bereits einen Bachelor: Ob dieser in der Restaurierung oder in einem anderen Bereich gemacht wurde, wird nicht unterschieden.

Laut der Onlineplattform Studi-Online[1] liegen im Jahr 2023 die WG-Mieten in Deutschland an den Studienstandorten für K&R im Durchschnitt bei 311 – 640 €/Monat. Der BAföG-Rechenbetrag liegt zurzeit bei 360€, womit bei vier der sechs Studienstandorte die Miete nicht gedeckt ist. Die gesamten Lebenshaltungskosten werden allgemein in Deutschland auf zwischen 748 – 1.851€ geschätzt.

[1] https://www.studis-online.de/studienkosten/, abgerufen 10.2023.

Warmmiete WG Zimmer - Durchschnitt Allgemeine Lebenshaltungskosten für Studierende
Hildesheim 311 Kostenpunkt Ausgaben pro Monat
Stuttgart 540 Wohnen 253 - 720 €
Potsdam 490 Essen 171 - 245 €
Köln 550 Fahrtkosten 74 - 149 €
Dresden 345 Kleidung 30 - 67 €
Berlin 640 Telefon, Internet etc. 29 €
Lernmittel 20 - 90 €
Krankenversicherung 0 - 215 €
Freizeit, Kultur und Sport 48 - 91 €
Semesterbeitrag und evt. Gebühren
(Erststudium staatliche HS)
14 - 136 €
Weitere Ausgaben 109 €
Kosten insgesamt 748 - 1.851 €

Vor diesem Hintergrund sind die folgenden Zahlen und Werte zu lesen.

Unterstützung durch andere

120 - 1080 €
KFW-Kredit Wohngeld Stipendien Studienbeihilfe Arbeitslosengeld 300 – 1200 €
Kindergeld Mietübernahme 25 – 1500 €

Etwa 20% der Umfrageteilnehmer:innen sind BAföG-berechtigt, wobei die Mehrheit monatliche Unterstützungen zwischen 400 und 1000€ erhält. Auffällig ist, dass lediglich 10% der Studierenden auf Studienkredite zurückgreifen. Die familiäre Unterstützung macht den größten Anteil an Unterstützung von außen aus.

Finanziell gesehen geben lediglich 23% der Studierenden an, dass die finanzielle Unterstützung durch BAföG, Studienkredite und Elternfinanzierung vollkommen ausreichend ist. ZIrka 45% merken an, dass es knapp ist und etwas über 30% geben an, dass das Geld nicht ausreichend sei.

Nebenjobs

Ein Großteil (ca. 85%) arbeitet neben dem Vollzeitstudium. Dabei ist jedoch zu beachten, dass vermutlich primär Studierende an der Umfrage teilgenommen haben, die auch arbeiten.

Interessanterweise gleicht sich die Verteilung zwischen angestellten und selbstständigen Studierenden fast aus, und das bereits im Bachelorstudium. Es konnte keine klare Tendenz festgestellt werden, dass Studierende zu einem späteren Zeitpunkt vermehrt in der Selbstständigkeit arbeiten. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit, schon frühzeitig über das Arbeiten in der Selbstständigkeit zu informieren.

Arbeitsstunden während des Semesters
In der Vorlesungsfreien Zeit

Während des Semesters arbeiten die meisten Studierenden bis zu 10 Stunden pro Woche, wobei 20% sogar bis zu 20 Stunden tätig sind. In vorlesungsfreien Zeiten steigt der Workload für ca. 45% der Befragten auf bis zu 40 Stunden, trotz der zusätzlichen Belastung durch Hausarbeiten, Praktika, Praxiskurse und Prüfungsvorbereitungen.

