Teil 5 der Serie „Mit Kalkül“ – Der Stundensatz des selbstständigen Restaurators

Eine der wichtigsten Fragen selbstständiger Restauratoren – besonders von Berufsanfängern – ist das Ermitteln eines geschäftsfähigen Einkommens. Basis dafür ist die Kalkulation eines Stundensatzes, mit dem man kostendeckend und möglichst gewinnbringend arbeiten kann. Erst wenn der Arbeitslohn realistisch berechnet wird, lässt sich ein konkurrenzfähiges und transparentes Angebot erstellen. Preise zu kalkulieren ist eine Philosophie und […]

Eine der wichtigsten Fragen selbstständiger Restauratoren – besonders von Berufsanfängern – ist das Ermitteln eines geschäftsfähigen Einkommens. Basis dafür ist die Kalkulation eines Stundensatzes, mit dem man kostendeckend und möglichst gewinnbringend arbeiten kann. Erst wenn der Arbeitslohn realistisch berechnet wird, lässt sich ein konkurrenzfähiges und transparentes Angebot erstellen.

Preise zu kalkulieren ist eine Philosophie und zugleich die Frage einer einfachen Rechenaufgabe. Bei einem pragmatischen Ansatz, den wir an dieser Stelle verfolgen möchten, um Ihnen Tipps für den Berufsalltag an die Hand zu geben, finden wir keine Antwort darauf, was Ihre Arbeit am Kulturgut auf lange Perspektive wert ist, bzw. in welche Verdienstebene konservatorische/restauratorische Leistungen gehören. Dies ist eine ganz andere Fragestellung und die wäre gesondert zu eruieren. Hier möchten wir Ihnen zeigen, auf was es bei der Stundensatzkalkulation ankommt und welche Einzelwerte Sie unbedingt berücksichtigen sollten.

Kennen Sie die üblichen Stundensätze der Branche?

Ein Wort vorweg: Die Entscheidung, ob Sie nach dem Studium freiberuflich-selbstständig arbeiten möchten, ist gut zu überlegen. Lassen Sie sich von einem Steuerfachmann, einem Rechtsanwalt oder zum Beispiel in einem unserer Seminare zur Existenzgründung, Auftrags-Vergabepraxis und dem Coaching zum Thema „Preise verhandeln“ frühzeitig von kompetenter Seite beraten. Neben fachlichen Voraussetzungen sind in Ihre Überlegungen sich selbstständig zu machen unbedingt auch Aspekte Ihrer eigenen Persönlichkeit einzubeziehen. Nicht jeder ist für die Selbstständigkeit geschaffen. Andererseits kann die Selbstständigkeit bei Menschen Energien freisetzen, die Motivation „für das eigene Unternehmen“ und die Kreativität steigern.

Ehe Sie zu rechnen beginnen, möchten wir Ihnen zunächst empfehlen, sich über die üblichen Stundensätze der Branche, vor allem auch in Ihrer Region, zu informieren. Das ist in Ihrem Fall nicht besonders schwierig, denn wieviel die Kollegen im Vergleich als Stundensatz verlangen, ist in einer Studie des Verbands der Restauratoren aus dem Jahr 2017 festgehalten. Im Detail kann man sie im Mitgliederbereich der VDR-Website einsehen. Im Durchschnitt liegt der Stundensatz für Planungsleistungen ohne Mehrwertsteuer demnach bei ca. 46 Euro, der für die Ausführung von Restaurierungen bei ca. 41 Euro. Die Stundensätze der im VDR organisierten Restauratoren unterscheiden sich nach eigener Aussage nach dem Status, ob sie freie Mitarbeiter oder Inhaber der Ateliers sind, nach dem jeweiligen Bundesland, in dem sie arbeiten, und dem speziellen Tätigkeitsbereich.

Wunsch und Wirklichkeit: VDR-Studie listet aktuelle Stundensätze auf

Jüngere Restauratoren im Alter von 21 bis 30 Jahren haben beispielsweise einen deutlich geringeren Stundenlohn als ältere Kollegen zwischen 51 und 60 Jahren. Das Ergebnis der internen VDR-Studie ergab, dass die Stundensätze im Fachbereich Archäologisches Kulturgut am niedrigsten liegen, für den Fachbereich Moderne Kunst hingegen deutlich über dem Durchschnitt und am höchsten angesetzt sind. Laut Umfrage verdienen die Restauratoren für Archiv- und Bibliotheksgut über dem errechneten Durchschnitt von 41 Euro pro Stunde und ebenso der Fachbereich Präventive Konservierung. Im unteren Bereich liegen die Stundensätze der Restauratoren für Musikinstrumente sowie der Fachbereich Steinkonservierung.

