Zusammenwirken – Die Denkmalbaustelle aus dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen

Am 13.09.2019 fand in der Johanniskirche in Brandenburg a.d. Havel ein Fachgespräch über das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen auf der Denkmalbaustelle statt. Die Resonanz auf die Veranstaltung war groß, mit über 200 Teilnehmern war die Johanniskirche voll besetzt. Auch der VDR beteiligte sich an diesem Treffen der Disziplinen, das von der Brandenburgischen Architektenkammer, dem Brandenburgischen Landesamt […]

Am 13.09.2019 fand in der Johanniskirche in Brandenburg a.d. Havel ein Fachgespräch über das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen auf der Denkmalbaustelle statt. Die Resonanz auf die Veranstaltung war groß, mit über 200 Teilnehmern war die Johanniskirche voll besetzt. Auch der VDR beteiligte sich an diesem Treffen der Disziplinen, das von der Brandenburgischen Architektenkammer, dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum und dem Büro Krekeler Architekten Generalplaner, mit freundlicher Unterstützung der Stadt Brandenburg an der Havel, organisiert und durchgeführt wurde.

Prof. Dr. Jan Raue und Olaf Schwieger (beides Dipl.-Restauratoren im VDR-Präsidium) berichteten in ihrem Vortrag über die Arbeit der Restauratoren, die den Dualismus von Planung und Umsetzung beinhaltet sowie über die Gründung der Fachsektion "Restaurierung und Denkmalpflege" der Brandenburgischen Ingenieurkammer (BBIK) im Sommer 2018 und welche Vorteile hieraus erwachsen.

Mit freundlicher Genehmigung der Autoren sowie vom Büro Krekeler Architekten Generalplaner, die auch die Fotos zur Verfügung gestellt haben, veröffentlicht der VDR im Folgenden die Redebeiträge von Jan Raue und Olaf Schwieger.

Fassung bewahren - Fassung erhalten. Restauratoren als Partner in der Planung und Umsetzung

Jan Raue: Olaf Schwieger und ich teilen uns diesen Vortrag in zwei inhaltliche Schwerpunkte: der Restaurator als das „unbekannte Wesen“ und der Restaurator als das „ingenieurähnliche Wesen“. Ich stehe hier für das Unbekannte. Sie alle kennen Restauratoren aus Ihrer beruflichen Praxis und/oder aus dem Freundeskreis. Was also könnte an dem betreffenden Beruf noch unbekannt sein? Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Zum letztjährigen Europäischen Tag der Restaurierung wurde ich von einem Kulturredakteur des Deutschlandfunks interviewt, wir hatten sogar ein Vorgespräch. Und nachdem ich es am Telefon hochkonzentriert geschafft hatte, alle mir wichtigen Punkte unterzubringen – die interdisziplinäre Hochschulausbildung unseres Fachs, der wissenschaftliche Ansatz zur Erhaltung historischer Zeitzeugnisse, der hohe MINT-Anteil im Studium, der darauf zielt, die Denkmalsubstanz optimal zu erhalten und die Schulung für die ästhetische Komponente mit dem Ziel des Wiederlesbarmachens der Kunstwerke, letztlich das Zusammenwirken mit den anderen Experten des Kulturguterhalts – sank ich glücklich und erschöpft zusammen und erwartete die Sendung des Beitrags 10 Minuten später. Wissen Sie, wie die Anmoderation lautete? „Und nun zu einem handwerklichen Thema, dem Tag der Restauration.“

Wenn mein Fach also auch einem Kulturredakteur im Hörfunkleitmedium so unbekannt ist, dass ich nicht ansatzweise durchdringe mit meiner Erzählung, muss ich von einem immer noch geringen Bekanntheitsgrad meines Fachs ausgehen. Dieser geht einher mit einer durchaus großen Sympathie, die dem Beruf entgegenschlägt, etwa wenn man sich auf einem Empfang im Smalltalk zu ihm bekennt, einer gewissen romantischen Verklärung vielleicht, die es dann so genau auch wieder nicht wissen will, weil man sich seine Klischees unter Umständen auch nicht zerstören lassen will.