Stundenlöhne

Folgende Stundensätze verdienen die befragten Studierenden (Stand Sommer 2023):

Verdienst Studierende in Anstellung

Verdienst selbstständige Studierende

Die Gehaltsstrukturen zeigen, dass Bachelorstudierende im Angestelltenverhältnis durchschnittlich zwischen 12 und 20€ verdienen, während Masterstudierende ein Spektrum von 12 bis 50€ aufweisen. Selbstständige verdienen im Bachelorstudium zwischen 12 und 30€, im Masterstudium sogar bis über 50€ (eine Person gab an, über 50€ zu verdienen).

Es gibt allerdings auch gut bezahlte Positionen. Etwa 63% der selbstständigen Männer verdienen mehr als 25€ pro Stunde, im Vergleich zu 40,81% der Frauen. Bei angestellten Studierenden verdienen etwa 25% der Männer mehr als 25€ pro Stunde, während es bei den Frauen 29% sind. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass die Teilnehmer:innenzahl bei den dafür gestellten Fragen sehr gering war.

Sortierung nach Fachrichtungen

Aufgrund der geringen Teilnehmer:innenanzahl ließen sich bei der Sortierung nach den einzelnen Fachrichtungen keine klaren Werte herauslesen. Diese Fragen beantworteten nur Studierende, die in der Restaurierung tätig sind. Leichte Tendenzen können aber vorsichtig formuliert werden. So arbeiten vor allem Leute aus dem Bereich Wandmalerei hauptsächlich freiberuflich, während Studierende im Bereich Grafik, Archiv- und Bibliotheksgut hauptsächlich angestellt arbeiten.

Besorgniserregende Erkenntnisse

RiA-Umfrage_F30_neu
2023_RiA-Umfrage_F35

Die meisten haben kein Gewerbe angemeldet, arbeiten also als Freiberufler:innen. Gerade in den Anfängen arbeiten Studierende oft nur bei einer/m Auftraggeber:in. Auch wenn es sich bei Studierenden oft um vergleichbar kleine Aufträge handelt, besteht immer wieder die Gefahr der Scheinselbständigkeit. Hier fehlt es bereichsweise an Informationen sich selbst zu schützen.

2023_RiA-Umfrage_F37
2023_RiA-Umfrage_F41

Über 40% arbeiten nicht in der Restaurierung, sondern suchen ihr Einkommen in anderen Bereichen. Von den Studierenden, die in der Restaurierung und in anderen Bereichen arbeiten, geben ca. 65% an, außerhalb der Restaurierung mehr zu verdienen.

2023_RiA-Umfrage_F28
2023_RiA-Umfrage_F29

Besorgniserregend ist, dass über die Hälfte der Studierenden im Angestelltenverhältnis angibt, keine bezahlten Kranken- oder Urlaubstage zu haben, bzw. darüber nicht Bescheid zu wissen. Von denen, die sich darüber im Klaren sind, nutzen mehr als die Hälfte diese nicht. Das verdeutlicht, dass auch in diesem Bereich mehr über Rechte aufgeklärt werden muss.

Versicherungen

2023_RiA-Umfrage_Versicherungen

Hinsichtlich der Versicherungssituation geben knapp 95% aller Befragten an krankenversichert zu sein. Rentenversichert sind 40% (bei den angestellten Studiereden sind es prozentual mehr als bei den selbstständigen).
Allerdings: Nur 26,45 % der Befragten haben eine Berufshaftpflicht- oder Betriebshaftpflichtversicherung abgeschlossen und lediglich 20% eine Berufsunfallversicherung.

Wünsche an die Hochschulen

2023_RiA-Umfrage_F46

Angaben unter "Sonstiges":

VERSTÄNDNIS UND KOMPROMISSBEREITSCHAFT FÜR DAS ARBEITEN NEBEN DEM STUDIUM!

