Volker Ehlich (1951-2019) – ein Nachruf

Ein Nachruf für Volker Ehlich – in Dresden geboren am 10.02.1951. Er starb am 24.02.2019 im „Hospiz Kieler Förde“ in Kiel. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit … (Koholet – Prediger 3, in der Übersetzung nach M. Luther) […]

Ein Nachruf für Volker Ehlich – in Dresden geboren am 10.02.1951. Er starb am 24.02.2019 im „Hospiz Kieler Förde“ in Kiel.

Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit …
(Koholet – Prediger 3, in der Übersetzung nach M. Luther)

Im Dorf der sieben Seen – Brodowin -, einem für Insider längst bekannten Ökodorf im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, nach vielen Jahren der Rastlosigkeiten, die Volker Ehlich als seine „Zwischenstationen“ betrachtete, fand er auf seiner langen Suche nach Unabhängigkeit und Ruhepunkt, Haben und Lassen, Nähe und Distanz endlich diesen seinen Sehnsuchtsort Brodowin, wo er lebte und tätig war und wo er alles hatte: seine Welt, seine Familien, seine Freunde, sein Zuhause.

Volker Ehlich (1951-2019)

Trat man aus dem Wohnhaus seines Anwesens, einem Ort, der jeder und jedem, wer es nur wollte, offen und einladend jederzeit zur eigenen Verfügung stand, oder kam man aus dem Atelier seiner handwerklich, künstlerischen und restauratorischen Beruflichkeit, dann offenbarte sich den stets willkommenen Freunden, Kollegen, auch spontan anklopfenden Gästen von nah und fern ein erheiternder Weitblick über die unendlich scheinenden Äcker, Felder und Wiesen.

Und diese Weite, diese intensiven, auch mal unruhig-erinnernden Blicke auf die gelebten und erlebten Vielfältigkeiten des Seins, dieser Reichtum an Möglichkeiten, sich immer wieder sein Leben selbst zu gestalten, aber auch deren Grenzen zu bewältigen, die Dinge stets selbst zu formen und zu genießen, vieles anzupacken oder es auch wieder zu lassen – das war Volkers Lebensphilosophie und Maxime.

Natürlich war es die Nähe zu Berlin, wo Volker zunächst viele Jahre verbrachte, im abgewrackten Hinterhaus der Oderberger Straße, Prenzlauer Berg, wo er temporär sein Atelier betrieb für die Rekonstruktionen oder Restaurierungen bildhauerischer Bildwerke. Die Berliner Mauer in unmittelbarer Nähe die Straße brutal quer schneidend, diese äußere Eingrenzung war für ihn wie für viele Bedrängnis und Antrieb zugleich, immerfort diese Begrenzung durch individuellen Widerstand innerlich zu durchbrechen – will heißen: Freiheit!

Während einer von ihm vor seinem Tode bestimmten Erinnerungs-Andacht in der Brodowiner Kirche, wo am 16. März 2019 eben all diese ihn umgebenden, von ihm in jeder Hinsicht empfangenen und angenommenen und vielleicht irgendwann äußerlich dann auch wieder gelassenen Menschen nach seiner Beerdigung in Eckernförde zusammenkamen, lasen wir als seine engsten Freunde seit 1967 (Pfarrer Karli Maischner, Jochen Flade mit Sohn Markus) biografische Skizzen und Erinnerungstexte, begleitet von Orgelmusik; das war sein beharrlicher Wunsch – und es war gut, diese Wieder-Begegnung in seinem Brodowin mit Allen!

Dass Volker gleichsam metapherhaft ganz bewusst das Musikstück von Arvo Pärt (1978); „Spiegel im Spiegel“ seinen notierten Lebensaufzeichnungen und denen seines Bruders Rainer voranstellte, offenbarte sich den Anwesenden ansatzweise: Pärt nutzt das Symbol X tonal für ein Duo für Bratsche und Klavier als eine vier sich zu- und auch wieder voneinander wegbewegende Komposition – diese feine, im Hör-Erleben sehr beruhigende, meditative, für jeden Anwesenden eigene Erinnerungen auflebende Musik, umriss sein fürwahr wechselvolles, privates und beruflich ambivalentes Leben.

10-Klassen-Schulzeit in Dresden, Tischlerlehre (die bedeutende Bilderrahmenfabrik seines Vaters im Dresdner Süden sollte er später wunschgemäß übernehmen), 18 Monate Armeezeit in der DDR-NVA, Studium an der Fachschule für Holztechnologie Dresden, zweijährige Ingenieurtätigkeit in Leipzig (Pianoindustrie), ab 1978 in Berlin, Tätigkeit in der Werkstatt der Komischen Oper Berlin, Abendstudium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, ab 1978 Mitarbeiter in der Restaurierungswerkstatt der Staatlichen Museen zu Berlin und parallel dazu bis 1982 4-jähriges Fachschulfernstudium für Holz-/Skulpturen-Restaurierung am damaligen Museum für Deutsche Geschichte Berlin (Abschluss wurde nach der Wiedervereinigung von der Berliner Senatsverwaltung als Dipl.-Restaurator / FH generell anerkannt), ab 1986 bis 2017 als aufgenommenes Mitglied des damaligen DDR-Verbandes Bildender Künstler / VBK, Sektion Restaurierung freiberuflich tätig (später Mitglied des gegründeten gesamtdeutschen Verbandes der Restauratoren / VDR).