Denn wenn man sich allzu detailliert die oben angedeuteten Aspekte des Berufs im Einzelnen vergegenwärtigt, so ein Studium, dass bis zum Master mindestens 10 Semester dauert, und die Module im Einzelnen betrachtet, dann kommen die Fragen: Dann sind Sie so eine Art Kunsthistoriker? Oder, wenn der hohe Anteil an naturwissenschaftlich-technischen Problemstellungen in den Vordergrund rückt, dann sind Sie so eine Art Chemiker? Zeige ich Ergebnisse der künstlerischen Studienanteile, Fresko, Mosaik, Materialimitationen, Vergoldungen, hört man mitunter, ja, so etwas Künstlerisches hätte ich auch immer gern gemacht! Und weist man am Ende auf den hohen Praxisanteil hin, der das Studium in allen Phasen durchzieht, kommt unvermeidlich das Aufseufzen: Also doch so eine Art Handwerker!

Ich kann nur sagen, ja, Konservierung und Restaurierung ist alles das zusammen und doch nicht einfach ein Schnipsel hier und ein Bruchstück da, sondern ein auf der Basis von fünf Jahrzehnten Hochschulpraxis entwickeltes modernes Studium, das in seiner Transdisziplinarität sehr nah am Puls der Zeit ist. Aus den einzelnen Modulen entsteht nicht die Aneinanderreihung von zusammenhanglosen Fragmenten, sondern ein eigenes, neues Ganzes, ein durch und durch zeitgemäßer Beruf im Chor der Denkmal- und Museumsprofessionen. Ich gebe mal ein Beispiel: Meine älteste Tochter studiert in Magdeburg „Kognitionswissenschaft“ – was ist das? Das Studium setzt sich zusammen aus Psychologie, Philosophie und Neurobiologie. Das Fach entwickelte sich auf bestimmte aktuelle Bedürfnisse der sich digitalisierenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abläufe hin erst in den letzten Jahren. Und fügt sich zusammen aus Teildisziplinen und findet sich unter einem Dach.

Restauratoren werden an Museen seit bald 200 Jahren als „Restauratoren“ ausgebildet (das erste war das Königliche Museum in Berlin, Stichjahr 1824), seit über 50 Jahren in Deutschland im Hochschul-Direktstudium (den Beginn machte die Kunsthochschule Weißensee im Jahre 1968, es folgten Dresden, Stuttgart und inzwischen sieben weitere). Aber im Gegensatz zum extrem jungen Fach meiner Tochter, die vermutlich zukünftig keine Probleme haben wird, als Wissenschaftlerin angesprochen und eingestellt zu werden, reichen offenbar beim Restaurator 200 Jahre noch nicht, um den Beruf im Kanon einzusortieren. Der Grund dafür ist mir voll und ganz bewusst: Es ist der Anteil der Fingerfertigkeit im Tun am Kunstwerk, ein Aspekt, den man in einer unvoreingenommenen Zeit mit gutem Gewissen als „Handwerklichkeit“ im besten Sinne bezeichnen würde, die ideale Verbindung von Geist, Auge und Hand am Gegenstand. Im deutschen Wertekanon verteilt sich auf solche Berufe hohe Bewunderung und gleichzeitig leichte Geringschätzung. Noch immer ist bei uns das Sich-die-Hände-schmutzig-machen eine Art Ausschlusskriterium vom wissenschaftlichen Olymp. Ganz im Gegensatz z.B. zum so kunstaffinen Italien, wo die Restauratoren höchste Wertschätzung genießen und ihr Berufstitel gesetzlich geschützt wird.

Ein Freier Beruf sollte sich nicht auf Handwerklichkeit stützen? Da werden die Ingenieurinnen und Architekten unter Ihnen zurecht ganz anderer Meinung sein. Was wir bauen, das soll stehen, was wir erhalten, das soll bleiben – das Verständnis fürs Material, seine Stärken, seine Schwächen, seine Formbarkeit und seine Sprödigkeit, das muss man sich knetend, hämmernd und streichelnd, spaltend und zusammenfügend erarbeitet haben um es, mit seiner wissenschaftlichen Ausbildung im Gepäck, verstehen und umsetzen zu können.

Auch wenn die Vergleiche zwischen Arzt und Restaurator inzwischen etwas abgedroschen sind, macht die Referenz besonders zum Chirurgen doch deutlich, worum es geht: Ohne das Zusammenwirken von geschulter Wissenschaftlichkeit und trainierter Fingerfertigkeit (vulgo: Handwerklichkeit) kann die Operation nicht gelingen. Niemand von den Anwesenden würde sich freiwillig unter das Messer legen, wenn er oder sie wüsste, da hat ein Operationsplaner ein Konzept entwickelt, und jetzt kommt ein Schneide- oder Sägepraktiker und der zieht das an mir durch.