    • Flexibilität bei den Veranstaltungen
    • Frühe Bekanntgabe von Kursen
    • Verstehen, warum man arbeitet
    • Wunsch nach freien Semesterferien
    • Eventuell mehr hybride Veranstaltungen, die man zuhause später nachhören kann
    • Mehr Kurse zum Thema Selbstständigkeit, BWL und Jobben (auch schon im Bachelor)
    • Hilfe bei der Vermittlung von Jobs
    • Honorarrichtlinien auch für Praktika, Werkstudierende und Studierendenjobs
    • z.T. große Unterschiede zwischen dem, was man an der Uni lernt und dem, was man in der Praxis braucht

(bezahlte) Praktikumsplätze werden weniger – man muss sich diese leisten können - Thema unbezahlte Praktika

Wünsche an den Verband

2023_RiA-Umfrage_F45

Anmerkungen unter "Sonstiges":

    • Checklisten
    • Tabu Tema „Gehalt“ muss aufhören – Transparenz und Austausch
    • Mehr Infos zu fairen Gehältern und Arbeitsbedingungen
    • Jobbörse für (Praktika), Studierendenjobs, Hiwis etc.
    • Aufklärung darüber, dass sich Studis mit 20 h/Woche bei Mindestlohn nicht finanzieren können
    • Honorarrichtlinien auch für Praktika, Werkstudierende und Studierendenjobs
    • Informationen zu Kind, Arbeiten und Studium
    • (bezahlte) Praktikumsplätze werden weniger – man muss sich die leisten können
    • Aufmerksamkeit auf mögliche öffentliche Gelder richten – Studienfinanzierung

Zitate aus der Umfrage (Auswahl)

  • „In den Angaben zum Stundenlohn war der niedrigste mögliche Wert 12€ (Mindestlohn). Ich kenne einige Kommiliton:innen die für weniger arbeiten, weil es im Vertrag offiziell als Praktikum ausgewiesen ist.“
  • „Ich denke, da das KuR Studium so umfangreich und fordernd ist, bleibt kaum Kapazität für Nebenjobs. Der Bedarf an diesen ist jedoch gegeben, da das Studium und der Beruf teuer ist (…) und das führt zumindest in meinem Umfeld zu Unmut während des Studiums.“
  • „Sehr schade und enttäuschend finde ich unbezahlte Praktika, die vor allem bei öffentlichen Einrichtungen/Trägern Gang und Gäbe sind (…).“
  • „Ich habe mich bewusst dazu entschieden als Handwerksmeisterin und nicht als Restaurierungsstudentin bei Projekten mitzuarbeiten, da ich dann mehr verdiene.“
  • „Wir brauchen Unterstützung während der Vorpraktikumszeit, besonders für Quereinsteiger ohne Unterstützung von Ihren Eltern.“
  • „Es (das Gehalt) liegt nur knapp über dem Mindestlohn und auch bei Nebenjobs, für welche keine Ausbildung notwendig ist verdient man etwa gleich viel (z.B. bei Lidl im Lager/Kasse 14€, als Kellner/in). (...)”
  • „Restaurierung als duales Studium wäre ein Traum gewesen, gerade wenn man altersbedingt nicht mehr familien- oder studentisch krankenversichert ist, dann könnte man seine Energie voll dafür verwenden.”

Auch wenn die vorausgegangenen Kommentare eher von negativen Erfahrungen zeugen, haben wir auch positive Rückmeldungen bekommen. Bei der Frage, ob der Lohn ausreichend ist, kamen Kommentare wie:

  • „Ich habe noch keinen Abschluss und lerne auch noch viel dabei (beim Arbeiten).”
  • „Solange ich als Student gelte und keine Steuer und Versicherung zahlen muss, reicht es.”
  • „(Das Gehalt) passt zum Bachelorabschluss, Fahrtzeiten werden anteilig bezahlt, ich lerne noch sehr viel dabei, werde als gleichwertig behandelt und nicht als billige Arbeitskraft gesehen, habe keine Verantwortung mit Ausschreibungen und keine Organisation, sondern arbeite einfach mit.“

 

Was nehmen wir jetzt aus der Umfrage mit?

