Teil 12 der Serie „Mit Kalkül“: Die gesenkte Umsatzsteuer – Fluch oder Segen?

In Corona-Zeiten ist Vieles anders und Manches einmalig. Das betrifft auch die Änderung der Mehrwertsteuer. Zum letzten Mal 2007 erhöht, wurde die Mehrwertsteuer noch niemals seit Einführung des Systems im Jahr 1968 gesenkt. Corona – Neue Wege Einmalig ist auch, dass dies zum 1. Juli 2020 in Kraft trat und auf sechs Monate – bis […]

In Corona-Zeiten ist Vieles anders und Manches einmalig. Das betrifft auch die Änderung der Mehrwertsteuer. Zum letzten Mal 2007 erhöht, wurde die Mehrwertsteuer noch niemals seit Einführung des Systems im Jahr 1968 gesenkt.

Corona – Neue Wege

Einmalig ist auch, dass dies zum 1. Juli 2020 in Kraft trat und auf sechs Monate – bis zum 31. Dezember 2020 – befristet ist. Besonders die Selbstständigen unter den Restaurator*innen müssen jetzt flexibel sein. Sie werden täglich damit zu tun haben, wenn sie regelmäßig Rechnungen stellen und Material einkaufen.

Bei vielen Selbstständigen hat das Absenken des Umsatzsteuersatzes in Verbindung mit dem Konjunkturpaket der Bundesregierung Unmut ausgelöst. Der Aufwand sämtliche Kassensysteme zu ändern, neue Konten zu schaffen, alle eingehenden Rechnungen und Reisekostenabrechnungen zu prüfen – um nur ein paar Aspekte herauszugreifen – wird von vielen als viel zu hoch eingeschätzt.

Dennoch kommt niemand an diesem Thema vorbei. Ignorieren Sie die gesenkten Steuersätze nicht!

GLOSSAR

Umsatzsteuer: Sie bezeichnet den Leistungsaustausch zweier Parteien, also den Umsatz, der sich am Erlös bemisst, den ein Unternehmer für seine Leistung im Inland erzielt. Umsatzsteuer ist der Oberbegriff für die „eigentliche“ Umsatzsteuer und die Vorsteuer. Die Umsatzsteuer ist eine der wichtigsten Einnahmequellen des Staates. Sie wird vom Endverbraucher bezahlt, weil sie der Unternehmer dem Finanzamt abführt.

Mehrwertsteuer: Die Umsatzsteuer wird umgangssprachlich Mehrwertsteuer genannt, im Steuerrecht wird der Begriff nicht mehr verwendet, aber er taucht nach wie vor auf Rechnungen und Quittungen auf, meist abgekürzt mit MwSt. Die MwSt. müssen die Selbstständigen auf ihre Umsätze, das heißt ihre Einnahmen, aufschlagen.

Vorsteuer: Vorsteuer wird die Umsatzsteuer bezeichnet, die einem Unternehmer beim Lieferungskauf oder Erwerb sonstiger Leistungen von einem anderen Unternehmen berechnet wird

„Durchlaufender Posten“: Als Unternehmer ist es gestattet die gezahlte Umsatzsteuer als Vorsteuer abzuziehen. Beispiel: Als selbstständiger Restaurator können Sie die Umsatzsteuer, die Sie für Schutzkleidung und Farben bezahlt haben, als Vorsteuer geltend machen. Vorsteuerabzugsberechtigte Unternehmen erhalten die gezahlte Vorsteuer dann nach der Umsatzsteuervoranmeldung bzw. Umsatzsteuererklärung vom Finanzamt zurück. Im Grunde handelt es sich bei der Umsatzsteuer um einen „durchlaufenden Posten“.

Selbstständige haben ja immer auch Lieferanten, deren Rechnungen jetzt mit einer verminderten Umsatzsteuer ausgewiesen sein sollten. Es wäre zum eigenen Schaden der Restauratoren, wenn deren Lieferanten ihre Umsatzsteuer zu hoch ansetzen würden, weil diese dann nicht in vollem Umfang als Vorsteuer geltend gemacht werden darf. Es ist deshalb wichtig alle Rechnungseingänge danach zu prüfen, ob die verminderte Umsatzsteuer aufgenommen wurde.

Wichtig: Wann wurde die Leistung ausgeführt?