Am Beispiel der Chirurgie wird deutlich, dass unsere Qualitätsansprüche im Umgang mit unserem Kulturellen Erbe keine geringeren sein sollten. Restauratoren können und dürfen sich daher nicht auf unbefleckte Positionen zurückziehen, um im Elfenbeinturm der „reinen Geisteswissenschaft“ einzuziehen. Sie haben den langen Weg zu gehen. Kaum einer weiß noch, dass der Chirurgenberuf sich – viel später als die Medizin insgesamt – erst im 19. Jh. zur akademischen Disziplin entwickelte und lange noch Bader und Feldscher als Handwerker angesehen wurden. Was Restauratoren also weiterhin brauchen, sind guter Mut, Überzeugungskraft durch ihren planerischen und praktischen Beitrag und viel, man kann fast sagen, historische Geduld.

Hiermit möchte ich an meinen Kollegen Olaf Schwieger übergeben, der einen Aspekt des bunten Restauratorenwesens herausgreifen wird. Den, der Ihnen auf der Denkmalbaustelle häufig in der Umsetzung restauratorischer Leistungen, zunehmend aber auch in den Planungsrunden begegnen wird, den Restaurator als Mitglied der Ingenieurkammer.

Was sind die Aufgaben der Restauratoren auf den Denkmalpflegebaustellen?

Olaf Schwieger: Vielen Dank, werter Kompagnon, liebe Kolleginnen und Kollegen, ja bunt ist das Restauratorendasein tatsächlich, auch sehr vielfältig und sicherlich äußerst interessant. Vielen Planern im Denkmalbereich waren Restauratoren in der Vergangenheit zumeist als sehr tatkräftige aber eher praxisorientierte Bewahrer des Kulturgutes geläufig – zuweilen auch als Farbgutachter bzw. sog. "Befunduntersucher". Moderne Denkmalpfleger kennen mittlerweile das doch recht breite Tätigkeitsspektrum des Restauratorenberufes. Vor allem unsere neuen Kollegen aus der Ingenieurkammer haben unser Potenzial erkannt und nutzen es fachkundig und freundschaftlich.

Obwohl das jeweilige spezifische Wissen, angesichts der sich teils doch sehr ähnelnden Studieninhalte, auch gewisse Parallelen aufweisen, sind die Berufsbilder von Ingenieuren und Restauratoren in der Regel doch sehr unterschiedlich und dies ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass Ingenieure nur selten „Hand anlegen“.

Da restauratorische Leistungen selten erschöpfend beschreibbar sind, gestaltet sich auch die Planung dieser Leistungen als außerordentlich herausfordernd. Wer weiß z.B. schon, wie sich ein Kunstwerk freilegen lässt – selbst Musterarbeiten bieten hierzu keine abschließenden Erkenntnisse, Aufwand, Erfolg und Risiken einer Freilegung umfassend beurteilen und festlegen zu können. Es stellen sich verschiedene Fragen: Wie wird der Zustand nach der Freilegung sein? Welcher Konservierungs- und Retuscheaufwand ist einzuplanen? Zudem stellt sich sicher auch die Frage nach dem grundsätzlichen Sinn einer solchen Freilegung. Oft ist die freigelegte Gestaltung durch Umweltfaktoren stärker gefährdet als im überdeckten Zustand. Erkenntnisse beispielsweise zur Salzbelastung, zu klimatischen Bedingungen, zu den Bestandsmaterialien und zur Objektgeschichte müssen akribisch ermittelt und bewertet werden. Die Erarbeitung eines Konservierungs- und Restaurierungskonzeptes ist also oft recht komplex und birgt die unterschiedlichsten Risiken.

Restauratoren sind als Fachplaner seit vielen Jahren in der Denkmalpflege tätig, zumeist in der Planung komplexer Restaurierungsprojekte. In der Vergangenheit gab es hierzu keinerlei Verordnungen, Gesetze oder sonstige „Leitplanken“. Oftmals haben Restauratoren lediglich auf Stundenbasis dem Planer Zuarbeit geleistet, die Gewährleistungsproblematik wurde dabei weitgehend ausgeblendet.

Auch wenn Strukturen und Leitbilder im Berufsbild Restaurierung auch aktuell noch in den Kinderschuhen stecken, sehen wir durchaus Licht am Horizont: Seit 2015 ist es möglich, dass Restauratoren in die Brandenburgische Ingenieurkammer (BBIK) als Mitglied aufgenommen werden können. Der Nachweis eines Hochschulstudiums im Fachbereich Restaurierung mit einem über 50-prozentigen MINT-Anteil bildet hierbei eine kleine Hürde, die seitdem aber gerne und oft genommen wurde. Damit hat Brandenburg einen bedeutenden Schritt in eine fortschrittlichere Denkmalkultur getan und wirkt hierdurch als Vorbild für weitere Bundesländer, wie z.B. Sachsen-Anhalt, Bayern oder Baden-Württemberg. Seit Sommer 2018 besteht in Brandenburg zudem die BBIK-Fachsektion Restaurierung und Denkmalpflege in dessen Beirat Ingenieure und Restauratoren die Ausrichtung gemeinsam bestimmen.

