„Rumänien ist fachlich noch unerschlossen“

Die Kirchenburg in Schönberg / Dealu Frumos ist eine romanische dreischiffige Basilika aus dem 13. Jh., die durch Befestigungsanlagen um 1500 stark überformt wurde. (Foto: Stefan Jammer) Gebautes Weltkulturerbe steht in Rumänien. 165 imposante Kirchenburgen, im Mittelalter von stolzen Dorfgemeinschaften erbaut und über viele Jahrhunderte gepflegt, sind sie heute Sorgenkind von Restauratoren, Architekten und Ingenieuren, […]
Die Kirchenburg in Schönberg / Dealu Frumos ist eine romanische dreischiffige Basilika aus dem 13. Jh., die durch Befestigungsanlagen um 1500 stark überformt wurde. (Foto: Stefan Jammer)
Die Kirchenburg in Schönberg / Dealu Frumos ist eine romanische dreischiffige Basilika aus dem 13. Jh., die durch Befestigungsanlagen um 1500 stark überformt wurde. (Foto: Stefan Jammer)

Gebautes Weltkulturerbe steht in Rumänien. 165 imposante Kirchenburgen, im Mittelalter von stolzen Dorfgemeinschaften erbaut und über viele Jahrhunderte gepflegt, sind sie heute Sorgenkind von Restauratoren, Architekten und Ingenieuren, Denkmalpflegern, Archäologen und Historikern. Nun gilt es, die damals höchsten Turme und längsten Ringmauern zu erhalten. Über diese Herausforderung und den Fachkräftemangel in Rumänien sprach Gudrun von Schoenebeck von der VDR-Online-Redaktion mit Philipp Harfmann.

Philipp Harfmann ist Dipl.-Ingenieur für Stadt- und Regionalplanung und schon seit über 25 Jahren beruflich und privat in Rumänien aktiv. Er bereitete für die Evangelische Kirche in Rumänien, die Eigentümerin der Kirchenburgen ist, die Gründung der Stiftung Kirchenburgen 2015 vor. Seit Januar 2016 ist er deren Geschäftsführer.

Ziel der Stiftung Kirchenburgen ist der Erhalt des kirchlichen Kulturerbes. Dazu gehören, neben Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Fachtourismus, speziell bauliche und konservatorische Maßnahmen an Kirchenburgen und mobilen Kulturgütern. Für das Symposium über das Kulturerbe Siebenbürgische Kirchenburgenlandschaft, das der VDR vom 4. bis 6. Mai 2018 in Berlin ausrichtet, ist die Stiftung ein wichtiger Partner. Für das Symposium ist eine Anmeldung noch bis zum 29. April 2018 möglich. Auch Tagestickets sind erhältlich.

 

 

Philipp Harfmann, Geschäftsführer der Stiftung Kirchenburgen (Foto: Stiftung Kirchenburgen)

Herr Harfmann, Sie pendeln seit 8 Jahren zwischen Berlin und Sibiu/Hermannstadt in Rumänien, das sind 1.500 Kilometer. Wie anstrengend ist das?

Philipp Harfmann: Das klingt erstmal schlimmer als es ist. Ich verbringe häufig etwa zwei Wochen in Deutschland und zwei Wochen in Rumänien. Mit dem Auto brauche ich 15-16 Stunden, aber meistens fliege ich. Da dauert die Reise, mit Umsteigen in Wien oder München etwa einen halben Tag. Im Moment halte ich mich mehr in Deutschland auf, aber man merkt immer wieder, wie unverzichtbar das persönliche Gespräch vor Ort ist, trotz elektronischer Medien.

Entdecken Sie Unterschiede in Ihrer Arbeit, wenn Sie in Deutschland und Rumänien sind?

Philipp Harfmann: Es klingt klischeehaft, aber man kann schon sagen, dass die Deutschen besser planen und die Rumänen besser improvisieren können. Eigentlich ist das eine schöne Kombination.

Wie ist es um die Kirchenburgen in Siebenbürgen bestellt?

Philipp Harfmann: Es ist eine Herausforderung, auch weil es so viele Kirchenburgen gibt, etwa 165 mit mittelalterlichem Ursprung. Die Kirchenburgen sind immer eine Gemeinschaftsarbeit der evangelischen Dorfgemeinschaft gewesen. Sie waren das Prestigeobjekt und der Stolz des ganzen Dorfes. Man wollte den höchsten Turm oder die längste Ringmauer vorzeigen. Als nach 1990 viele Siebenbürger Sachsen abgewandert sind, wurden die Kirchenburgen aber kaum noch gepflegt. Heute leben 12.000 Siebenbürger Sachsen in Rumänien – von ehemals 250-300.000 – die die Kirchen noch nutzen.

Rumänien ist multiethnisch und multireligiös. Für die heutige Dorfbevölkerung haben die Bauwerke meistens keine besondere Bedeutung mehr. Erst in den letzten Jahren ist eine Zivilgesellschaft entstanden, die sich unabhängig vom religiösen Bezug um die Kirchenburgen kümmert, auch im Zusammenhang mit dem wachsenden Tourismus.

Wie aktiv ist die Denkmalpflege in Rumänien?

Philipp Harfmann: Das Bewusstsein für den Wert oder das Potenzial der Bauwerke ist anders als in Deutschland, aber die Denkmalpflege steht auch angesichts der Fülle historischer Bauwerke vor großen Herausforderungen. Außerdem gibt es einen großen Fachkräftemangel im Baubereich und speziell auch im restauratorischen Bereich. Es ist sehr schwierig, Fach-Firmen zu finden und es gibt nur wenige Restauratoren.

Inwieweit sehen Sie eine Zusammenarbeit zwischen deutschen und rumänischen Restauratoren?

Philipp Harfmann: Der fachliche Austausch ist mir besonders wichtig. Ich vertrete die Eigentümerin der Kirchenburgen, also die evangelische Kirche und der VDR vertritt die Experten. Diese Parteien können wir zusammenbringen. Zwar haben wir nicht die finanziellen Mittel, um große Aufträge vergeben zu können. Aber es ist möglich, europäische Fördermittel zu beantragen und mit Initiativen zusammenzuarbeiten.

Den Hauptreiz für deutsche Restauratoren sehe ich in der großen Menge an historischer Bausubstanz. Und die ist in einem ursprünglichen Zustand, zwar schadhaft, aber authentisch, z.B. was die Bauten selbst, die Wandmalereien oder die Chorgestühle betrifft. Die Kirchenburgen sind eingebettet in eine sehr reizvolle Landschaft, in der die Zeit, aus unserer Sicht, stillgestanden zu sein scheint. Rumänien ist fachlich noch unerschlossen. Es gibt hier viele Themen, die noch unbearbeitet sind.

Die Kirchenburg in Holzmengen / Hosman, die Ende der 1990er Jahre umfangreich saniert wurde, liegt im pittoresken Harbachtal (Foto: Stefan Jammer)
Die Kirchenburg in Holzmengen / Hosman, die Ende der 1990er Jahre umfangreich saniert wurde, liegt im pittoresken Harbachtal (Foto: Stefan Jammer)