Zum Teil gibt es gute Gehälter. Vor dem Hintergrund der steigenden Lebenshaltungskosten und der ständigen Inflation müssen diese jedoch immer wieder angepasst werden.
Nicht hinnehmbar ist, dass es anscheinend immer noch Betriebe gibt, die Studierende als „Praktikant:innen“ einstellen, damit sie die ersten drei Monate vom Mindestlohn ausgeschlossen sind. Dies sollte von allen Seiten unterbunden werden.
Ebenfalls besorgniserregend ist der Umstand, dass es Masterstudierende gibt, die als Selbstständige unter 20€ die Stunde verdienen.
Auch die unbezahlten Praktika sind problematisch. Wir verstehen es, wenn Betriebe Schwierigkeiten haben, angemessene Gehälter zu zahlen, trotz all dem müssen auch wir Studierende unsere Lebenshaltungskosten decken. Darüber müssen wir branchenweit sprechen, nicht nur mit den freien Betrieben, sondern auch mit öffentlichen Stellen, wie Museen oder Ämtern. Es kann nicht sein, dass man es „sich leisten“ können muss, Konservierung und Restaurierung zu studieren. Dafür sind die Gehälter nach dem Studium nicht hoch genug, sodass diese eine Verschuldung während des Studiums problemlos decken können.

Abschließend äußern Studierende den Wunsch nach mehr Verständnis seitens der Hochschulen für die Notwendigkeit, neben dem Studium zu arbeiten. Dies unterstreicht die Bedeutung einer sensiblen Hochschulpolitik, die die Realitäten der Studierenden berücksichtigt. Gerade wenn Studierende Kinder oder andere Angehörige haben, die sie in ihrer Flexibilität einschränken, ist Entgegenkommen wichtig. Von Seiten der Hochschulen müssen Alternativen und individuelle Lösungen gefunden werden. Onlinelehre und die Möglichkeit von asynchronen Vorlesungen bieten immer mehr Optionen. Wir bedanken uns bei den Hochschulen, die schon jetzt ihr Möglichstes anbieten.

Wir wurde darum gebeten, die Umfrage zu veröffentlichen, damit Studierende für ihre eigenen Verhandlungen Richtwerte haben, an denen sie sich orientieren können. Wir RiA wünschen uns, dass unsere Umfrage einen ersten Orientierungspunkt für Studierende bieten kann.

Liebe Studierende,

kennt euren Wert und verhandelt dementsprechend. Viele von euch (über 50%) gaben an, dass sie ihr Gehalt nicht ausreichend finden. Überlegt euch, wo eure Stärken liegen und kommuniziert diese klar. Fragt eure Kommiliton:innen bevor ihr in eine Verhandlung geht und schaut auch, was es sonst noch für Möglichkeiten gibt, die eventuell für beide Parteien möglich sind zu stemmen. Sei es die Übernahme von Fahrtkosten, Arbeitskleidung oder Werkzeuge.

Ziel ist es, dass wir RiA jetzt regelmäßig Umfragen zum Gehalt machen werden. Diese werden weniger ausführlich sein, wie die jetzige, sollen uns aber auf Stand halten. Wir möchten euch Studierende bitten, an diesen Umfragen teilzunehmen, um über Missstände oder Positivbeispiele zu informieren.

Auch wenn nur eine vergleichsweise kleine Gruppe an Studierenden teilgenommen hat, können wir aus der Umfrage erste Tendenzen ablesen. Wir  konnten Zahlen erheben, die im Folgenden auf Hochschulebene und Verbandseben bereits diskutiert werden. Wir bedanken uns bei allen Teilnehmer:innen und freuen uns über Rückmeldungen, Kommentare und Anmerkungen. Schreibt uns dafür an unsere Mailadresse.

Auf bald
Die IG RiA vom VDR

 

Text: Lale von Baudissin, unterstützt von einer KI