Verminderte Steuersätze gelten nur für Leistungen, die im Zeitraum vom 1. Juli 2020 bis 31. Dezember 2020 ausgeführt werden, im sogenannten Übergangszeitraum. Unerheblich ist dabei der Zeitpunkt des Vertragsschlusses, der Rechnungstellung oder der Zahlung. Die Umsatzsteuer entsteht endgültig also erst mit Ausführung einer Leistung oder Teilleistung. Anzahlungen sichern dabei keinen Steuersatz. Wenn Sie Teilleistungen abrechnen möchten, müssen Sie beachten, dass zwei Bedingungen nach nationalem Recht vorliegen müssen:

  1. Es muss sich um eine wirtschaftlich sinnvoll abgrenzbare Leistung handeln.
  2. Es muss eine Vereinbarung über die Ausführung der Leistung als Teilleistungen vorliegen. Die Teilleistung muss gesondert abgenommen und abgerechnet werden.

Für die Praxis: Definieren Sie den Tag, der als Ausführungstag der Lieferung oder Leistung gilt und vermerken ihn deutlich auf der Rechnung. Auch in der Zeit vom 01.07.2020 bis 31.12.2020 hat der Ausführungstag einer Lieferung oder Leistung die entscheidende Bedeutung.

Bauleistungen und Teilleistungen

Viele selbstständige Restauratoren, besonders in der Denkmalpflege, arbeiten in einem größeren Team auf Baustellen, gemeinsam mit Architekten, Ingenieuren und Handwerkern, manche auch selbst als Planer. Bei Bauleistungen ergibt sich durch die gesenkte Umsatzsteuer nun ein besonderes Problem: Zwar werden von jeher in der Praxis Teilleistungen wirtschaftlich abgegrenzt, aber es gibt nur selten dazu Vereinbarungen zwischen Auftraggebern und Ausführenden.

Um eine jetzt nötige steuerwirksame Abnahme von Teilleistungen am Bau zu ermöglichen, müssen die Vertragspartner in einem Vertrag Vereinbarungen über Teilleistungen treffen. Nur so kann eine Teilleistung im Übergangszeitraum bis 31. Dezember 2020 mit dem Steuersatz von 16 Prozent berechnet werden. Wird die nächste Teilleistung nach dem 31. Dezember 2021 abgenommen und abgerechnet, gilt wieder der Regelsteuersatz von 19 Prozent.

Jahresleistungen und Dauerleistungen

Für Jahresleistungen wie Lizenzen ergeben sich gleichfalls Änderungen. Weil diese Leistungen mit Ablauf des vereinbarten Leistungszeitraums als erbracht anzusehen sind, gilt für sie der verminderte Steuersatz des Übergangszeitraums bis 31. Dezember 2020. Dies ist selbst dann so, wenn die Zahlung für das gesamte Jahr bereits vorab getätigt wurde. Die nachträgliche Anpassung der Zahlung und der Rechnung ist erforderlich. Sie können neue Rechnungen der Lizenzanbieter erbitten oder falls Sie selbst Dauerleistungen anbieten, sollten Sie Ihre Rechnungen korrigieren. Übrigens sind auch Zeitschriften-Abos dahingehend zu prüfen und die Preise sollten verändert werden.

Bei Dauerleistungen, insbesondere Miet- und Leasingverträgen ist sicherzustellen, dass die Verträge – sofern sie als Rechnungen fungieren – für den Übergangszeitraum bis Ende Dezember 2020 angepasst werden. Alternativ wären ansonsten die Dauerrechnungen neu auszustellen.

Achtung bei der Buchhaltung!

In der Buchführung sind neue Konten für die korrekte Verbuchung der niedrigeren Steuersätze anzulegen.

Die Steuersätze müssen in sämtlichen Ausgangsrechnungen mit deutscher Steuer angepasst werden. Dies hat zur Folge, dass kurzfristig neue Steuerkennzeichen nötig sind. Zudem ist sicherzustellen, dass die bestehenden Kennzeichen für den Übergangszeitraum bis 31. Dezember 2020 nicht verwendet werden.

Unsere Serie vermittelt Tipps für die Praxis, ist ein Ratgeber von Restauratoren für Restauratoren, kann aber keine rechtliche oder steuerrechtliche Beratung ersetzen. Bitte wenden Sie sich bei individuellen Anfragen an Ihren Anwalt oder Steuerberater!

Dr. Christiane Schillig

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