Doch was ist der Mehrwert einer Zusammenarbeit in der Kammer? Sicher ist hierbei der fachliche Austausch, die kollegiale Vernetzung und die Möglichkeit einer seriösen Altersvorsorge über das Versorgungswerk zu nennen. Aber auch die Einbindung in einen etablierten Planungsablauf wird für Restauratoren über die Kammer vereinfacht. So stehen einem diverse Ausschüsse und Fachsektionen zur Verfügung – über die Zusammenarbeit mit dem Honorarausschuss der BBIK wurde es uns beispielsweise kürzlich ermöglicht, eine Honorarempfehlung für Restauratoren in der Planung und in der Umsetzung über die Webseite der BBIK zu veröffentlichen.

Auch die offizielle Einbindung der Restaurierungsplanung in die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure wird aktuell angestrebt. So beschäftigt sich zur Zeit ein Expertengremium aus Kammervertretern und dem Verband der Restauratoren mit den spezifischen Grundleistungen sowie auch den besonderen Leistungen und deren Zuordnung zu den verschiedenen Leistungsphasen. Eine Veröffentlichung in einem sog. „Grünen Heft“ des Ausschusses der Verbände und Kammern der Ingenieure und Architekten für die Honorarordnung (kurz: AHO) wäre ein Meilenstein für die Kollegen und vor allem für den substanziellen Erhalt unseres Kulturerbes. Durch die Etablierung restauratorischer Kompetenz in der Schnittstelle zwischen Planung und händischem Substanzerhalt wäre die bisherige Gefahr einer fachfernen Projektierung weitgehend gebannt.

Es eröffnet sich ein bunter Strauß verschiedenster Möglichkeiten in der Förderung einer modernen Denkmalkultur. Deutlich wird aber auch, dass jedes Objekt einer individuell durchdachten Planung und Umsetzung bedarf. Gewonnene Erkenntnisse zum Substanzerhalt sind selten schematisch übertragbar oder als Grundlage für eine beliebig zu vervielfältigende Handlung zu begreifen. Auch der händische Umgang mit dem Objekt, ob Weltkulturerbe oder auch eine einfache Dorfkirche, darf durchaus als eher modellhafte Umsetzung eines zuvor schon wohl durchdachten Konzeptes gewertet werden.

Seit Sommer dieses Jahres kann sich der Restaurierungsplaner für sein Tun nun auch über eine maßgeschneiderte Haftpflichtversicherung  absichern. Diese Versicherung ist lediglich für Restauratoren mit Hochschulausbildung geschaffen worden, welche Mitglied in der Ingenieurkammer oder im Verband der Restauratoren sind. Für die Mitgliedschaft in der Kammer ist diese Versicherung sogar eine Grundvorausetzungen für die Aufnahme und somit auch für die Arbeit als Planer. Was uns hierzu noch fehlt, sind Erkenntnisse zum spezifischen Risiko in der Restaurierungsplanung. Sicher werden in den nächsten Jahren statistische Erhebungen erste Ergebnisse liefern; dem Verband der Restauratoren ist aber bisher kein einziger negativer Fall bekannt geworden – möglicherweise auch ein Indiz für den hohen Ausbildungsstand eines leider noch immer ungeschützten Berufes.

Ja, tatsächlich, jeder kann sich in Brandenburg Restaurator nennen und entsprechende Aufträge annehmen. Wiederholte Bestrebungen in den verschiedenen Bundesländern haben lediglich in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Früchte getragen. Nun soll Brandenburg, gewissermaßen als Brückenzone folgen. Die Ingenieurkammer hat hierzu aktuell einen Gesetzesentwurf vorgelegt und die Fraktionen im Landtag scheinen offenbar nicht ganz abgeneigt. Sollte dies gelingen, wird jedem Restaurator und jedem Denkmalpfleger der Mehrwert unserer Verkammerung sicherlich schnell begreiflich werden.

Denn: Hinter jedem Denkmal steht im besten Fall auch ein kluger Kopf (oder Knopf?). Egal: Lasst uns diesen Knopf drücken ...

Vielen Dank!