Hinter diesen nüchternen biografischen Skizzen verbirgt sich einerseits eine für einstige DDR-Zeiten ansatzweise typische Berufsentwicklung, die alle Energie eines nach Individualität drängenden Menschen aufzeigt. Andererseits sind die Kompliziertheiten aus heutiger Sicht kaum zu erahnen, die zu bewältigen waren, um das in einer SED-Diktatur erreichen zu können, was für handwerklich-künstlerisch wirkende Individuen – hier in der Restaurierung – selbstständig arbeiten zu können Vision waren: innere und äußere Freiheit, eine während der SED-Diktatur geradezu verrückte Orientierung.

Auch Volker schaffte es, etwas anderes wäre für ihn gar nicht möglich gewesen. Ab 1996 erfüllte sich für Volker dann sein Traum: sein eigenes Haus, sein eigener Hof und sein eigenes Atelier ab 2001 – und das alles eben in seinem Brodowin. Mit Beginn seiner Freiberuflichkeit – als Mitglied des VBK konnte man eine Steuernummer beantragen und hatte man Glück, wurde diese bewilligt – gab es zunächst ziemlich rasch eine über
Jahre andauernde Tätigkeit in Güstrow (Ernst Barlach). Nach Öffnung der innerdeutschen Grenzen und den sich Gott sei Dank gesamtdeutsch eröffnenden Arbeits-Möglichkeiten auf nun bundesdeutscher Rechtslage (!) begann wie für viele Restauratoren gleichfalls für Volker ein verrücktes, umtriebiges und fachlich bemerkenswertes Berufsleben, wohin es ihn im Besonderen in den Norden unseres Landes führte, neben Potsdam und Dresden.

Schloss Sanssouci, Potsdam; Bildergalerie – „Bittgang der Römerinnen, ehemals um Familie des Großen Kurfürsten“ (Foto: B. Jakisch, Postdam)

Fragmentarisch sollen an dieser Stelle im folgenden singuläre Restaurierungsobjekte aufgeführt werden, die er mit vielen Kolleginnen und Kollegen objektgebunden sowohl in zuverlässigem Teamwork als auch in anerkannt-hervorragender Qualität bearbeitete und zum Abschluss brachte:
Umfassende Restaurierungen, bildhauerischen Ergänzungen und Vergoldungen von 1995-2004 für das Schloss Sanssouci (Neues Palais + Bildergalerie) sowie Rekonstruktionen von Sofas, ebenfalls für Sanssouci (kleine Galerie) in professioneller Zusammenarbeit mit Andreas Rink (Dresden).
Weiterhin als bemerkenswert zu nennen sind die Konservierungen/Restaurierungen 2000/2001 des Hochaltars von Schlüter mit spätgotischer Flügelretabel in der St. Nikolaikirche Stralsund, des spätgotischen Flügelaltars (1522) der Pfarrkirche St. Marien in Güstrow, Konservierung, Restaurierung und Wiederaufbau des sog. Marienkrönungsaltars 1992 bis 1999 in St. Marien Stralsund, ab 1994 bis 2001 die des Altars in der Dorfkirche Stuer, Rekonstruktionen einiger Kapitelle und Kartuschen des neu zu schaffenden Orgelprospektes zur Orgel von Kern (Strasbourg; 2005) in der Frauenkirche Dresden, Arbeiten am spätbarockem Orgelprospekt der Dorfkirche Russow (Rerik in Mecklenburg-Vorpommern) während der Orgel-Restaurierung 2009 durch die Firma Jehmlich/Dresden, Rekonstruktion der plastischen Elemente des Orgelprospektes (Schleierbretter, Vasen + Kartusche) der von Kristian Wegscheider (Dresden) nach Chr. Leibner (1753) neu erbauten
Orgel der Loschwitzer Kirche Dresden, ab 1994 bis 1997 Restaurierungsarbeiten an den Altären der Dorfkirchen Stuer, Bollewick-Näthebow, Kratzeburg (Meck.-Pom.).

Stets konnten diese hochrangigen, vor allem auch zeitlich und logistisch höchst anspruchsvollen Objekte nur bewältigt werden mit Volkers glücklicher Hand, am richtigen Ort die richtigen, sympathischen und besonders tatkräftigen Menschen um sich zu haben; stellvertretend für viele müssen genannt werden Bärbel Jackisch (Dipl.-Rest. / Potsdam), Dr. Gabriele Schwartz (Dipl.-Rest. /Berlin), Ursula Lins (Dipl.-Rest. / Schleswig), Katharina Geipel (Dipl.-Rest. FH / Berlin), Andreas Rink (Dipl.-Ing. und Holzgestalter / Dresden) und sein Bruder Rainer Ehlich (Dipl.-Ing. + Architekt / Dresden).

Als Kosmopolit und Geist, der sich immer wieder der Gefahr einer womöglich aufkommenden Engigkeit zu widersetzen suchte, trieb es Volker mit für ihn wichtigen Menschen zu vielfacher Kommunikation, und es weitete seinen Horizont bei ausgedehnten Reisen z.B. in die USA, Patagonien, Italien, oder er segelte in Abständen mit Freunden durch die Meere oder auf Seen oder Flüssen und wanderte mit ihnen in der ihn beruhigenden, ihn immer wieder faszinierenden Natur.

Sein zu Ende gehendes Leben, in Eckernförde mit Verena und seinem ihm sehr ans Herz gewachsenen, spätgeborenen Sohn Aron in einem eigenen Haus unweit der Ostsee, genoss er in den letzten Jahren, vor allem aber stets sein Eintauchen in die See mit den Blicken in die weite Ferne.

„Wir werden uns alle wiedersehen“ – diese Gewissheit war für Volker in seinen letzten Stunden im Kieler Hospiz von großer, inniger Bedeutung – so sei es.

Jochen Flade, im Mai 2019 / Dresden