Insgesamt sieht es so aus, dass knapp 45 Prozent der Restauratoren einen Stundensatz zwischen 41 und 50 Euro für die Ausführung restauratorischer Arbeiten berechnen und knapp 44 Prozent 41 bis 50 Euro für die Planung und Beratung in Rechnung stellen. 30 Prozent der Befragten verdienen nach eigenen Aussagen zwischen 31 und 40 Euro (Ausführung) und rund 14 Prozent liegen in derselben Höhe für Planungs- und Beratungstätigkeiten. Mehr als zehn Prozent der Restauratoren verdienen in der Stunde zwischen 21 und 30 Euro (Ausführung). Diese letztgenannten Zahlen liegen weit unter den Summen, die innerhalb und außerhalb der Branche als angemessen betrachtet werden. Die VDR-Mitglieder wünschen sich mehrheitlich einen Stundensatz von ca. 53 Euro für die Ausführung und von ca. 60 Euro für die Planung restauratorischer Arbeiten. Eine Honorarordnung – die Restauratoren sind zwar Freiberufler, aber nicht verkammert – gibt es nach wie vor nicht.

Auszug aus der Auswertung der VDR-Mitgliederumfrage vom 08.02.-05.03.2017.
Woran orientiert sich Ihr Stundensatz?
Ausschließlich betriebswirtschaftlich errechnen 4,76 Prozent der Mitglieder ihren Stundensatz, 45,77 Prozent passen den betriebswirtschaftlich errechneten Stundensatz der Marktlage an. 49,47 Prozent kalkulieren den Stundensatz nur nach der Marktlage.
Auszug aus der Auswertung der VDR-Mitgliederumfrage vom 08.02.-05.03.2017. Woran orientiert sich Ihr Stundensatz? Ausschließlich betriebswirtschaftlich errechnen 4,76 Prozent der Mitglieder ihren Stundensatz, 45,77 Prozent passen den betriebswirtschaftlich errechneten Stundensatz der Marktlage an. 49,47 Prozent kalkulieren den Stundensatz nur nach der Marktlage.

Zweistufige Berechnung des eigenen Stundensatzes

Wir möchten Ihnen im Folgenden eine zweistufige Berechnung Ihres Stundensatzes vorschlagen: Zunächst kalkulieren Sie, wieviele Arbeitsstunden im Jahr Sie tatsächlich fakturieren können, und dies möglichst angepasst an Ihre eigenen persönlichen Voraussetzungen. Wieviel wollen und können Sie arbeiten? Welche Fortbildungen sind für Sie vonnöten, welche Messepräsenzen und wieviel Akquise und Marketing? Sind Sie selten oder häufig krank?

Bei 365 Tagen im Jahr sind – in der Regel – zunächst die Wochenenden abzuziehen (105 Tage), Feiertage (8), Urlaubstage (20-30 individuell wählbar), Krankheitstage (5-15 sehr unterschiedlich), Weiterbildungs-/Messetagen (5). Das ergäbe 213 Arbeitstage und 1.720 fakturierfähige Stunden im Jahr. Außerdem sollten Sie Stunden für administrative Tätigkeiten und für Leerlaufzeiten abziehen, hier beispielhaft kalkuliert mit 30 Tagen oder 240 Stunden pro Jahr. Fakturierfähige Stunden für Sie als freiberuflicher Unternehmer wären das dann 1.480 Stunden, berechnet in diesem Fall mit 24 Urlaubs- und 8 Krankheitstagen.

Als zweiter Schritt sind die Gemeinkosten zu kalkulieren. Dazu zählt die Miete, zählen die Versicherungen inklusive KFZ-Versicherung, der Firmenwagen/Reisekosten, Wasser/Strom/Gas, Telefon/Internet, Werbung, Buchhaltung/Beratung und Kapitalkosten. Außerdem gehören das Material, die Abschreibungen, Reparaturen, Rücklagen, die Kosten für die Berufsgenossenschaft, für externe Dienstleister und für die Instandhaltung des Ateliers dazu.

Möglichst alle Ausgaben und Störfaktoren einbeziehen

Sind alle diese Aspekte bedacht, können Sie sich ans Rechnen machen. Um halbwegs sichere Stundensätze zu kalkulieren, sollte man aufs Jahr hoch- und dann auf die Stunden herunterrechnen. So bekommt man die obengenannten Fehl-, Leerlauf-, Urlaubs- und Krankheitstage besser in den Griff. Eine Verdienst- oder Gewinngarantie gibt es zwar auch auf diese Weise nicht, aber indem man möglichst alle Ausgaben und Störfaktoren einbezieht, kann man dem Ziel ein geschäftsfähiges Einkommen zu kalkulieren, schon sehr nahe kommen.

Dieses errechnet sich natürlich auch daraus, wie hoch Ihre privaten Festkosten sind und wie hoch Sie Ihren „Unternehmerlohn“ ansetzen müssen. Das sind – so der Stand 2018 – vor Steuern mindestens 2.200 Euro. Haben Sie auch das miteinbezogen, wissen Sie, wieviel Sie mindestens verdienen müssen, um dauerhaft „über die Runden“ zu kommen.

Ein Rechenbeispiel

Als Beispiel: Wenn für Ihr Auskommen 2.500 Euro netto monatlich erforderlich wären, sind das ca. 5.000 Euro brutto pro Monat, also 60.000 Euro brutto pro Jahr. Abzüglich der Wochenenden, Feiertage, des Urlaubs und der Krankheitszeiten bleiben Ihnen 183 Arbeitstage. Pro Tag benötigen Sie folglich ein Einkommen von 60.000 / 183 = 328 Euro (brutto) pro Tag = 41 Euro (brutto) pro Stunde. Hier sind aber noch keine betriebsbedingten Anschaffungen und Versicherungen vorgesehen. Bezieht man Kosten wie Büroausstattung, Verbrauchsmaterial, Mieten für Gewerberäume sowie Löhne für Aushilfen mit ein, muss man zusätzlich rund 20 Prozent des Einkommens dafür einplanen und wäre – ja nach eigener Risiko-Bereitschaft – auf einem Stundensatz zwischen 46 und 53 Euro, und das, um am Ende 9 bis 15 Euro netto in der Stunde verdient zu haben.

Entscheiden Sie sich als freier Mitarbeiter am Markt aufzutreten, ändern sich die Berechnungen. Sämtliche Kosten, die den Unterhalt eines Ateliers betreffen, fallen weg. Wenn Sie allerdings langfristig vorhaben ein Atelier einzurichten, sollte Ihr Stundensatz eine Investitionsrücklage enthalten. Und nicht vergessen sollten Sie: Auch als freier Mitarbeiter muss man Steuern und Abgaben zahlen und den Vorsorgeaufwand abdecken.

Verhandlung mit dem Kunden

Nachdem Sie sich über die branchenüblichen Stundensätze informiert und Ihren persönlichen Stundensatz kalkuliert haben, kann es in die Verhandlung mit dem Kunden gehen. Ziel ist es natürlich den Kunden für sich zu gewinnen. Sollte das Ihnen angebotene Honorar unter Ihren Erwartungen liegen, können Sie – falls Sie nicht gleich absagen möchten – unter dem Vorbehalt einer Neuverhandlung in den nächsten Monaten später noch zu einem befriedigenderen Ergebnis für sich kommen. So verlieren Sie – ganz besonders wichtig als Berufseinsteiger – ihren Kunden nicht sofort wieder und haben die Gelegenheit Ihr Können unter Beweis zu stellen.

Bitte immer mal wieder nachkalkulieren

Mein ganz dringender Appell ist es, dass Sie die Stundensätze immer mal wieder nachkalkulieren. Die Preise steigen stetig und ein geschäftsfähiges Einkommen sollte auf jeden Fall das Ergebnis Ihrer Selbstständigkeit sein, auch wenn das mit Sicherheit leichter gesagt als getan ist. Es gibt immer mal magere Jahre, durch die sich Selbstständige nicht sofort entmutigen lassen dürfen, dennoch sollten die Kalkulationen und die einhergehenden Erwartungen auf Dauer nicht zu niedrig geschraubt werden. Restauratoren sind sehr wichtige Räder im Kulturbetrieb und tragen einen wertvollen Teil zum Kulturgutschutz und der Nachhaltigkeit unserer Gesellschaft bei. Das gilt es angemessen zu entlohnen.

Text: Dr. Christiane Schillig

Hinweis: Weitere Teile der Serie "Mit Kalkül" finden VDR-Mitglieder im internen Mitglieder-Bereich dieser Website (bitte einloggen) unter "Betriebswirtschaftliche Infos".